Berliner Amateurvereine und der gefährliche Traum vom Profifußball

Der Goldrausch

Um nach oben zu kommen, lassen sich Berliner Amateurvereine mit Investoren ein. Das viele Geld ist verführerisch – doch statt des Aufstiegs droht der Absturz. 

imago images

Die Fußballer von Berlin United haben am vergangenen Wochenende einen wichtigen Erfolg auf dem Weg in die europäische Spitze gefeiert. 2:1 gewonnen, nach 0:1- Rückstand. Drei Minuten vor Schluss fiel der Siegtreffer für den Tabellenführer gegen den Tabellenletzten SV Blau-Weiß Hohen Neuendorf - vor 187 zahlenden Zuschauern in der Landesliga, 2. Abteilung.

Siebte Liga, das ist derzeit die Realität bei Berlin United. Aber das soll sich bald ändern. »Auch wir können träumen«, steht auf der Homepage des Vereins. Träumen von Europas modernster Fußballarena, in der United irgendwann spielen wird. Nicht gegen Hohen Neuendorf, sondern in der Champions League gegen den FC Liverpool. Schon in diesem Jahr sollen erste Architekturentwürfe präsentiert werden. Dazu plant der Klub ein Nachwuchsleistungszentrum mit mehreren Rasen- und Kunstrasenplätzen, einer Fußballhalle, einem Hotel und einer Arena mit 5000 Plätzen. United sucht dafür ein Grundstück in Berlin. »Wir freuen uns über jedes Angebot.«

Anfang des Monats hat die Deutsche Fußball-Liga (DFL), die Vertretung der 36 Erst- und Zweitligisten, ihren neuen Wirtschaftsreport vorgelegt. Der Report enthält naturgemäß viele Zahlen - und vor allem eine Botschaft. Der deutsche Fußball kennt nur eine Richtung: nach oben. Zumindest was die Finanzen angeht. 4,42 Milliarden Euro haben die Bundesligisten 2017/18 erlöst und damit den 14. Umsatzrekord hintereinander verbucht. Die Steigerung im Vergleich zum Vorjahr betrug 13 Prozent. »In den vergangenen zehn Jahren ist die Bundesliga deutlich stärker gewachsen als die deutsche Volkswirtschaft«, schreibt die DFL.

»Riesiges Entwicklungspotenzial«

Am Boom des Fußballs wollen viele teilhaben. Auch in Berlin. Oder gerade hier. Berlin kennt schließlich auch nur eine Richtung. Nur nicht im Fußball. Aber das kann man ja ändern.

Kann man das?

»Berlin ist schon eine Stadt mit riesigem Entwicklungspotenzial«, sagt Bernd Schultz, der Präsident des Berliner Fußballverbands (BFV). »Aber noch ist es selbst für Profivereine wie Hertha BSC und den 1. FC Union schwierig, lokale Sponsoren zu finden.« Was sollen erst Klubs aus der vierten oder fünften Liga sagen, die vor ein paar Hundert Zuschauern und damit quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit spielen? Trotzdem träumen alle davon, zur dritten Kraft hinter Hertha und Union aufzusteigen. Einen kleinen Klub groß rauszubringen und am Ende fett abzusahnen. Entweder Geld. Oder Ruhm. Oder beides.

Dabei ist der Berliner Fußball ein Friedhof gescheiterter Träume. Blau-Weiß 90 war vor 30 Jahren sogar die erste Kraft in Berlin, schaffte es 1986 dank der Unterstützung eines windigen Investors bis in die Bundesliga - und landete ein paar Jahre später in der Insolvenz. Tennis Borussia sollte um die Jahrtausendwende vom Finanzinvestor Göttinger Gruppe ganz nach oben gebracht werden - und landete kurz darauf in der Insolvenz. Beim Regionalligisten Viktoria 89 stieg im vergangenen Jahr ein Geldgeber aus China ein, der dem Viertligisten aus Lichterfelde in einem Crashkurs professionelle Strukturen verpassen und irgendwann sogar Hertha BSC Konkurrenz machen wollte - inzwischen läuft das Insolvenzverfahren.

812 Zuschauer statt zweite Liga

Das hält andere Klubs nicht davon ab, groß zu träumen. »Grundsätzlich stehe ich solchen Engagements erst einmal positiv gegenüber«, sagt Bernd Schultz, 61, der seit 1973 im Berliner Vereinsfußball tätig ist, seit 1985 im Verband und ihm seit fast 15 Jahren als Präsident vorsteht. Viktorias Pläne klangen für ihn durchaus vernünftig, der Investor sei schließlich nicht irgendeine Einzelperson gewesen, »die meint, ihren Lottogewinn investieren zu müssen«. Der Chef einer großen chinesischen Hotelkette war vor allem am Standort Berlin mit seinem internationalen Renommee interessiert und verfügte auch über Erfahrung im Profifußball. »Skeptisch bin ich bei dem Aspekt geworden, dass man gleich ein zweitligataugliches Stadion bauen wollte«, sagt Schultz. Am Wochenende hat Viktoria 1:0 gegen Hertha BSC gewonnen. Gegen die zweite Mannschaft. Vor 812 Zuschauern.

