Drei Afrikaner auf der Suche nach einem Profiverein

Der Traum von Europa

Ein Kölner Sportstudent macht mit drei simbabwischen Nachwuchsfußballern einen Roadtrip durch Deutschland. Ihr Ziel: ein Vertrag bei einem Profiverein.

11FREUNDE

Am Drosselweg in Schwerin, am Ziel ihrer Reise, wartet der Endgegner. Direkt hinter dem Bootshaus erhebt er sich aus dem Wasser und schlägt mit den Flügeln. Zwei der Jungs, die eben noch am Ufer gestanden haben, stürmen davon. Der dritte fällt vor Schreck zu Boden. Ein lauter Schrei, dann Gelächter. In Simbabwe, ihrer Heimat, gibt es allerhand wilde Tiere. Löwen, Krokodile und sogar Schwarze Mambas. Aber so einen verrückten und riesigen Schwan haben sie noch nie gesehen. Kommt schnatternd auf sie zu, als sei er der König der Weltmeere.

Dabei wollten sie gleich selbst hinein in den See, ein paar Meter weiter gibt es eine Badestelle. Und jetzt? Wer traut sich noch? »Ich hab’s euch gesagt: Ich hasse Wasser!«, sagt Nicholas Guyo, einer der Jungs. Aber Abubakar Moffat und Martin Mapisa hören ihn nicht mehr, sie sind schon im Bootshaus. Sachen packen, Badehose, Handtücher, los geht’s.
 
Moffat, Mapisa und Guyo sind U20-Nationalspieler von Simbabwe. Drei normale Teenager, drahtig und durchtrainiert, die das machen, was normale Teenager so machen: Sie träumen, sie schwärmen. Von Ronaldo oder Messi zum Beispiel; von Freundinnen oder Fast-Freundinnen; von No-Look-Pässen und Rabonas, die sie auf Youtube gesehen haben.
 
Sie machen eine dreiwöchige Reise durch Deutschland, weil sie Fußballprofis werden möchten. Und weil sie die Hoffnung haben, dass ein Verein ihnen einen Vertrag anbietet. Aber eigentlich sind sie nur hier, weil sie Sören Stephan kennen.

Rennen wie ein Schwarzer, um zu leben wie ein Weißer
 
Der 27-Jährige, aufgewachsen in Schwerin, heute Student an der Sporthochschule in Köln, hat auch einen durchtrainierten und drahtigen Körper, aber er raucht etwas zu viel, um selber Fußballprofi zu werden. Auf dieser Reise hat er eh anderes zu tun; er erledigt ungefähr sechs oder sieben Jobs auf einmal. Er ist: Agent, Manager, Dolmetscher, Reiseführer, Gastvater, Fahrer und vielleicht auch eine Art Psychologe. Seit Anfang Mai fährt er die drei Simbabwer von Probetraining zu Probetraining. Gemeinsam waren sie in Aachen, Köln, Hürth und Düren. Sie haben neue Menschen kennengelernt, auf Gästesofas geschlafen, bei U19-Mannschaften um jeden Ball gekämpft und um ihre Zukunft. Sie haben gehofft, dass irgendjemand sie sieht, während dieses alte Versprechen von Samuel Eto’o über ihnen schwebte: »Ich werde rennen wie ein Schwarzer, um zu leben wie ein Weißer.«


Die Drei aus Simbabwe am Schweriner Drosselweg.
 
Heute ist off-day, bisschen Planschen im Schweriner Heidensee, bisschen Abhängen am Bootshaus, das Stephans Vater gehört. Morgen geht’s weiter nach Rostock, Training bei Hansas U19.

Von der simbabwischen Fußballschule »Aces Youth Soccer Academy«, auf der die Drei ausgebildet werden, bekam Stephan für die ganze Reise 700 Euro. Es reicht natürlich vorne und hinten nicht, aber das ist eigentlich egal. Es geht hier schließlich um mehr. Denn dieser ganze Roadtrip ist auch die Geschichte einer Freundschaft. Eine Geschichte, in der man viel über Hilfsbereitschaft lernen kann, aber genauso viel über die Träume und Hoffnungen afrikanischer Nachwuchsfußballer. In einer Zeit, in der Politiker Mauern errichten und Grenzen schließen wollen. Und es ist eine Geschichte, die auch, zumindest am Rand, die dunklen Seiten des globalen Transfermarktes streift, in der Kinderfußballer verkauft werden wie Schuhe aus China. Eine Geschichte, in der sich am Ende selbst der deutsche Protagonist fragt, ob das, was er macht, eine Art moderner Menschenhandel ist.
 
Sie beginnt im Sommer 2015.
 
Sören Stephan plant, seine Semesterferien in Afrika zu verbringen. Er kennt den Kontinent ein wenig, er war schon in Tansania, Marokko und Tunesien. »Diesmal wollte ich richtig eintauchen«, sagt er. »Ich wollte die Menschen kennenlernen, mit ihnen leben und arbeiten.« Also bewirbt er sich bei verschiedenen Fußballakademien und bekommt eine Zusage von der »Aces Youth Soccer Academy« (AYSA) in Harare. Zwei Monate verbringt er in Simbabwes Hauptstadt. Er schläft in der Akademie; er isst gemeinsam mit den Jugendlichen; er zeigt ihnen Spielzüge. Er erklärt ihnen, dass die Außenverteidiger auch offensiv spielen dürfen. Und mit Moffat, Mapisa und Guyo freundet er sich an. Sie nennen ihn »Coach«.

»Moderne Art von Sklavenhandel«
 
In Afrika gibt es tausende dieser Fußballakademien, und einige sind die Wurzel eines schmutzigen Geschäfts mit minderjährigen Fußballern. In den vergangenen Jahren entstand fast auf dem gesamten Kontinent eine riesige Traumindustrie voller Versprechungen. In der Hoffnung auf Reichtum und Ruhm ihrer Kinder nehmen Eltern Kredite auf oder verkaufen gleich ihr ganzes Hab und Gut, um die windigen Berater und mehrwöchigen Reisen nach Europa zu bezahlen.

»Wir sprechen von einer modernen Art von Sklavenhandel. Viele dieser Jugendlichen sehen nicht mal das Innere eines Klubhauses«, sagt der ehemalige kamerunische Nationalspieler Claude Mbouvin, der im Jahr 2000 in der Nähe von Paris die »Culture Foot Solidaire« ins Leben rief. Die Non-Profit-Organisation unterstützt junge Afrikaner, die auf dubiose Fußballagenten reingefallen sind und danach mit all ihren geplatzten Träumen im Gepäck ziellos durch Europa irren.