Warum das Smartphone der natürliche Feind des Fußballs ist



Abgestumpft

Fußballspiele sind sehr oft? Sterbenslangweilig! Und trotzdem guckten wir einst gebannt zu. Heute reißt uns nach einer Minute ohne Highlight der Geduldsfaden. Schließlich garantiert uns das Smartphone bessere Unterhaltung. Eine Bestandsaufnahme.

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90 Sekunden keine Torchance? Tab-Wechsel. 30 Sekunden ohne spitzen Schrei des Kommentators? Whatsapp. Irgendein Heini liegt zehn Sekunden verletzt rum? Leck mich. Lieber kurz Facebook. Die Art, wie ich manchmal Fußball gucke, hat das Wort gucken eigentlich nicht verdient. Zu viel meiner Aufmerksamkeit bekommt mein schlaues Telefon, zu selten richtet sich mein Blick über einen längeren Zeitraum auf das Spiel, das mich in meinem Leben so viele Abende vor Langeweile bewahrte.

Man könnte jetzt denken: Mir doch egal. Du Idiot. Aber wenn ich mich in meinem Umfeld umhöre, wenn ich Freunde während des gemeinsamen Guckens dabei beobachte, wie sie selber lieber aufs Handy statt aufs Spiel glotzen, dann finde ich: Wir müssen reden. 



Eine Oase der Ruhe

Sehr gut reden kann Schauspieler und HSV-Fan Bjarne Mädel (Stromberg, Tatortreiniger), der uns vor einigen Monaten für ein Gespräch in der Redaktion besuchte. In diesem Gespräch ging es auch um Sehgewohnheiten, und Mädel - Ende 40, kein bekennendes Mitglied der Generation Y - sagte damals etwas, das bei mir hängen blieb: Für ihn sei Fußball seit jeher die perfekte Möglichkeit zum Runterkommen. Wenn er zu Hause den Fernseher einschalte und dieser sein Wohnzimmer plötzlich so gemütlich grün schimmern ließe, dann ginge sein Puls runter. Es sei, so in etwa sagte er es, hypnotisierend. Eine Oase der Ruhe. Ein Rückzugsort.

Seitdem stelle ich mir die Frage: Fackeln wir uns diesen Rückzugsort grade ab?

Wir schaffen nur noch acht Sekunden

Tausende Studien untersuchen die Auswirkungen von Smartphones und digitalen Medien auf die menschliche Aufmerksamkeitsspanne. So ging vor zwei Jahren eine Studie um die Welt, die ermittelt hatte, dass diese Spanne mittlerweile kürzer sei als die eines durchschnittlichen Goldfisches. Zur Erinnerung: Der Goldfisch gehört zur Familie der Karpfenfischähnlichen und hat keinen Magen. Und eben dieser Goldfisch schafft neun Sekunden. Menschen, die ihr Smartphone intensiv nutzen, laut der Studie nur acht. Acht Sekunden!

Acht Sekunden passen 675 mal in ein neunzigminütiges Fußballspiel. Anders ausgedrückt: Unser Gehirn gerät Spiel 675 mal in Versuchung, abzuschweifen. Erschütternde Zahlen! Die zugegebenermaßen an dieser Stelle recht wahllos und unkritisch verwurstet werden. Aber, noch so eine Laune des Zeitgeistes: Scheiß auf die Details. Es geht um das große Ganze. Und am Ende des Tages wird niemand bei klarem Verstand anzweifeln, dass der ständige Griff ans Handy uns rastloser und rastloser macht.