Tod eines Fan-Originals

Der Leierkastenmann vom Nürnberger Stadion

Er spielte seit Jahrzehnten vor jedem Heimspiel die FCN-Lieder. Für viele war er deswegen mindestens genauso wichtig wie die Spieler. Ein Nachruf auf den »Leierkastenmann«.

Robert Eikelpoth

Beim Relegationsspiel im Mai spielte ein junger Mann den Leierkasten vor dem Nürnberger Stadion. Doch er kam nicht wirklich dazu, weil er immer wieder Fragen beantworten musste. Oder vielmehr eine Frage: »Wo ist Walter?« Die Antwort war immer gleich: »Er ist im Krankenhaus.« Die umstehenden Fans waren erschrocken, als handele es sich um einen Familienangehörigen. Sie klopften dem jungen Mann auf die Schultern, sagten, er solle beste Genesungswünsche ausrichten und legten ihre Münzen in den Korb.

Der junge Mann vor dem Stadion war der Sohn von Walter Birkner, dem »Leierkastenmann« des 1. FC Nürnberg, der seit drei Jahrzehnten vor den Heimspielen die Club-Lieder auf der Drehorgel spielte. Und wenn schon bei dieser entscheidenden Partie um den Aufstieg nicht der Vater selbst spielen konnte, dann musste der Sohn ran. Der Leierkasten musste an seinem Platz stehen, er musste die Club-Lieder spielen, anders ging es einfach nicht.

30 Jahre vor dem Stadion

Fans lieben Rituale vor dem Spiel, sie gehen immer zu dem gleichen Imbiss, nehmen immer den gleichen Weg, stellen sich in die gleiche Schlange vor dem Einlass. In Nürnberg konnte für viele Anhänger das Spiel erst dann beginnen, wenn sie dem Leierkastenmann begegnet waren und ihm einige Münzen in den Hut geworfen hatten. Walter Birkner war ein Original, für die Spiele des FCN so wichtig wie die Spieler auf dem Rasen. Er trotzte dem Regen, er trotzte den Abstiegen, er trotzte all den Malen, wenn der Glubb wieder a Depp war. Er ging immer wieder zum Neumarkt in Nürnberg, wo ein Orgelbauer die Noten auf eine Papierrolle für die Drehorgel druckte. Mehr als 700 Euro zahlte er für ein Lied des FCN, dabei besaß er wahrlich keine Reichtümer.

Im Frühjahr stellten wir Walter Birkner für eine Heftgeschichte über Fan-Originale vor. Er war zunächst nicht angetan von der Idee. Die Fans, so dachte er, könnten denken, er wolle sich profilieren, sich wichtiger nehmen als den Verein.

Mit dem Kapitän in einer Straße aufgewachsen

Er habe jahrelang als Fernfahrer gearbeitet, erzählte Birkner dann doch im breitem Fränkisch. Eines Tages habe ihn eine Ladung von Zementsäcken gestriffen. »Wenn sie mich voll erwischt hätte, wäre ich hin gewesen.« Birkner arbeitete erst auf dem Bau, als Maurer und Stuckateur, zuletzt arbeitete er in einer Bäckerei, weil die Rente zu dünn war. Voller Stolz berichtete Birkner von seiner Freundschaft zum früheren Club-Kapitän Heinz Strehl, mit dem er in einer Straße aufgewachsen war. Die Leidenschaft für den Verein war entfacht, er verknüpfte sie mit jener für die Musik und spielte Drehorgel. 30 Jahre lang.

Rational ist nicht zu erklären, warum er das alles tat. Aber was ist schon rational, wenn es um die Leidenschaft beim Fußball geht? »Das Herz hat Gründe, die der Verstand nicht kennt«, sagte der französische Philosoph Blaise Pascale. Und wo so viel Herz im Spiel ist, ist selbst eine große Portion Pathos nicht unangemessen. Walter Birkner spielte am liebsten die Club-Hymne, ihr Text lautet: »Die Legende lebt, wenn auch der Wind sich dreht. Unser Club wird niemals untergeh'n!«