Linkin Park über Löw, Beckham und den FC Bayern

»Ich bin ein Kind der Klasse von 1992«

David »Phoenix« Farrell ist Bassist der US-Band Linkin Park und steht auf europäischen Fußball. Beinahe wäre er für die DFB-Elf aufgelaufen – nur Jogi Löw hatte etwas dagegen.

Jan Philip Welchering
Heft: #
187

David Farrell, wir möchten mit Ihnen über Fußball reden.
Football, großartig! Mein Lieblingsthema.
 
Sie sagen Football, nicht Soccer?
Natürlich. Allerdings führt das in meiner Heimat oft zu Irritationen. Wenn ich von Football spreche, denken die meisten Amerikaner, es gehe um die NFL. Und dann fragen sie, was der FC Bayern oder Arsenal damit zu tun hat. Aber ich möchte das Wort Soccer nicht so gerne benutzen. Fußballfans außerhalb der USA würden doch denken, ich sei ein Idiot.
 
Wie sind Sie zum Fußball gekommen?
Ich habe in meiner Kindheit selbst gespielt und viel Fußball im Fernsehen geschaut.
 
Das kann kein MLS-Fußball gewesen sein.
Die gab's damals noch nicht. Ich habe die Premier League verfolgt. Genauer gesagt: Manchester United. Der Verein hatte einen exklusiven TV-Deal mit einem US-Sender, weshalb der Verein wohl der beliebteste in Nordamerika ist. Die Helden meiner Jugend hießen Paul Scholes, Ryan Giggs und David Beckham. Ich bin ein Kind der Klasse von 1992.
 
Sie mussten die Spiele nachts oder früh am Morgen schauen. Kommt da wirklich Stimmung auf?
Ich nahm die Partien auf VHS auf und schaute sie mir am Nachmittag an. Es war ein Ritual. Und es glich einer mittelschweren Katastrophe, wenn der Videorekorder nicht angesprungen war oder ich versehentlich nur eine 60-Minuten-Kassette eingelegt hatte.
 
Der ehemalige Sex-Pistols-Sänger Johnny Rotten erzählte uns, dass er Fußball nur noch im Fernsehen gucke, weil er im Stadion nicht trinken und nicht fluchen dürfe. Wie sehen Sie das?
Ich bin das genaue Gegenteil. Aber ich habe ja auch eine andere Sozialisation als er. Er hat alles gesehen. Ich hingegen kenne das meiste nur aus dem Fernsehen und nehme alles mit, was geht. Ich bin froh, wenn Tottenham ein Heimspiel hat, wenn ich in London bin. Und ich hoffe, dass ich mal in Hamburg bin, wenn der FC St. Pauli spielt.
 
St. Pauli?
Ein Zweitligaklub ist bekannter als mancher Erstligist – ich finde das faszinierend. So etwas wäre in den USA undenkbar.
 
Weil es weder Auf- noch Abstieg gibt.
Diese Idee ist in keinem US-Sport verankert, dabei ist das doch das Spannende. Dein Team kann in der einen Saison um die Meisterschaft mitspielen und in der nächsten geht es im Abstiegskampf um die Existenz. Ich fände es gut, wenn die MLS dieses System auch in den USA einführen würde. Es wäre eine einzigartige Sache. Eine Pioniertat.


Bild: Jan Philip Welchering
 
Sie schauen also auch Bundesliga?
Ja. Vor allem die US-Spieler: Bobby Wood beim HSV, Anthony Brooks bei Hertha oder Christian Pulisic beim BVB. Ein großartiger Spieler!
 
L.A. Galaxy ist keine Option für Sie?
Doch, klar. Das Niveau der MLS wird besser. Auch die Stimmung ist gut. Gerade im Nordwesten, in Portland oder Seattle, ist es fast wie in Europa. Es gibt Vereinskneipen, Ultras, und die Fans gehen schon am Morgen zum Stadion. Sie leben ihre Rivalitäten.
 
Für viele europäische Profis ist die MLS eine Art Altenheim, das Sie gut bezahlt. Was halten Sie davon?
Klar, die Top-Profis aus Europa oder Südamerika haben ihren Zenit oft schon überschritten, wenn sie in die USA kommen. Aber Thierry Henry oder auch Robbie Keane haben trotzdem immer noch sehr guten Fußball gespielt. Und als Beckham nach Los Angeles kam, war das für mich, der mit ManUnited aufgewachsen ist, das Größte.
 
Nun spielt auch Bastian Schweinsteiger in den USA. Er kann mit Chicago Fire sogar Weltmeister werden.
Wie meinen Sie das?
 
Auf seiner Vorstellung fragte ein Journalist, ob Chicago nun Weltmeister werden könnte. Schweinsteiger war ein wenig überfragt.
(Lacht.) Zu Recht. Ich mag den Jungen. Ich habe ja eh ein gutes Verhältnis zum FC Bayern und schon Spiele live im Stadion gesehen. Einmal war ich sogar auf dem Rasen und wurde vom Stadionsprecher begrüßt.