Braucht Berlin überhaupt eine dritte Kraft im Fußball? Als Vergleichsgröße wird gerne London herangezogen. Auch eine Weltstadt, in wirtschaftlicher, touristischer, aber eben auch fußballerischer Hinsicht. Allein in der Premier League spielen sechs Londoner Klubs. Nur sind beide Städte schwer miteinander zu vergleichen. Fulham, Tottenham oder Arsenal sind fest in ihren Stadtteilen verwurzelt, haben in der Regel eigene Stadien an traditionellen Standorten. All das trifft für Berlin nicht zu.

In der Dreieinhalbmillionenstadt gibt es nur zwei Stadien, die überhaupt drittligatauglich sind: das Olympiastadion und die Alte Försterei des 1. FC Union. »Im gehobenen Amateurbereich hat Berlin großen Nachholbedarf«, sagt Bernd Schultz. Das Poststadion in Moabit, das mal 60 000 Zuschauer gefasst hat, muss bis zum Sommer 2020 mit einer Flutlichtanlage ausgestattet werden, sonst darf der Berliner AK dort nicht einmal mehr seine Regionalligaspiele austragen. »Das ist die große Infrastrukturfrage: Wo kriegen wir weitere Sportflächen hin, die wir dringend benötigen, um den Bedarf für Kinder und Jugendliche abzudecken?«, sagt Schultz. »Für Stadien ist das Problem noch um ein Vielfaches größer.« Man könnte auch sagen: In der Stadt, in der um jeden Quadratmeter gekämpft wird, gibt es eigentlich keinen Platz für die großen Träume des Berliner Fußballs.

»Er hat Tennis Borussia wiederbelebt«

Doch selbst von solchen Schwierigkeiten lassen sich viele nicht irritieren. Erst mal groß denken. Leute mit ambitionierten Plänen finden sich immer wieder. Kaum ist der eine Chinese bei Viktoria weg, kommt das Gerücht auf, dass bei Berlin United schon der nächste bereitsteht.

»Von Gönnern, Förderern oder Investoren kann der Fußball nie genug haben«, findet BFV-Präsident Schultz. Aber was passiert, wenn der Investor seine Lust verliert? Oder sein Geld? So wie bei Tennis Borussia um die Jahrtausendwende, nachdem der Klub in die Zweite Liga aufgestiegen war. »Ich werde nie vergessen, wie die Offiziellen am Abend des Aufstiegs verkündet haben, dass sie eigentlich in die Champions League gehören. Da hatte ich das Gefühl: Na ja«, erzählt Schultz. Die Göttinger Gruppe ging pleite - und in der Folge auch TeBe.


TeBe-Fans bei einem Kriesliga-Spiel von Blau-Weiß Friedrichshain    Bild: Sebastian Wells

Ein paar Jahre später und ein paar Ligen tiefer wiederholte sich die Geschichte mit einem anderen Investor. Seitdem ist es für die verbliebenen TeBe-Fans eine Art Urangst, dass ihr Klub erneut in gefährliche Abhängigkeit von einem einzelnen Geldgeber geraten könnte. Auch deswegen ist der Konflikt mit der Vereinsführung um Jens Redlich Anfang des Jahres eskaliert, obwohl der Verein sportlich so gut dasteht wie lange nicht.

»Bei allen Diskussionen um Jens Redlich: Er hat Tennis Borussia wiederbelebt«, sagt BFV-Präsident Schultz. Redlich, Hauptsponsor und Vorsitzender in Personalunion, faselt nicht von Bundesliga oder mehr, er will mit TeBe von der Ober- in die Regionalliga und hofft, dort weitere Sponsoren zu finden. Aber selbst das ist ambitioniert. In der Regionalliga muss man eher mehr investieren als weniger. Redlich wird am Ende dieser Saison nach eigenen Angaben 2,5 Millionen Euro in den Verein gesteckt haben. Er sei kein Investor, spekuliere nicht darauf, irgendwann mit Tennis Borussia Geld zu verdienen, sagt er. Aber wenn ihn die Aussicht auf Ruhm antreibt, ist es inzwischen ein eher zweifelhafter. Die vereinsinternen Kritiker werfen Redlich vor, dass er kein Gespür habe für die Fans und die Geschichte des Vereins, dass er den Klub autokratisch führe und alle Andersdenkenden nach und nach weggeekelt habe.