Moment des Jahres (3): Relegation 2015

Never mind Rafael, here´s Marcelo

Wenn die letzte Stunde schlägt und der Herzensverein im Abstiegskampf die Waffen streckt, will man allein mit ihm sein. Dachte sich Tim Jürgens. Doch dann kam Marcelo Diaz.

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Gibt es ihn wirklich? Diesen einen Moment, der alles ändert? In dem sich das, was eben noch chaotisch, verkorkst, zerklüftet, verfahren, irgendwie abgehalftert erschien, plötzlich zum Positiven wendet. Wer im modernen Fußball einen solchen Moment herbeisehnt, braucht ein ausgeprägtes Faible für Romantik. Insbesondere in der Bundesliga, für die ein Klub – sagt sogar Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge – gut aufgestellt sein muss und einen langen Atem braucht, um am Ende erfolgreich zu sein.

Doch betrachtet der HSV-Anhänger in diesen Herbstwochen 2015 das Spieltaggeschehen, scheint es doch, als sei an diesem 1. Juni 2015 tatsächlich Übersinnliches geschehen. Als haben ein einziger Freistoß und sein mutiger Schütze, der sich dem Kadavergehorsam des Profikonstrukts verweigerte, eine Zeitenwende herbeigeführt. Alles, was eben noch ausweglos erschien, kehrte sich in einer Hundertstelsekunde ins Gegenteil.

Die Abkehr von der Depression

Nach Jahren des schleichenden Verfalls, schaffte der Hamburger Sportverein in der Nachspielzeit der Erstliga-Relegation beim Karlsruher SC den nicht mehr für möglich gehaltenen Turn-Around. Die Abkehr von der Depression. Der steten Erosion eines einst doch stolzen Klubs.

»Tomorrow, my friend, tomorrow«, soll Marcelo Diaz dem Ex-Star Raffael Van der Vaart zugeraunt haben, als dieser sich den Ball an der Strafraumgrenze zurechtlegte. Ein letzter Freistoß war den Hanseaten im zweiten Relegationskrimi in Folge als Fünkchen Hoffnung geblieben. Einer Eingebung folgend, schnappte der Chilene dem Niederländer den Ball weg. Alles oder nichts, das waren Dinge, die der alternde Glamourboy früher im Schlaf beherrschte. Doch die Zeit hatte VdV längst seines Karmas beraubt. Ein lahmendes Rennpferd, das nicht verstehen will, dass der alte Zauber dahin ist.

Was berieten Van der Vaart und Diaz?

Ich saß vor einem alten Röhrenfernseher in einem Bahnhofshotel in Frankfurt und beobachtete, was vor sich ging, während sich die KSC-Mauer formierte. Ich verstand nicht, was Diaz zu Van der Vaart sagte. Ob ihn der Niederländer anherrschte, er solle sich hüten, die Pille mit einem Kunstschuss in den menschlichen Wall vor ihm zu dreschen? Ob sie berieten, mit welcher verstaubten Freistoßvariante sie die Badener in dieser höchst prekären Situation noch aus der Reserve locken konnten? Ich hielt es für ziemlich ausgeschlossen, dass diese beiden hochbegabten Rohrkrepierer, nachdem sie es eine Saison lang nicht geschafft hatten, das Team mit der ihr angedichteten Spielkunst zu inspirieren, dass ihnen ausgerechnet nun, in der allerletzten Sekunde, tatsächlich ein Geistesblitz kam.

Ich war froh, dass ich allein in diesem Hotelzimmer saß. Keine Kollegen mit dummen Sprüche. Keine misanthropischen Werder-Fans, die schweigend ihre Schadenfreude über den Abstiegs des elenden »Dinos« in die Tiefe des Raums diffundierten. Keine Fußballprofessoren, die mir erläuterten, warum Ballbesitzquote und Laufleistung der Rothosen schon seit Langem nicht mehr erstligareif war und der Niedergang somit eine logische Folge unumstößlicher wissenschaftlicher Fakten.