Passt Stefan Effenberg zu Paderborn?

Freunde der untergehenden Sonne

Dieser Tage wird der SC Paderborn vom »XXL-Penis-Skandal« erschüttert. Dabei ist das, was Trainer Stefan Effenberg dort vorfindet, sonst eher eine Nummer zu klein.

Tobias Kappel
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171

Dieser Artikel ist eine gekürzte Version unserer Reportage über Stefan Effenberg in Paderborn. Den Originaltext lest ihr in der neuen 11FREUNDE #172. Ab heute Nachmittag im App-Store und ab Donnerstag im Google Play Store sowie am Kiosk.

In keiner Sprache der Welt gibt es die Wendung, etwas sei so schön wie ein Flughafen, darauf hat der britische Schriftsteller Douglas Adams einmal hingewiesen. Dass auch Trainingsgelände von deutschen Zweitligisten sich nicht für schmeichelnde Vergleiche eignen, ist ein Gedanke, der einem durch den Kopf weht wie der Dezemberwind durch die Übergangsjacke, an diesem Freitagmorgen auf der Paderkampfbahn, dem Arbeitsplatz des Stefan Effenberg.
 
Der SC Paderborn ist unter seinem neuen Trainer, der einst mit dem FC Bayern die Champions League gewann, bereits seit sieben Spielen sieglos. Am Zaun zwischen Fußballplatz und angrenzendem Spaßbad hängt ein Transparent aus Raufasertapete: »Seid eine Mannschaft, dann stehen wir weiter hinter euch«, hat jemand in schwarzen und blauen Lettern darauf gepinselt. »Es geht um den Verein, verdammt!«

»Kinder auf den Platz, Hunde pinkeln in die Ecke«

In der Wasserrutsche weint ein Kind. Drei Platzwarte stochern zwischen Reifenspuren, die quer über das Feld führen, im morastigen Geläuf, offenbar auf der Suche nach Grashalmen. André Breitenreiter, bis zum Sommer Trainer beim SC, fühlte sich auf diesem Gelände wie bei einem »Dorfverein«, er schimpfte: »Hier laufen Kinder auf den Platz, Hunde pinkeln in die Ecke.« Unter diesen Bedingungen sei seine Mannschaft »der krasseste Außenseiter aller Zeiten«, so Breitenreiter im Oktober 2014, da war der SC Tabellenneunter in der Bundesliga.
 
Gut ein Jahr später ist der SC Drittletzter im Unterhaus, Breitenreiter weg, Effenberg da, aber das neue Trainingsgelände noch immer nicht eröffnet. Stattdessen ziehen sich die Spieler in den Kabinen einer von der Stadt gemieteten Turnhalle um, der Cheftrainer ist im Büro des Hausmeisters hinter vergilbten Lamellenjalousien untergekommen. Ab und an linst ein Nackter über die Palisadenwand des Saunabereichs im Spaßbad nebenan zum Fußballplatz herüber. Nur mal gucken, ob er schon da ist: Effe, der Tiger in Ostwestfalen-Lippe.


Bild: Tobias Kappel
 
Anfang Oktober, nach einem 0:1 in Duisburg und dem Absinken auf Tabellenplatz 15, wurde Markus Gellhaus von seinen Aufgaben als Trainer entbunden, Manager Michael Born trat mit Effenberg in Verbindung, auf der mallorquinischer Finca des Vereinsbosses und Möbeltycoons Wilfried Finke wurde kurz darauf der Vertrag unterzeichnet. Endlich ein Job für den Tiger, letzte Ausfahrt Zweite Liga. Er landete an einem Mittwoch in Ostwestfalen, im dicken Schneetreiben, »ich dachte, ich bin in Norwegen«, sagte er. Es war der Flughafen Paderborn-Lippstadt.

Ein Paderborner Möbelmogul als Dompteur
 
Das Training hat jetzt begonnen. »Weiter!«, ruft Effenberg übers geschundene Geläuf seinen Spielern zu, die sich in mehreren Gruppen beim Fünf-gegen-zwei abhetzen. »Weiter! Druck!« Drei fehlen: Srdjan Lakic, Mahir Saglik und Daniel Brückner sind nach dem 0:4 in Bochum suspendiert worden. Mit einem Schokonikolaus in der Hand verließen sie die Geschäftsstelle, ein schwacher Trost, zumal die Ursachen für die Maßnahme recht undurchsichtig geblieben sind. Hatten die drei sich hängen lassen? Sollte ein Zeichen gesetzt werden, was man eben so machen zu müssen glaubt, nach sieben sieglosen Spielen?

»Es gab keine richtige Begründung, es hätte jeden treffen können«, so Stürmer Süleyman Koc. »Das wissen sie schon«, sagt Effenberg. »Wenn sie das nicht verstehen, dann kann ich ihnen auch nicht helfen.« Ein Rentner mit Fahrradhelm glaubt, dass Präsident Wilfried Finke den Rauswurf veranlasst habe – und dem Trainer nichts anderes übrig geblieben sei, als sich zu fügen. Auch das gehört wohl zur neuen Lebenswirklichkeit des Tigers: Plötzlich ist ein Paderborner Möbelmogul der Dompteur, und der lässt die Peitsche knallen. Effenberg soll, so heißt es, recht beklommen gewirkt haben, als er Lakic, Saglik und Brückner mitteilte, dass sie nicht mehr mittrainieren dürfen.