Warum das DFB-Quartier in Watutinki liegt

Auf den Spuren von Zarin Katharina

Einst weilte hier die Regentin, jetzt schlägt die Nationalmannschaft ihr WM-Quartier in Watutinki aus. Doch der abgelegene Ort birgt Gefahren für die DFB-Auswahl. 

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Das exterritoriale Gebiet beginnt an einer grünen Mauer, die noch einmal frisch gestrichen wurde. An manchen Stellen ragt sie bis zu viereinhalb Meter in die Höhe. Hier kommt keiner unbemerkt rein. Auf dem 100 Hektar großen Gelände dahinter befindet sich in den kommenden Wochen die abgeschlossene Welt der deutschen Fußball-Nationalmannschaft: ein Hotelkomplex mit dem etwas sperrig klingenden Namen »Gesundheitsfördernde Einrichtung Watutinki«, der noch an die Vergangenheit des einstigen Sanatoriums erinnert.

Von außen erinnert die Unterkunft der Nationalmannschaft an eine Bundeswehrkaserne. Besucher müssten an einem Wachhäuschen vorbei. Müssten. Denn für Normalsterbliche ist der Weg hier zu Ende. Ihnen bleibt nur der Eindruck aus der Ferne. Und der ist unspektakulär, erinnert eher an eine Jugendherberge als an ein Luxushotel.

Jammern gilt nicht!

Doch natürlich wird es den Nationalspielern und ihrer Gesundheit an nichts fehlen, wie überall, wo der Tross des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) für ein großes Turnier einfällt. Trainieren werden die Weltmeister auf dem Gelände des Armeesportklubs ZSKA Moskau, nur ein paar Kilometer entfernt. Logistisch hätte es das Team damit kaum besser treffen können. Und trotzdem wurde über die womöglich wenig motivationsfördernde Unterkunft Watutinki schon heftig diskutiert. »Jammern gilt nicht«, entgegnet Bundestrainer Joachim Löw.

Die Turnier-Quartiere der Nationalmannschaft haben hierzulande fast schon eine mythische Bedeutung, seitdem 1954 der »Geist von Spiez« erheblich zum Wunder von Bern, dem Titelgewinn bei der Weltmeisterschaft in der Schweiz, beigetragen haben soll. Die Nationalspieler konnten sich damals in der ländlichen Abgeschiedenheit am Thuner See in aller Ruhe vorbereiten, während ihr Endspielgegner, die favorisierten Ungarn, im Zentrum von Solothurn logierte. In der Nacht vor dem Finale sollen die ungarischen Spieler der Legende nach kein Auge zugemacht haben, weil in der Stadt ein Blaskappellenfest stattfand.

Penible Quartierssuche

Seitdem steht der DFB im Ruf, bei der Quartiersuche so penibel zu sein wie kein anderer Verband. Das Campo Bahia an der brasilianischen Atlantikküste hat dieses Bild vor vier Jahren noch einmal gefestigt. Anfangs musste sich Manager Oliver Bierhoff damals noch gegen den Vorwurf wehren, größenwahnsinnig zu sein, weil die Nationalmannschaft sich angeblich eine Unterkunft komplett nach ihren Vorstellungen habe bauen lassen. Nach dem Titelgewinn wurde die herausragende Bedeutung des Quartiers für den Teamgeist gepriesen. »Campo Bahia war super«, sagt Joachim Löw auch 2018 noch. »Das war für uns eine Oase der Ruhe, der Ausgeglichenheit.«

Auch in Watutinki bezieht die Nationalmannschaft einen Neubau. Die Fotos, die zeitweise vom angeblichen WM-Quartier im Internet kursierten, zeigten aber in Wirklichkeit den alten Komplex, einen Plattenbau sowjetischer Provenienz. Tatsächlich wird die Nationalmannschaft in zwei viergeschossigen Bauten wohnen, die komplett entkernt und umgebaut wurden. Der DFB wusste schon vor der Ankunft an diesem Dienstag, dass noch nicht alles fertig sein würde. Aber das war auch vor vier Jahren im Campo Bahia so. Damit erschöpfen sich die Gemeinsamkeiten. »Jetzt haben wir andere Verhältnisse, das wussten wir von Anfang an«, sagt Löw.