Was geht eigentlich im russischen Amateurfußball?

Es werde Flutlicht

Am Rande der WM wird auch im russischen Amateurfußball munter weitergespielt. Unter Flutlicht, in alten Sowjetstadien. Unser Autor ist seit dieser Woche Edelfan des FK Strogino II.

11FREUNDE

Nikita kommt die ganze Sache ein wenig suspekt vor. Zwei Deutsche bei einem Spiel des FK Strogino II, während Nigeria gegen Island um den Einzug ins WM-Achtelfinale kämpft? Ein Amateurkick vor 23 Zuschauern statt Halligalliparty auf dem Fifa-Fest? Bierbauch statt Fallrückzieher? Aber egal. Er überreicht uns feierlich ein Strogino-Trikot und lächelt. »Wir sind Spieler aus der ersten Elf, Zweite Liga«, sagt er. »Das hier ist die Ersatzmannschaft, Vierte Liga.« Wir nicken, jaja, das wissen wir, und dann sagt er: »Okay, können wir ein Foto für Instagram machen?« Ein paar Minuten später postet er das Bild und stellt einen kleinen Text dazu:

»Die Reisenden aus Deutschland laufen durch Moskau, und als einer der interessanten Orte haben sie das Yantar-Stadion in Strogino gefunden. Die Spieler Nikita Pshenichnikov und Danilo Ardzinba sprachen mit den Gästen und machten ihnen ein unvergessliches Geschenk.«

Stecknadeln in einer Landkarte

Das Yantar-Stadion ist zweifelsohne ein interessanter Ort für Fußballfans. Es liegt malerisch am Ufer der Moskwa, Blick auf die Skyline der Stadt. Die Flutlichtmasten sind so groß, als wollte man mit ihnen halb Moskau erleuchten. Sie ragen über die umliegenden Hochhäuser, und man erkennt sie, wie so oft in Osteuropa, schon aus der Ferne. Sie wirken wie verrostete Stecknadeln in einer Landkarte, Relikte aus einer Zeit, als es noch keine Arenen gab. Und vielleicht sind wir ja deshalb hier: Auf der Suche nach der Seele des alten russischen Fußballs. Auf der Suche nach dem Flutlicht im Schatten der Multiplexarenen.

Ich bin das erste Mal Mitte der Achtziger in ein Fußballstadion gegangen. Es war aufregend, aber auch unwahrscheinlich hässlich. Es war das Volksparkstadion in Hamburg, ein riesiges Betonmonster mit einer breiten Tartanbahn. Wir standen gefühlte zwei Kilometer vom Spielfeld entfernt und träumten von echten Fußballstadien, vom Highbury, vom Bökelberg, vom Ruhrstadion.

Die Arena: Stangenwaren-Architektur

Um die Jahrtausendwende bekamen wir kein echtes Fußballstadion, sondern eine Arena. Und auch in anderen Städten schossen die modernen Multiplexspielstätten wie Pilze aus dem Boden, in Hamburg, Frankfurt, Köln, Rostock. Es fühlte sich überall ähnlich an, Stangenwaren-Architektur, der einzige markante Unterschied der Arenen war ihre Größe. Flutlichtmasten gab es natürlich keine mehr, das Licht kam jetzt aus leistungsstarken Halogen-Metalldampflampen und LED-Strahlern.
 
Eine WM ist eigentlich der falsche Ort, um sich auf die Suche nach alten Stadien zu machen, denn sämtliche Spiele finden in Superduper-Fünf-Sterne-Tempeln statt, die zumeist extra für das Turnier gebaut werden. Die Fifa fordert von den Gastgeberländern Fifa-Arenen, die im Grunde aussehen wie die Fifa selbst: steril und desinfiziert.

Zugegeben, manchmal entstehen dabei Spielstätten, die eine eigene und interessante Optik haben. Das offene Stadion in Jekaterinburg etwa oder die wellenförmige Kasan-Arena. Aber haben sie einen Charakter? Hängen in den Sitzschalen große Geschichten von Europapokalschlachten? Riecht es hier nach Waleri Lobanowski, Rinat Dasajew oder Sergei Aleinikow? Und lernt man in diesen künstlichen Räumen eine Stadt oder gar ein Land kennen?