Existenzangst in der Bundesliga

Ausweitung der Abstiegszone

Oben die Bayern und ein bisschen Dortmund, der Rest kann, so scheint es, jederzeit absteigen. Macht Fußball noch Spaß, wenn er einen mit der Angst konfrontiert, die man eh schon hat?

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»Das Fußballspiel«, sagt Desmond Morris, »ist rituelle Jagd, stilisierter Kampf und symbolisches Geschehen.« Morris ist Zoologe, er wurde in den sechziger Jahren bekannt mit seinem Buch »Der nackte Affe«. Damit war der Mensch gemeint. Oder besser: das menschliche Tier.

Auch der Fußball, so Morris, laufe also auf das survival of the fittest hinaus, wie in der Vorzeit das Leben des Homo erectus in der afrikanischen Savanne. Nur eben in einer Ersatzhandlung – es ist alles nicht so ernst gemeint, wir sind ja kultiviert: Wir töten einander nicht mehr, wir foulen nur noch. Dieser Sport stand für das, was der Mensch, das ehemalige Tier, überwunden zu haben glaubte, an dem er jedoch immer wieder samstags sein Mütchen kühlte, wenn der innere Affe Bock aufs Jagen bekam. Dann riefen Rentner, den Pepita-Hut auf dem Kopf und den Enkel auf dem Schoß: »Hau die Sau um!« Dann gestikulierten Kuttenträger, als ob sie noch immer auf dem Baum säßen und Hyaenodons verscheuchten.

Es gab Zeiten, da war der FC Bayern Zehnter

Nun konnten wir die Bundesliga lange Jahre, wenn wir denn wollten, eben so lesen: Als possierliches Treiben nackter Affen in Trikots, die sich um Reviere (Raumgewinn!) und die Beute (Punkte!) kabbelten. Und weil sie inzwischen sprechen konnten, war all das umso amüsanter: »Fußball ist immer ding, dang, dong.«

Schöner als Giovanni Trapattoni hat kein Mensch es je gesagt. Ob Bayern, Schalker, Frankfurter: Am Ende waren wir alle Affen, zumindest im weiteren Sinne, hatten alle die gleichen primitiven Werkzeuge, waren mal mehr, mal weniger erfolgreich. Es gab Zeiten, da war der FC Bayern Zehnter. Es gab Zeiten, da wurde der 1. FC Kaiserlautern Meister.

Doch diese Epoche ist vorbei. Das »symbolische Geschehen« auf den Plätzen, wie Desmond Morris es nennt, steht inzwischen für etwas wesentlich Näheres als das Pleistozän – es steht für den Zustand unserer Gesellschaft heute: den enthemmten Neoliberalismus. Das survival of the richest. Die Schere geht immer weiter auseinander, sie ist schon keine Schere mehr, sondern zwei lose Klingen.

Die Bundesligatabelle der Saison 2015/16 zeigt uns: Sie besteht aus zwei Tabellen, mit einer schmalen Pufferzone dazwischen, in der sich ein paar Lottogewinner tummeln, Neureiche und Glückspilze, Tagessieger, für die es morgen schon wieder ganz anders aussehen kann (Hallo, Hertha!).

Affen mit sehr viel Geld

Am Meisterschaftsrennen aber nehmen längst nur noch die Besserverdienenden teil. Es ist, als würde irgendwo da oben eine Segelregatta stattfinden, Teilnehmerzahl anderthalb, an Bord sitzen natürlich keine nackten Affen mehr, sondern schick angezogene Affen, Affen mit sehr viel Geld.

Sie konkurrieren längst nicht mehr mit denen, mit denen sie aufgrund überkommener Statuten in die gleiche Spielklasse gepfercht sind, sie liefern sich Fernduelle mit Ihresgleichen, in der Champions League, dem Admirals Cup des Fußballs. Der Abstand der Bayern auf den Dritten Leverkusen beträgt: 27 Punkte.