Die Lehre des Spieltags (20)

Am Pranger

Eine Stunde vor Anpfiff soll Roger Schmidt auf der großen Bühne ans Kreuz genagelt werden. Nur der Verein spielt da nicht mit. Es folgt ein peinliches Dementi.

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Sentimentale Klaviermusik setzt ein, ein Sky-Sprecher rekapituliert im Off die Pleitenserie von Bayer 04 Leverkusen und in der Nahaufnahme kreisen immer wieder die zitternden Augen von Trainer Roger Schmidt. Die Klaviermusik wird noch langsamer. Der Sprecher schenkt jedem einzelnen Wort einen eigenen Ballsaal Platz, um seine Wirkung auszubreiten. Eine Beerdigung ist nichts dagegen.

Öffentliche Anzählung

Dann trat Moderator Jan Henkel mit ernster Miene ins Bild: »Roger Schmidt ist heute morgen von dem Gesellschafterausschuss der AG bereits entlassen worden.« Bumm, das saß.

Allein, es stimmte nicht.

Penibel hatte der Sender in den vergangenen Minuten seine Peripetie aufgebaut. Es wirkte in der Rückschau perfide. Die Stimmung vor dem Spiel gegen Frankfurt war schlecht. Sowohl bei den Verantwortlichen, als auch in der Kurve und bei den Journalisten. Zwei von ihnen - Karlheinz Wagner vom Kölner Stadt-Anzeiger und Thomas Gassmann vom Express - zählten Schmidt im Vorbericht schonungslos an. 

Zurecht in der Kritik

Nach zwei Niederlagen in Folge und Platz zehn vor dem Anpfiff stand Schmidt zurecht in der Kritik. Wie ihn die Medien jedoch in diesen Minuten ans Kreuz fixierten, war widerlich. Da wurde sogar die gelassene Reaktion nach der x-ten Nachfrage zur Bedeutung des kommenden Spiels und einem peinlichen Mienenspiels des Journalisten, als »nervös« eingeordnet. »Wollen sie mich provozieren oder brauchen Sie noch irgendeinen Satz auf ihrem Zettel? Ich glaube, ich habe das fünfmal erklärt. Das soll reichen«, hatte Schmidt gesagt. Schlagzeilen machte es trotzdem.