Heribert Bruchhagen über seine Laufbahn

»Meine Mutter weinte um meine A14-Stelle«

Heribert Bruchhagen hätte Lehrer bleiben können. So aber prägte er über Jahrzehnte die Bundesliga. Heute wird er 70 Jahre alt, hier erzählt er seine schönsten Geschichten.

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Ich habe 1968 Abitur gemacht, und 1968/69 sind wir mit der DJK Gütersloh in die Regionalliga West aufgestiegen. Dort habe ich meinen ersten Vertrag unterschrieben: 160 Mark Grundgehalt und 75 Mark pro Punkt. Das kann man heute gar nicht mehr glauben, es war aber so. Lehrer bin ich geworden, weil der Job mit der Fußballkarriere kompatibel war. Eigentlich wollte ich an die Sporthochschule Köln, bin allerdings durch die Aufnahmeprüfung gefallen, weil ich kein Delfinschwimmen und keinen Riesen am Reck konnte.

Stattdessen habe ich in Münster Sport und Geografie studiert und war dann ab 1976 Lehrer am Kreisgymnasium in Halle/Westfalen. Ich habe noch bis 1983 unter Halbprofibedingungen gespielt und war danach Trainer in der Oberliga. Beides anstrengend, aber machbar. Wenn ich am Montag in der Lokalzeitung als »Völliger Ausfall« subsumiert wurde, hatten die Schüler ihren Spaß. Ich war ziemlich autoritär – bei mir gab es kein Stricken im Unterricht –, hatte aber zu den Schülern dennoch ein gutes Verhältnis. Mit dem Direktor hatte ich einen wunderbaren Deal: Samstags hatte ich frei und habe dafür Aufsicht gemacht beim Mittelstufenball und ähnlichen Veranstaltungen, bei denen die Disziplin zu leiden drohte. Da war ich für die Schulleitung eine echte Waffe.

Wenn Eichberg ruft

Das Angebot von Günter Eichberg kam wie aus heiterem Himmel. Eichberg war mal Vizepräsident beim FC Gütersloh gewesen und ist dann in die Welt hinaus gezogen. Irgendwann wurde er Schalke-Präsident und hatte danach von Anfang an das Ziel, mich dazuzuholen, weil er mich aus Gütersloh kannte. Am 1. Juni 1989 habe ich bei Schalke als Manager angefangen. Ich musste komplett aus dem Schuldienst ausscheiden, da das Ministerium eine Freistellung nicht akzeptiert hat. Dass ich mein Beamtentum aufgebe, hat mir aber keine schlaflosen Nächte bereitet, auch weil mein Salär nun um einiges höher als das Lehrergehalt war. Nur meine Mutter hat um meine A14-Stelle als Oberstudienrat geweint. Aber Schalke 04 war eine Herausforderung, die ich nicht ablehnen konnte.

Im Schalker Kreisel

Das war damals noch eine andere Welt. Wir saßen im »Führerbunker«, wie das despektierlich genannt wurde, einer Baracke neben dem Parkstadion. Dort war mein Büro. Schalke war zu jener Zeit ein ziemlich handgestrickter Verein, es gab insgesamt vielleicht zwanzig Mitarbeiter. Der Verein hatte das Merchandising und Ticketing komplett ausgelagert, und es war meine Aufgabe, diese Rechte wieder zurückzuholen. Mein Problem war allerdings noch ein anderes.

Ich kam als junger, relativ erfolgreicher Trainer in der dritten Liga nach Schalke. Um es kurz zu sagen: Im taktischen Bereich fühlte ich mich zum Teil deutlich überlegen. Das war eine schwierige Situation, auch in Gesprächen mit Eichberg. „Die trainieren falsch!“, habe ich immer gesagt. Irgendwann kamen Peter Neururer und Aleks Ristic als Trainer zu uns, da habe ich nichts mehr gesagt.

Als Charly Neumann tobte

Bei den Traditionsvereinen gibt es oft eine Ambivalenz zwischen der Realität und dem Wunschdenken im Umfeld. Man orientiert sich an der Vergangenheit, und das ist immer ein Spagat. Als ich zu Schalke kam, spielten wir in der zweiten Liga, das war kein Ort für Träume. Aber die Erwartungshaltung und die Unmenge an Protagonisten, die sich zu Schalke äußern, machen die Sache schwer. Zu meiner Zeit gab es noch Ernst Kuzorra und Bernie Koldt, dazu einen Herbert Burdenski.

Selbst einer wie Charly Neumann war ein Faktor. »Bruchhagen, fünfstellige Postleitzahl aus Harsewinkel«, hat er immer gesagt, und angeblich auch, dass ich auf Schalke „den ersten Schnee nicht sehen“ würde. Der Mannschaftsbetreuer! Charly verkaufte aber auch Cola und Brötchen, der hatte überall seine Finger mit drin. Als ich eine Ausschreibung machte, kam er in mein Büro gestiefelt und sagte: »Du miese kleine Ratte, was bildest du dir eigentlich ein?« Am Ende blieb das Catering bei Charly Neumann, weil Eichberg, sagen wir mal, Respekt vor seiner Lebensleistung hatte. Und ich habe mich später gut mit ihm verstanden, weil er erkannt hat, dass ich fleißig und zielgerichtet war.