Hesses WM-Countdown (28): Glücksfee im Baumarkt

Gib mir die Kugel!

Bei der WM-Auslosung 1974 sorgten ein südamerikanischer Diktator und ein Berliner Chorknabe für politische Verwicklungen. Weil der Junge das berühmteste Los der deutschen WM-Geschichte zog.

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Morgen werden in Moskau die WM-Gruppen ausgelost, und das bedeutet, dass in den letzten Tagen wieder mächtig Betrieb in dem Berliner Baumarkt gewesen sein dürfte, in dem Detlef Lange den Wareneingang kontrolliert. Denn nahezu immer, wenn der Spielplan einer WM festgelegt wird, machen sich Reporter auf die Socken, um den Mann zu besuchen, der das berühmteste Los der deutschen Fußballgeschichte zog.

 

Das war am 5. Januar 1974, um kurz nach 21 Uhr. Der damals elfjährige Lange, ein Schöneberger Sängerknabe, den man ausgesucht hatte, weil er klein und blond war, hatte bereits vier Lose aus dem Glasbehälter gefischt, als er erneut zugriff und dem FIFA-Generalsekretär Helmut Käser den fünften Zettel überreichte. Käser faltete ihn auseinander und FIFA-Präsident Stanley Rous las vor, was da stand: »DDR.«

 

Ewald wollte die DDR abmelden

 

Der kolumbianische Vertreter Alfonso Senior Quevedo schaltete am schnellsten. Zuerst haute er Helmut Riedel, dem Präsidenten des DFV, so kräftig auf die Schulter, dass der DDR-Funktionär fast vom Stuhl kippte, dann klatschte er fröhlich in die Hände. Erst da begriffen alle, dass Lange die DDR in die Gruppe 1 gelost hatte, die Gruppe der BRD.

 

Der Rest ist bekannt: Nicht jeder war so begeistert wie Alfonso Senior. In Ost-Berlin drehte der mächtige DTSB-Boss Manfred Ewald fast durch und forderte von Günter Schneider, dem Generalsekretär des DFV, dass die DDR-Mannschaft vom Turnier abgemeldet werde.

 

Weit weniger bekannt ist, dass es gar nicht allein die Angst vor einer Niederlage gegen den Klassenfeind von der anderen Seite der Mauer war, die Ewald den Schweiß auf die Stirn trieb. Das größte Problem stellte für ihn nicht so sehr das fünfte Los dar, das Lange gezogen hatte, sondern das erste.