Zum Tag der Trinkhalle: Das irre Jahr des BVB

Imma Terz!

Heute ist Tag der Trinkhalle! Grund genug, noch einmal auf das so komische Dortmunder-Jahr 2017 zurückzublicken. Denn was ein Anschlag, ein Pokalsieg und ein Tuchel mit dem Verein gemacht haben, erfährt man wo am besten? Genau: in den Trinkhallen der Stadt.

Nikita Teryoshin
Heft: #
189

Der folgende Text erschien in unserem Bundesliga-Sonderheft 2017. Die lebhaften Diskussionen im Sommer erinnern auch ein Jahr später noch einmal daran, welch ein aufwühlendes Jahr hinter dem BVB liegt.

Am Tag, als beim BVB die neue Saison beginnt, steht ein alter Herr mit über der Cordjacke baumelndem Brillenband im Dortmunder Bahnhofsladen. Er liest die Lokalzeitung im Stehen und brummt dabei einfach so in den Laden: „Jetz ham wa’n Holländer als Trainer, wa?!“ Da kein Gesprächspartner auszumachen ist, verwittert der Satz unbeantwortet im Raum. Dann erbarmt sich der Verkäufer von der Ladentheke und fragt: „Fußball?“

Der Rentner entgegnet: »Ja, sicher.«
Verkäufer: »Ich interessiere mich nicht für Fußball.«
»Wie? Wat machs du denn?«
»Kampfkunst.«
»Kampfkunst? Heilige Scheiße.«

Der Rentner legt die Zeitung wieder in den Ständer und schlappt murmelnd hinaus in den Dortmunder Sommer. Sein Tag ist noch nicht zu Ende. Ganz egal wer zuhört, es gibt viel zu bereden. Der BVB hat die dramatischste Spielzeit der jüngeren Vereinsgeschichte hinter sich gebracht.

Nach Schmähungen gegen Leipzig im Februar wurde die Südtribüne für ein Spiel gesperrt. Im April überlebten Spieler, Trainer und Betreuer nur knapp einen Mordanschlag. Dann stritt sich die Führungsriege mit dem Trainer Thomas Tuchel so heftig, dass nicht mal mehr Heiner Geißler hätte vermitteln können. Der BVB holte dennoch erstmals seit fünf Jahren wieder einen Titel. Und der Trainer flog raus. Das sind eigentlich zu viele Ereignisse für eine einzelne Saison. Für Außenstehende wirft dieses Dortmunder Jahr Unmengen an Fragen auf. Doch zum Glück gibt es Orte in dieser Stadt, wo man auf engstem Raum eine Pulle Kronen Export bekommt, ein Bum-Bum-Eis, eine Tüte Lakritz und dazu kosten los alle Antworten auf alle Fragen. Selbst auf welche, die nie gestellt wurden.

»Ganz ehrlich, ich kann den Watzke nich mehr hörn«

Paris hat seine Cafés, Athen seine Agora, Dortmund hat seine Trinkhallen. Hier versammeln sich die Leute nicht nur zum Kaufen, sondern zum Klönen. Denn die Leute wollen, nein: sie müssen sich freireden wie jener Rentner in Cordjacke. Vor allem über Borussia. Es ist der erste Freitag im Juli, der BVB startet in die Vorbereitung. Nach einem Gewitter scheint die Sonne wieder über Westfalen. Die Menschen gehen raus an die frische Luft, und ihr erster Weg führt ohne Umschweife an die Trinkhalle, oder besser: anne Bude.

Nahe des Westparks lehnt sich Olaf Schoolmann durch das Fenster neben den großen Scheiben, die mit BVB-Aufklebern dicht bekleistert sind. Schoolmann ist 50 Jahre alt und gebürtiger Bremer. Manchmal rutscht ihm das »Moin« vor dem »Tach« raus. Heute muss er eine Zwölf-Stunden-Schicht durchkämpfen, die Trinkhalle gehört seinem Stiefsohn, die gesamte Familie arbeitet hier. Doch gerade sind alle im Urlaub. Schoolmann ist jetzt ein Ein-Mann-Kader, mit einstudierten Laufwegen vom kleinen Verkaufsfenster zum Kühlschrank und zurück. Auf den BVB angesprochen, streckt er die Handflächen von sich, dann fährt er sich über die kurzen grauen Haare. Schoolmann geht regelmäßig auf die Süd. »Der Tuchel hat die Punkte doch geholt. Den Pokal. Die Saison davor mit 78 Punkten bester Vizemeister aller Zeiten. Ich versteh das nich.«

Schoolmann ist ein ruhiger Typ. Er mag es, wenn am Spieltag auch gegnerische Fans hier zusammen mit Einheimischen stehen und lockere Sprüche wechseln. Der öffentliche Streit oder das Hickhack um Aubameyang machten ihm mehr zu schaffen als jede Zwölf-Stunden-Schicht. Er wischt sich den Schweiß von der Stirn und schaut angestrengt hoch zu einem kleinen Bildschirm in der Ecke. „Wenn der Watzke überall auftritt, ganz ehrlich, ich kann’s auch nich mehr hörn.“

Schoolmann begrüßt einen Mann im Dortmund-Trikot. Der hört nur den Namen Watzke und winkt ab. „Selbstdarsteller“, sagt er trocken und bestellt. Doch Schoolmann schüttelt den Kopf. Tabak anschreiben macht er nicht mehr. Drei Flaschen Hansa aber, die gehen noch auf den Deckel. Trinkhallen sind hier auf Vertrauen gebaut, schon immer, aber noch mehr, seitdem die Supermärkte fast durchgängig geöffnet und die Tankstellen ihr Sortiment vergrößert haben. Also setzen die Trinkhallen auf den Service, den die anderen nicht bieten können: einen Deckel und ein Ohr. Im Gegenzug bekommen sie auch mal ehrenamtliche Dienste von Stammkunden zurück.

Eine Fußballreise durch den Ruhrpott

Fußball im Pott

Der Knipser