Zum Geburtstag: Giovane Elber im großen Karriere-Interview

»Jeden Tag zu McDonald's«

Er schoss Tore von der Eckfahne, posierte nackt auf einem Motorrad und gab Giovanni Trapattoni Nachhilfeunterricht. Giovane Elber über seine Reise durch Europa.

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Giovane Elber, wo waren Sie, als Giovanni Trapattoni vor laufenden Kameras an der Säbener Straße ausgetickt ist?
Ich stand keine fünf Meter von ihm entfernt, direkt hinter der Tür zum Presseraum. Was in dem Trubel total untergegangen ist: Ich sollte nach ihm mit den Journalisten reden.

Wie war die Stimmung, als Trapattoni fertig hatte?
Mir war schon etwas mulmig, als ich da stand und gedämpft hörte, wie der Trainer immer lauter wurde. Als ich nach ihm in den Raum ging, waren die Journalisten total baff. Ich schaute in ihre Gesichter und fragte: »Leute, was ist los? Keine Fragen heute?« Unser Pressesprecher Markus Hörwick erklärte mir, dass ich am besten gar nichts mehr sagen würde. Schließlich hatte Trapattoni den Reportern gerade Stoff für die ganze Saison geliefert.

Hat der Trainer danach in Ruhe mit der Mannschaft gesprochen?
Beim nächsten Training kam er zu mir und fragte auf Italienisch: »Ey, Brasilianer, was habe ich falsch gemacht? Warum lachen alle?« Ich antwortete: »Mister: In Deutschland sagt man nicht ‚Flasche leer‘. Es heißt ‚leere Flasche‘.«

Im Vergleich zu anderen Brasilianern in der Bundesliga sprachen Sie schon als junger Spieler gut Deutsch und wirkten sehr diszipliniert. Halten Ailton oder Marcelinho Sie für einen Streber?
Es ist ja so: Mit Jungs wie Marcelinho oder Ailton ist es schwer, hinsichtlich ihrer Eskapaden mitzuhalten. Daher müssen die beiden tatsächlich immer ein bisschen über mich lachen. Für sie bin ich der Deutsche. Dabei war es nicht so, dass ich immer brav gewesen wäre. Ich habe auch Mist gebaut, ich habe es nur besser verheimlicht.

Zum Beispiel?
Einmal wurden Claudio Pizarro und ich nach einer Niederlage auf dem Oktoberfest erwischt. Der Klub wollte ihn zu 10 000 und mich zu 50 000 Euro Strafe verdonnern. Also sprach ich mit Ottmar Hitzfeld und sagte: »Trainer, Sie müssen uns Südamerikaner manchmal feiern lassen. Aber ich verspreche Ihnen: Am Samstag lassen wir es auf dem Platz krachen.« Also einigten wir uns auf einen Deal: Er würde uns die Strafe erlassen, wenn wir am Wochenende gut spielen würden.

Und?
Claudio traf doppelt, ich auch. Wir gewannen mit 4:0. Damit war die Sache gegessen. Generell ist es so: Ich habe in meinem Leben oft zum richtigen Zeitpunkt das Richtige getan.

War es auch richtig, als 18-Jähriger ohne einen einzigen Profieinsatz zum AC Mailand zu wechseln?
Natürlich.

Sie machten kein Spiel in der Serie A.
Mein Problem waren die drei Holländer: Van Basten, Gullit, Rijkaard. Damals durften nur drei Ausländer pro Mannschaft spielen. Und an denen kam ich natürlich nicht vorbei.

Wie war Milan auf Sie aufmerksam geworden?
1990 spielte ich mit der brasilianischen Nationalmannschaft die U20-WM in Portugal und schoss vier Tore, wir wurden Vize-Weltmeister. Nach dem Finale flog ich zurück nach Londrina. Als ich dort ankam, sagte der Präsident vom FC Londrina, wo ich in der A-Jugend spielte: »Du packst deinen Koffer nicht aus, wir fliegen morgen nach Mailand.« Milan war bereit, eine Million US-Dollar für mich zu bezahlen.

In Mailand nahm Silvio Berlusconi Sie in Empfang.
Am Trainingsgelände gab er mir ein Blatt Papier. Darauf sah ich nur eine Zahl: 500 000 Dollar. Ich dachte: »Mannomann, mit dem Gehalt kann ich ganz Londrina kaufen.« Der Vertrag in Mailand wurde mein erster überhaupt. In Londrina unterschrieb ich danach nur schnell einen Profivertrag, damit der Klub von Mailand die Ablöse kassieren konnte.

Sie wechselten aus der brasilianischen A-Jugend in ein Team voller Weltstars.
Die Mannschaft aß mittags gemeinsam am Trainingsgelände. Als ich an meinem ersten Tag aufgegessen hatte, wollte ich aufstehen. Obwohl alle anderen fertig waren, machte niemand einen Mucks. Alle blieben sitzen. Irgendwann schaute Ruud Gullit Franco Baresi an und fragte: »Capitano, dürfen wir aufstehen?« Baresi guckte in die Runde, nach ein paar Sekunden klopfte er auf den Tisch und sagte: »In Ordnung.« Erst da durften wir uns bewegen. Es war wie beim Militär.