Waren Sie früher ein Rüpel, Martin Schulz?

»Ich bin linker Angreifer«

Horst Eckel war 1954 der jüngste Weltmeister, Martin Schulz hätte gerne nachgezogen. Doch sein Knie spielte nicht mit, statt Profi wurde er Kanzlerkandidat. Ein Gespräch über Idole, verlorene Finalspiele und überzogene Spielergehälter.

Richard Pflaume

»Wir hätten da eine viel bessere Idee: Am 08.03. trifft Martin Schulz Horst Eckel. In Kaiserslautern. Einfach so.« Bitte was? Die Worte, die der freundliche Mann von der SPD ins Telefon spricht, ergeben am anderen Ende der Leitung keinen Sinn. Wieso trifft der derzeit wohl populärste Mensch Deutschlands einen sehr alten Ex-Fußballer? Zu Kaffee und Kuchen? In Kaiserslautern? Wieso? 

Nachdenken: Wenn uns der Pressesprecher von Martin Schulz sagt, für unseren Podcast stünde der vermeintliche Gottkanzler nicht zur Verfügung, wir könnten ihn dafür aber gerne - wir sind doch diese witzigen Fußballhampel, richtig? - zum Plausch mit 54er-Weltmeister Eckel begleiten, ist das dann gut oder gaga? Kann dabei mehr rauskommen als glitschige PR-Schmiere? Auf dem Rücken eines Mannes, der vor mehr als 60 Jahren Weltmeister wurde? Vermutlich nein.

Aber kann man sich die Chance entgehen lassen, den Mann, der vor 60 Jahren Weltmeister wurde und den Mann, der womöglich bald der mächtigste Europas sein wird und angeblich Profi werden wollte, nicht zu treffen? Also nicht exklusiv dabei zu sein, wenn Martin Schulz und Horst Eckel bei einem Stück Bienenstich die Zukunft Deutschlands besprechen? Vermutlich nein. Also: machen.

Treffpunkt ist ein geräumter Speiseraum in einem Hotel bei Kaiserslautern. Auf dem Parkplatz warten schwarze Limousinen gefüllt mit schwarzen Anzügen gefüllt mit Menschen, die Funkknöpfe im Ohr haben und gegnerische Adamsäpfel vermutlich mit der Ferse entfernen könnten. Martin Schulz ist also schon da. Wenig später betritt - begleitet von Ehefrau Hannelore - Horst Eckel mit unsicheren Schritten das Hotel. Es folgt eine halbwegs steife Begrüßung, dann sitzen das Ehepaar Eckel und Martin Schulz an einem Tisch. 

Martin Schulz, Horst Eckel wurde mal als langschmaler Typ mit prächtiger Ballführung und feiner Nahkampftechnik beschrieben. Wie würden Sie den Spielstil des jungen Martin Schulz beschreiben?
Martin Schulz: Prächtige Ballführung kann man bei mir getrost streichen. Ich war eher ein nicht langschmaler Typ mit eher weniger prächtiger Ballführung und unfeiner Nahkampftechnik.

Waren Sie auf dem Platz ein Rüpel?

Schulz: Nein. Ein Rüpel war ich nicht. Aber ich war ein harter Abwehrspieler.
Horst Eckel: Ich war auch kein ganz einfacher Gegenspieler. Was vor allem daran lag, dass ich auch meine eigenen Knochen nie geschont habe.

Herr Schulz, Sie wurden 1972 mit Rhenania Würselen westdeutscher B-Jugend-Vizemeister. Erzählen Sie uns von dem Jahr.
Schulz: Rhenania Würselen war damals ein bekannter Fußballklub. Jupp Derwall spielte beispielsweise für Würselen und neben Alemannia Aachen und Jülich 10 waren wir der beste Klub der Region. Unsere B-Jugendmannschaft war 1972 eine der erfolgreichsten Jugendmannschaften in Deutschland. Was dazu führte, dass der DFB ein B-Jugendländerspiel an uns übertrug, weil die deutsche B-Jugendnationalmannschaft verhindert war. Also spielten wir als Vereinstruppe in Sittard gegen die niederländische B-Jugend.

Und bekamen richtig die Hucke voll?

Schulz: Nein, wir spielten immerhin 2:2. Ein riesiger Erfolg für uns damals, genau wie die Vizemeisterschaft.

Was lief im Finale 1972 schief?

Schulz: Wir spielten gegen Schalke, es stand lange 1:1, ein sehr ausgeglichenes Spiel. Dann ließ unser eigentlich hervorragender Torwart einen Gurkenschuss rein. In unsere Schockstarre hinein erzielte Schalke direkt das 3:1. Wir waren alle von der Rolle - und das Spiel war durch. Im Nachhinein kann unser Torhüter aber sicher darüber lachen. Er ist der einzige von uns, der später Profi wurde: Arno Dömgörgen, lange Torhüter bei Fortuna Köln in der Bundesliga.

Wie professionell lief ihre Vereinskarriere ab?
Schulz: Für die Größe der Stadt hatten wir eine außergewöhnliche Truppe beisammen. Wir waren jung, hungrig, sehr engagiert und trainierten viermal die Woche. Allerdings wurde ein großer Fehler gemacht: Wir trainierten nicht organisiert und es wurde zu wenig Rücksicht auf unsere jugendlichen Körper genommen. Das Ergebnis war, dass sich fast alle meine Mannschaftskameraden irgendwann schwer verletzten.