Andreas Rettig über seinen neuen Job beim FC St. Pauli

»Ich bin ein realistischer Nostalgiker«

Heute wurde Andreas Rettig als neuer Geschäftsführer des FC St. Pauli vorgestellt. Was zieht den Ex-DFL-Chef, der auch Angebote aus der Bundesliga hatte, ins Unterhaus?

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Andreas Rettig, am 1.September treten Sie die Nachfolge von Michael Meeske als Geschäftsführer des FC St. Pauli an. Warum so spät?
Ich wechsele ja nicht von einem anderen Klub zum FC St. Pauli, sondern als früherer Geschäftsführer der DFL. Da war eine Anstandsfrist durchaus geboten. Aber natürlich habe ich in den letzten Wochen schon von Michael Meeske viele Informationen bekommen und stimme mich mit Thomas Meggle, Oke Göttlich und den Gremien ab.
 
Ihr Wechsel hat in der Branche für Aufsehen gesorgt. Sie galten bei Hannover 96 als Wunschkandidat von Martin Kind, dem Vernehmen nach gab es auch noch andere Angebote. Stattdessen gehen Sie zu einem Zweitligisten, der gerade erst dem Abstieg entronnen ist.
Aber die Arbeit beim FC St. Pauli setzt in gewisser Weise fort, was ich auch schon an der Arbeit in Freiburg und in Augsburg geschätzt habe. Mit kluger Strategie, Geschick und verlässlichen Partnern etwas aufzubauen und vielleicht dem Establishment ein Schnippchen zu schlagen.
 
Ein Abstieg in die Dritte Liga hätte solche Bestrebungen zunichte gemacht.
Klar ist, dass die Strahlkraft eines Klubs auch davon abhängt, in welcher Liga er spielt. Die Wahrnehmung, auch international, ist weitaus größer, wenn man in einer der beiden Bundesligen kickt.
 
Ihre Klubs hatten stets etwas gemeinsam. Die Zweite Liga verließen Sie stets nach oben. Mal wieder in der Bundesliga zu spielen, fände man auf dem Kiez sicher auch nicht so verkehrt.
Eine schöne Statistik, die aber keine neuen Aufstiege garantiert.
 
Zur konkreten Arbeit: Manch ein Funktionär hat schon über den Einfluss und die Macht der Anhänger beim Kiezklub gestöhnt.
Ich glaube nicht, dass das eine Machtfrage ist. Sondern die basisdemokratischen Elemente, diese Diskussions- und Streitkultur machen den Kern dieses Vereins aus. Es geht darum, sich mit all den Menschen, die sich für den Klub engagieren, die ihre Kreativität einbringen wollen, auf eine gemeinsame Linie zu verständigen. Im übrigen ist der FC St. Pauli in einer beneidenswerten Lage. Um ansatzweise so einfallsreich zu sein wie dieser Klub und seine Anhänger beschäftigen andere Vereine teure Werbeagenturen.
 
Dennoch: Die Anhänger beim FC St. Pauli wollen mitreden und mitgestalten.
Das tun sie ja auch schon seit Jahrzehnten und sie haben durch ihren Einsatz im Klub, aber auch für den Fußball sehr viel bewegt, bedenkt man allein, dass hier zuerst der Kampf gegen Nazis in die Stadionordnung aufgenommen worden ist. Der Klub wäre ohne die Fans nicht dort, wo er jetzt steht, vor allem nicht gesellschaftspolitisch. Im Übrigen: Fans selbst etwas gestalten lassen, das kenne ich auf anderen Ebenen auch aus Freiburg und Augsburg. In Augsburg haben sich die Anhänger beispielsweise gefragt, wie man den anreisenden Fans der anderen Klubs ein schönes Wochenende in der Stadt machen kann. Das war die Geburtsstunde von »Augsburg Calling«, einer Initiative, die der Verein nach Kräften unterstützt hat und die dafür gesorgt  hat, dass die Atmosphäre am Spieltagen viel entspannter war als in anderen Stadien.
 
Kiezklub, Freibeuter der Liga, Weltpokalsiegerbesieger – viele Claims für einen Klub. Wofür muss der FC St. Pauli Ihrer Ansicht nach stehen?
Es gibt ein Lied der Kölner »Bläck Föös«, das »In unserem Veedel« heißt und ziemlich gut beschreibt, worauf es auch beim FC St.Pauli ankommt. Dass der Klub eine Heimat für die Anhänger ist. Dass es nicht darum geht, möglichst viel Geld aus dem Fußball zu pressen. Und dass klar ist, wofür dieser Klub steht.
 
Derzeit scheint der Trend bei den großen Klubs in die andere Richtung zu gehen. Umjubelte Asien-Tourneen, Büros in New York – jeder will plötzlich eine globale Marke sein.
Das mag auf den FC Bayern zutreffen. Ansonsten glaube ich, dass die Klubs aufpassen müssen, ihre Wurzeln nicht zu vernachlässigen. Fußball ist da, um den Menschen Freude zu machen, natürlich auch vor dem Fernseher, aber vor allem im Stadion. Das sollten wir nicht vergessen.
 
Wer heutzutage allzu häufig an diese Wurzeln erinnert, wird gerne als Romantiker belächelt. Was sind Sie denn dann?
Ein realistischer Nostalgiker. Das passt.

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In der neuen Ausgabe von 11FREUNDE #166: Unsere große Titelgeschichte über den FC St. Pauli. Ab Donnerstag am Kiosk eures Vertrauens.