Joachim Streich über seine Karriere

»Guckt euch die Zahlen an! Ich bin der Beste!«

Er ist Rekordtorschütze und Rekordspieler der DDR. Der bekannteste ostdeutsche Fußballer ist aber Jürgen Sparwasser. Wie findet Joachim Streich das eigentlich?

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Joachim Streich, hätten Sie bei der WM 1974 gerne den 1:0-Siegtreffer gegen die BRD geschossen?
Natürlich hätte ich da gerne ein Tor gemacht, ich habe immer gerne Tore gemacht. Aber in dieser Partie durfte ich nicht mal spielen.

Jürgen Sparwasser verhalf der Treffer zu ewigem Ruhm.
Ich neide Jürgen das Tor nicht, er ist ein guter Freund, wir waren eine Zeitlang sogar Bungalownachbarn in Gommern. Allerdings hat dieses Tor nicht nur Gutes: Jürgen wird oft darauf reduziert.

Sie sind immerhin Rekordtorschütze und Rekordspieler der DDR.
55 Tore, 102 Spiele. Das ist das Gute an der Wende: Meine Rekorde können nicht mehr eingestellt werden. (Lacht.)

Gegen Deutschland durften Sie trotzdem nicht spielen. Warum eigentlich?
Das hatte ich mir selbst eingebrockt. Kurz vor WM-Start fing ich mir eine Erkältung mit Fieber ein, ich hätte im ersten Gruppenspiel eigentlich gar nicht auflaufen dürfen. Aber ich war jung und wollte den Turnierauftakt nicht verpassen, also verschwieg ich meine Erkrankung. Gegen Chile spielte ich schlecht, weswegen ich beim deutsch-deutschen Duell nur auf der Bank saß.

Sie hatten bereits Ihre BRD-Erfahrung. Bei Olympia 1972 besiegte die DDR die BRD mit 3:2. Warum spricht heute kaum jemand über diese Partie?
Der Fußball bei Olympia hatte kein gutes Ansehen, es war ein Turnier der Amateure. Aber es war trotzdem eine schöne Erfahrung, tagsüber spielten wir erfolgreich Fußball, abends gingen wir mit den Polizisten, die uns eigentlich bewachen sollten, einen trinken. Wir holten Bronze. Eine tolle Sache, mit einem faden Beigeschmack.



Wieso?
Wir trafen im Spiel um Platz drei auf die UdSSR, die Partie endete 2:2. Weil es kein Elfmeterschießen gab, bekamen beide Mannschaften die Bronzemedaille. Aus dem Westen hieß es dann: Die Kommunisten haben sich abgesprochen! Was natürlich großer Quatsch war.

Auch Ihre Fußballkarriere beim 1. FC Magdeburg begann mit einer kleinen Verschwörungstheorie.
Ich spielte damals in Rostock, und im letzten Spiel der Saison 1974/75 verschoss ich einen Elfmeter. Wir stiegen deswegen ab. Man warf mir vor, ich hätte mit Absicht verschossen, damit ich zu einem besseren Verein delegiert werde. Auch das ist Blödsinn.

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Hätten Sie nicht aus eigenen Stücken gehen können?
Von der TSG Wismar bin ich tatsächlich auf eigene Initiative zu Hansa gewechselt. Rudi Schneider, damals Trainer der Hansa-A-Jugend, wollte mich unbedingt in Rostock sehen. Dort durfte ich zwar im Internat wohnen, bekam aber keine Essensmarken. Glücklicherweise haben mir die Älteren immer mal wieder welche zugesteckt. Das hat mich gerettet, denn mein Lehrlingsgehalt – ich machte eine Ausbildung als Schaltanlagenmonteur – war mit 70 Ost-Mark nicht gerade üppig.


Joachim Streich ist der ultimative Rekordfußballer der DDR: Für die Nationalelf machte er 102 Spiele und erzielte 55 Treffer. Für den 1. FC Magdeburg lief er 237 Mal auf und schoss 171 Tore.

Nach Ihrer Rostocker Zeit wollten Sie zu Carl Zeiss Jena. Wieso kam der Wechsel nicht zustande?
Es war alles klar. Hans Meyer (damals Trainer in Jena, d. Red.) bot mir 5000 Ost-Mark Handgeld, dazu 5000 Mark für die ersten zehn Tore, 500 für jedes weitere. Meine Frau hätte bei Carl Zeiss als Ökonomin arbeiten können. Kurz vor dem Wechsel wurde ich aber nach Berlin zitiert, wo mir Günther Schneider, damals Generalsekretär des DFV, mitteilte: »Entweder Sie gehen nach Magdeburg oder Sie bleiben in Rostock.« Da ich Oberliga spielen wollte, blieb mir keine Wahl. Und dann ging’s bergab.

Wie meinen Sie das?
Ein Scherz. Früher habe ich gerne gesagt: »Wenn ich kam, ging’s bergab.« Bis 1975 war Magdeburg die beste Mannschaft der DDR, ein Jahr zuvor holte das Team den Europapokal. Dann wechselte ich – und wir wurden in den kommenden zehn Jahren nicht einmal Meister.