Warum Gainsborough eine Warnung für den HSV ist

Dino Senior

Gainsborough Trinity kann über den HSV nur müde lächeln. 145 Jahre lang stieg der englische Sechstligist weder auf noch ab. Jetzt hat es ihn erwischt. Dabei sind die Parallelen zum HSV unübersehbar. Irgendwie.

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Eine tickende Uhr wie beim Hamburger SV hat es im kleinen Stadion The Northolme nie gegeben. Wahrscheinlich, weil dem Hausherren Gainsborough Trinity für so viele Zahlen schlicht der Platz fehlte. Unglaubliche 145 Jahre lang stiegen die »Holy Blues« weder auf noch ab, doch am Wochenende erwischte es den englischen Sechstligisten aus der Nähe von Sheffield. Der seit 1919 nie abgestiegene HSV sollte gewarnt sein - das Dino-Sterben hat begonnen.

»Ich bin einfach nur traurig. 145 Jahre lang sind wir nicht ab- und nicht aufgestiegen. Hoffentlich kehren wir nächstes Jahr zurück und können so erneut Geschichte schreiben«, sagte Klubboss Richard Kane der BBC nach dem 2:3 (1:0) gegen Telford United. Besonders bitter: Bis zur 60. Minute lag der Dino, ach was, der Quastenflosser der Liga mit 2:0 in Führung. Dann kippte die Begegnung, der Schlusspfiff bedeutete das Ende einer kaum zu glaubenden Geschichte.

Teil der Wahrheit

Doch sie ist wahr: Seit der Gründung im Jahr 1873 hatte Gainsborough nur bei Ligareformen die Klasse gewechselt. Oder, typisch englisch, durch Wahlen: 1896 wurde der Klub sogar in den elitären Kreis der Football League aufgenommen und blieb dort zweitklassig, ehe ihm 1912 die Wiederwahl verweigert wurde. Ein seltsames System, das noch 1986 den Übergang von der vierten in die fünfte Liga regelte. Immerhin: Bis heute ist Gainsborough mit seinen 22.000 Einwohnern eine der kleinsten Städte Englands, die je Profifußball zu sehen bekam.

Weiter ging es ab 1912 in der Midland League, in der es - auch das ist Teil der Wahrheit - lange gar keine Absteiger gab. Das änderte sich ab 1968. Doch weder in der neu geschaffenen Northern Premier League noch der 2004 eingeführten Conference North ging es für Gainsborough hoch oder runter. Bis zum vergangenen Wochenende.

Als Manchester United vorbeischaute

»Heute müssen wir in den sauren Apfel beißen. Aber wir sollten uns darauf freuen, nächstes Jahr wieder am Honig zu naschen«, sagte Klubchef Kane und gab zu: »Der Abstieg hat schon in den letzten zwei, drei Jahren an unsere Tür geklopft.« Als halber Amateurklub in einer Liga mit Teams wie York City, einem Profiverein aus einer 200.000-Einwohner-Stadt, sei der Abstieg letztlich nur eine Frage der Zeit gewesen.

Und so hört am Samstag beim Heimspiel gegen den FC Tamworth die Uhr, die es zumindest im Northolme-Stadion nie gab, auf zu Ticken. Letztmals ausverkauft war das nur 4000 Zuschauer fassende Viereck 1998, als keine Geringerer als Manchester United zum 125. Geburtstag vorbeischaute. Aus gutem Grund: Sein allererstes Spiel hatte Gainsborough einst gegen Newton Heath absolviert, den Vorgängerklub von United. Der Rest ist Geschichte.