Wenn die eigenen Kinder Hertha-Fans werden

Des Wahnsinns fette Beute

Die ersten Jahre im Stadion sind die schönsten. Schicken wir also unsere Kinder raus aus den Familienblöcken und rein in die Fankurve – selbst wenn sie zu Hertha wollen.

Bob Thomas in 11FREUNDE #171
Heft: #
171

Selten hat mich ein Bild so bewegt wie das Foto der Fantribüne »Stretford End« in Old Trafford (siehe oben), der Heimat von Manchester United, vor einem Heimspiel im Jahre 1969. Geschossen hat es der berühmte Fotograf Bob Thomas. Die Aufnahme zeigt die Stehterrassen, prall gefüllt mit Anhängern, fast jeder trägt einen rot-weißen Schal.

Das Bemerkenswerte: Die Fans, die sich gut gelaunt an das mit Holzlatten verstärkte Metallgitter drängen, sind allesamt Kinder und Jugendliche. Die älteren vielleicht vierzehn, die jüngeren eher acht oder neun Jahre alt. Und kein Erziehungsberechtigter weit und breit, was erheblich zu dem Spaß beigetragen haben wird, den die Jungs in der »Schoolboy Section« von Old Trafford augenscheinlich hatten.

Thomas’ Aufnahme ist auf so viele Arten ein außergewöhnliches Foto.

Seine wichtigste Funktion ist jedoch, dass es eine großartige, inzwischen längst untergegangene Fankultur dokumentiert. Das Bild zeigt einen der stimmungsvollsten Stehplatzblöcke der Insel, eine sangesfreudige und begeisterungsfähige Anhängerschar, es zeigt den Fanblock als wilde Masse, als Abenteuerspielplatz und als Ort der großen Freiheit; da mochten die Bobbys noch so grimmig dreinschauen. Und diese Freiheit galt eben nicht nur für die Halbstarken, die weiter oben auf der Tribüne die Gesänge anstimmten, sondern auch für die Rotzlöffel, die sich wegen der besseren Sicht am Fuß der Stehterrassen drängelten.

Als Fußballfan könnte ich dieses Bild nun mit routinierter Melancho­lie betrachten. Man weiß ja, dass die wilde englische Fankultur inzwischen durch Schalensitze und horrende Eintrittspreise ziemlich domestiziert worden ist. Und so sehr die Premier League heute auch als Erfolgsmodell gefeiert wird, ist es doch ein Jammer, wie wenig von der einstmals so faszinierenden Atmosphäre übriggeblieben ist.

Oh Schreck: Die Söhne sind Fans von Hertha BSC!

Vor allem aber bewegt mich dieses Foto, das vor 47 Jahren aufgenommen wurde, weil ich Vater von zwei Söhnen bin, die just im gleichen Alter sind wie damals die Schuljungs in Old Trafford, und weil ich in den Augen meiner Kinder den gleichen Wahnsinn und die gleiche überbordende Leidenschaft zu erkennen glaube wie bei den Burschen in Manchester. Und das, obwohl beide Söhne Fans von Hertha BSC geworden sind.

Gott ist mein Zeuge, dass ich alles versucht habe, das zu verhindern. Irgendwie hatte ich immer gehofft, dass ich meine Leidenschaft für Arminia Bielefeld an die nächste Generation weitergeben würde, hatte Trikots gekauft und die beiden vor den Fernseher gezwungen, wenn Arminia spielte.

Aber zwei halbwüchsigen Berliner Jungs zu vermitteln, dass es sich lohnt, sein Herz an einen ostwestfälischen Zweitligisten mit dem fatalen Hang zum grandiosen Scheitern zu vergeben, war von vorneherein aussichtslos. Man schaut ja auch bei Parship nicht zuallererst in der Adipositas-Abteilung vorbei.

Ich war dann auch ganz froh, dass die Jungs entlang der alten Parole »Support your local team« ihr Herz für Hertha entdeckten. Was ich allerdings nicht erwartet hatte, war, wie sehr die beiden des Wahnsinns fette Beute werden würden. Konrad, der Ältere, ist gerade zwölf Jahre alt geworden und verbringt seine Nachmittage vorwiegend damit, auf unserem Balkon zu stehen, seine Hertha-Fahne zu schwenken und so laut Choräle zu grölen, dass vorbeifahrende Radfahrer gerne mal komplett aus der Spur geraten.

Wenn es zu kalt ist, um im Freien zu krakeelen, sitzt er in seinem Zimmer und zeichnet auf sechs aneinander geklebten Din-A4-Blättern das Hertha-Stadion nach, wohlgemerkt das alte, längst abgerissene Areal am Gesundbrunnen, von dem er sich Bilder im Internet besorgt hat. Für den Stab seiner Hertha-Fahne verbrachten wir mehrere Stunden im Baumarkt, wo er sich von einer sichtlich genervten Mitarbeiterin der Gartenabteilung die Vorzüge von langen Metallstäben mit Plastikummantelung erklären ließ, bis sie indigniert nachfragte: »Was willst du denn damit in Gottes Namen schwenken?«

Das enttäuschte Aufbrausen des Berliner Stadionpublikums

Und an Konrads Bett liegt ein völlig zerlesenes Buch mit längst auswendig gelernten Hertha-Statistiken. Man könnte ihn nachts um drei wecken und er würde im Halbschlaf mechanisch die Bundesliga-Einsätze von Uwe Kliemann und Ete Beer herunterbeten. Apropos nachts: Neulich wachte ich aus dem Tiefschlaf auf und hörte ein ersticktes Keuchen aus dem Bad. Ich sah nach, es war kein gestürzter Senior, sondern Leo, der jüngere Sohn. Er saß auf dem Klo und imitierte durch kehlige Laute das enttäuschte Aufbrausen des Berliner Stadionpublikums nach einer vergebenen Torchance.

Wenn beide zusammen sind, steigern sie sich gerne in eine für Außenstehende schwer nachvollziehbare Hertha-Hysterie hinein und tippen die Rückrunde so durch, dass am Ende immer ein Champions-League-Platz dabei herauskommt.

Wenn ich dann einfühlsam und durch die Blume darauf hinweise, dass es totaler Monsterquatsch ist, einen 4:1-Heimsieg gegen die Bayern anzunehmen, reden beide stunden­lang nicht mit mir. Und als sie zu Weihnachten eine Playstation geschenkt bekamen, war die erste Partie, die sie spielten, nicht Barcelona gegen Bayern oder wenigstens Arminia gegen Bochum, sondern Hertha gegen die TSG Hoffenheim. Ich wollte ihnen das Ding eigentlich gleich wieder wegnehmen.

Im Liveticker: Borussia Dortmund gegen Hertha BSC

Ticker: BVB - BSC

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