Wie Lotto King Karl die HSV-Schlappe erlebte

»Arp muss man spielen lassen«

Wenn der HSV im Volksparkstadion spielt, dann ist eins sicher: Lotto King Karl singt vor der Kurve »Hamburg, meine Perle«. Gestern blieb sein Platz leer. Warum, erklärt er im Interview.

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Lotto King Karl, Sie waren gestern bei der Zweitligapremiere des HSV nicht im Stadion und Ihr Song »Hamburg, meine Perle« wurde aus der Konserve gespielt. Sind Sie froh, dass Sie die Pleite gegen Holstein Kiel nicht live erleben mussten?
Nein, ich bin natürlich nie froh, wenn ich nicht im Stadion sein kann. Kommt ja auch sehr selten vor. Aber gestern ließ es sich nicht vermeiden, weil ich beruflich im Ausland unterwegs bin. Und dieses Spiel am Fernsehgerät zu verfolgen hat es aber auch nicht viel besser gemacht. Es ist ja nicht so, dass der HSV chancenlos gewesen wäre. Doch zum Schluss greift die alte Regel: Wenn du die Chancen nicht reinmachst, dann rächt es sich irgendwann. So kam es ja dann auch. Die Tore haben weder im Volksparkstadion noch auf den anderen Zweitligaplätzen eine andere Form oder Größe bekommen. Du musst sie nur treffen.

Hätten Sie vor dem Spiel damit gerechnet, dass das erste Saisonspiel so dermaßen in die Rothose geht?
Ehrlich gesagt bin ich davon ausgegangen, dass wir Holstein Kiel schlagen werden, weil unsere Vorbereitung ganz gut war und ich das Gefühl hatte, es greift in der Mannschaft ganz gut ineinander. Dazu kam, dass Kiel mit neuem Trainer und sechs neuen Spielern auf dem Feld stand. Die haben ja noch mehr umgebaut als wir. Ich habe mich auch gewundert, dass Fiete Arp gestern gegen die zweite Mannschaft von Werder Bremen im Kader stand, die 0:4 verloren hat. Irgendwann muss man den Jungen auch mal spielen lassen, wenn man ihn unbedingt behalten möchte. Aber warum er nicht für die Erste auflief, kann ich als Fan sowieso nicht beurteilen. Und an einem einzigen Spieler kann man eine Niederlage eh niemals festmachen.

Auswärts geht es nun gegen Sandhausen und Dynamo Dresden, dazwischen kommt Arminia Bielefeld ins Volksparkstadion. Im DFB-Pokal muss der HSV nach Erndtebrück. Haben Sie die Befürchtung, dass in ein paar Wochen die Panik ausbrechen könnte?
Wenn du so eine Euphorie bekommst, wie sie vor dem Spiel in Hamburg herrschte, dann musst du dieauch mal mitnehmen. Da brauchst du irgendwann elf Leute im HSV-Trikot, die Vollgas geben. Punkt. Ich habe gelesen, dass die gestrige Begegnung das am schnellsten ausverkaufte Spiel in der Geschichte des HSV gewesen sein soll. Das ist ein riesiger Vertrauensvorschuss, wenn man bedenkt, was die Fans in den vergangenen Jahren mit ihrem Verein mitgemacht haben. Aber du brauchst auch Geduld, denn wir haben ein sehr junges Team. Nehmen wir mal an, dass dieses Vertrauen im Idealfall weitergeht und die Mannschaft dennoch am Tabellenende klebt. Dann lesen wir doch in vier Wochen wieder in den Blättern, dass diese Kulisse die Mannschaft erdrückt. Und genau das muss jetzt aufhören. Wir haben jede Geschichte schon mal gehört und jeder war mal schuld. Jetzt geht es darum, dass sich Fans und Mannschaft für den Verein zerreißen. Und um mal in diesem schönen Bild zu bleiben: Wir müssen jetzt auch die innere Uhr auf null stellen. Und natürlich ist es Quatsch, gleich nach dem ersten Spieltag in Panik zu verfallen.

In einem Interview aus dem Jahr 2016 haben Sie gesagt, dass sich die letzten Jahre mit dem HSV wie eine lange anhaltende Wurzelbehandlung anfühlen...
Das ist noch immer so. Alle Wurzeln und Zähne müssten längst weg sein, doch es tut immer noch weh. Erst gestern wurde ja wieder fleißig gebohrt. Wenn jetzt einigen Fans die Hutschnur platzt und sie diesen Wurzelschmerz nicht mehr aushalten können, dann habe ich sogar Verständnis dafür. Mit 16 Jahren hätte ich nach so einer bitteren Vorstellung mein Taschengeld vielleicht auch nicht für ein HSV-Ticket ausgegeben, sondern die nächsten drei Taschengelder in Bier investiert, um so ein 0-3 zu vergessen. Nur: Als ich 16 war, musste ich auch nicht an ein Ligaspiel gegen Holstein Kiel denken.

Was müsste passieren, damit Sie dem HSV irgendwann fernbleiben?
Ich werde dem HSV nie und in keiner Liga fernbleiben, denn dieser Verein ist ein Teil von mir. Ich kannmir auch ein Leben ohne den HSV und Fußball gar nicht vorstellen. Was soll ich denn sonst machen? In kann ja schlecht in eine Therapiegruppe gehen und sagen: guten Tag. Ich bin der Lotto und komme vom HSV nicht mehr los.