Als Bobic, Balakow und Elber die Bundesliga aufmischten

Don't you know it's magic?

Als Tick, Trick & Track des VfB Stuttgart mischten Giovane Elber, Krassimir Balakow und Fredi Bobic zwei Jahre die Liga auf. Bobic erklärt, wie das magische Dreieck funktionierte.

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Giovane Elber, der Musterprofi. Von wegen. Als ich das Badezimmer in unserem Doppelzimmer betrat, hatte ich keine Zweifel mehr. Hier hatte einer geraucht – und das war ausnahmsweise mal nicht ich. Giovane hatte zwar versucht, mit reichlich Parfüm zu kaschieren, dass er hier seinem geheimen Laster gefrönt hatte. Aber es hatte nichts genutzt. Von mir war bekannt, dass ich ab und zu nach Feierabend eine rauchte. Als ich Giovane einmal fragte, ob er auch eine wolle, fiel der aus allen Wolken: »Fredi, nein, wo denkst du hin? Ich rauche doch nicht, ich bin Sportler.« Jetzt wusste ich es besser. So genau nahm er es wohl doch nicht mit der Gesundheit.

Am Abend saßen wir zusammen, und ich trickste ihn aus. Sagte ganz beiläufig: »Ach, Giovane, so was Blödes, mir sind gerade meine Zigaretten ausgegangen. Hast du vielleicht noch eine …« Darauf er: »Nein ... äh, ich meine, wie kommste darauf. Ich bin doch Nichtraucher.« Aber es war zu spät. Auf seinem Gesicht lag dieses spitzbübische Grinsen, das jeder Zuschauer von ihm kannte, wenn er dem Gegner mal wieder einen eingeschenkt hatte.

So war es immer: Wir konnten uns gegenseitig nichts vormachen. Weder bei unseren kleinen Alltagslastern noch auf dem Rasen. Es gab von Anfang an dieses blinde Verständnis, das ein Profi in seiner Karriere nur sehr selten empfindet. Eine Form von Zusammenspiel, das sich nicht antrainieren lässt. Wenn ein Pass von außen in die Mitte kam und Giovane näher zum Ball stand, wusste ich genau, wann er zu mir durchlässt und wann er ihn selbst verwertet.

»Da, da, da.«

Als Manager Dieter Hoeneß und Trainer Jürgen Röber in der Winterpause 1994/95 verkündeten, dass zur nächsten Saison mit Krassimir Balakow ein Spielgestalter verpflichtet wurde, ahnten wir noch nicht, dass damit unser Trio Infernale komplett sein würde. Als Krassi dann kam, waren wir sofort eine Clique. Er sprach mit Giovane fließend Portugiesisch, mit mir verständigte er sich auf Serbokroatisch. Manchmal geriet das auch durcheinander. Einmal standen wir zu dritt am Anstoßkreis und er gab gedankenversunken die letzten Anweisungen – mir auf Portugiesisch, Giovane in Serbokroatisch. Ich antwortete folgsam »Si, si, si«, der liebe Herr Elber kommentierte Krassis Kauderwelsch schmunzelnd mit: »Da, da, da.« (dt. »Ja, okay.«) Balakow blickte auf, bemerkte die Verwechslung, und noch ehe der Schiedsrichter angepfiffen hatte, kriegten wir drei einen Lachanfall.

Der Offensivfußball, den unser Trainer Rolf Fringer spielen ließ, machte uns bald zum »magischen Dreieck«. »Bild« nannte uns nach dem 3:2-Sieg gegen Eintracht Frankfurt in der Saison 1995/96 erstmals so, weil jeder von uns in diesem Spiel einen Treffer erzielte. Es war die Zeit, als langsam die Kommerzialisierung im Fußball voranschritt. Der VfB verkaufte plötzlich massenhaft Trikots mit unseren Namen.

Nackt auf dem Sportbild-Cover

Die Zeitungen versuchten, uns zu Popstars zu stilisieren. »Bravo Sport« lud uns zum Fotoshooting ein, ich trug modisch schick eine umgedrehte Baseballkappe. Die »Sport Bild« nahm uns mit nackten Oberkörpern aufs Cover, dazu trugen wir unsere rot-weißen Fußballschuhe, eine Sonderedition von Adidas, speziell für uns drei angefertigt. Farben, die damals noch völlig unüblich bei Kickschuhen waren. Dabei war uns völlig klar, dass wir ohne den Rückhalt der anderen, von Spielern wie Gerhard Poschner, Zvonimir Soldo, Thomas Berthold, Frank Verlaat oder Franz Wohlfahrt nie derart geglänzt hätten. Diese Jungs hielten uns zuverlässig den Rücken frei.

Bei uns im Trio war die Rollenverteilung klar. Giovane war der technisch versierte Stürmer, der mit unkonventionellen Ideen immer wieder zum Torerfolg kam. Ich war der Gradlinige, der versuchte, effektiv und einfach jede sich bietende Chance zu verwerten. Und Krassi war der Strippenzieher im Mittelfeld, der uns mit seinen genialen Pässen versorgte. Er war unser großer Bruder. Ein Vollprofi, der akribisch auf den Erfolg hinarbeitete. Wenn Giovane und ich nachts über die Balkonbrüstung aus dem Trainingslager im Schwarzwald ausbüxten, um noch ein bisschen zu feiern, schlummerte er schon lange vor sich hin.


Illustration: Fredi Bobic

Das Geheimnis unserer Freundschaft war, dass wir uns gegenseitig den Erfolg nie neideten. Es kommt nicht oft vor, dass Fußballer, die heutzutage eher als Ich-AG funktionieren, dem Mitspieler jede Freude, jeden Erfolg gönnen. Bei uns war es anders. Am Ende der Saison 1995/96 spielten wir am 34. Spieltag gegen den Karlsruher SC. Für die ging es um die Teilnahme am UEFA-Cup, für unseren Coach Rolf Fringer um den Job – und für die VfB-Fans um den prestigeträchtigen Sieg im Derby. Giovane, der Karlsruher Sean Dundee, Jürgen Klinsmann, der zu diesem Zeitpunkt bei den Bayern spielte, und ich – wir alle lagen gleichauf mit 15 Toren im Kampf um die Torjägerkrone. In der ersten Halbzeit traf jeder von uns.

In der 71. Minute erzielte ich für den VfB die 3:1-Führung und war damit Torschützenkönig. Doch so konnte es ja nicht laufen. Wir hielten es nämlich für eine großartige Idee, wenn Giovane und ich die Saison gemeinsam als beste Bundesliga-Stürmer abschließen würden. Von dem Moment an bis zum Abpfiff legten Krassi und ich ihm nun also praktisch jeden Ball auf, den wir an den Fuß bekamen. Es reichte nicht mehr. Aber glauben Sie mir, ich bin sehr froh, dass Giovane diese Ehre, Torschützenkönig zu werden, in der Saison 2002/03 doch noch zu Teil wurde. Andernfalls wäre ich wirklich untröstlich gewesen.