Deutschlands erster Fußballheiliger

Karlo Werner Fußballgott

Karl Werner war Fortuna-Fanliebling wegen seines Bewegungsablaufs und der riskanten Spielweise. Aber muss man deswegen gleich eine Partei nach ihm benennen?

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Karl Werner, wie er damals noch hieß, war zum Probetraining beim Hamburger SV eingeladen worden. Es war die Zeit, als der HSV noch unter »Europapokalsieger« firmierte und der Jungspund am Ochsenzoll erlebte, wie sich Kaltz, Plessers und Magath in einer Ecke den Ball zuspielten, während der große Ernst Happel einen Spaziergang absolvierte. Ein jugoslawischer Sprachpanscher namens Aleksandar Ristic leitete das Training, an dessen Ende Happel den kommenden Libero aus Franken ignorierte. Werner wechselte nicht nach Hamburg, aber der listige Co-Trainer erinnerte sich an ihn und holte ihn 1988 nach Düsseldorf.

In der ersten Saison für die Fortuna profitierte Werner wie kaum ein anderer vom »bestimmten System« des Aleksandar Ristic, der als Cheftrainer auf das Prinzip Pärchenbildung setzte. Jeder sollte zwar seinen Stiefel runterspielen, hatte aber auch die Pflicht, einen jeweils zugeteilten Partner zu unterstützen. Das und die von Ristic geforderte Spielweise kamen Werner, fast 1,90 Meter groß, entgegen. Er verfügte für einen Zerstörer nämlich über eine recht akzeptable Technik und konnte den Ball von hinten herausspielen, statt ihn herauszudreschen, was damals noch bundesdeutscher Standard war. Spieler wie Ralf Loose, Petr Rada oder Vlatko Glavas waren immer anspielbar, Fortuna zelebrierte Vorsprung durch Technik. »Wir wollten einfach schön klären«, sagt Werner.

Was den Mann mit der blonden Bürstenfrisur für die Fans aus der Menge heraushob: Er hatte einen unfreiwillig lustigen Bewegungsablauf, der auf oberflächliche Beobachter hüftsteif wirkte. Und er besaß eine einzigartige Bierruhe am Ball, vor allem im eigenen Sechzehner, wo er Gegenspieler bevorzugt höchst riskant tunnelte bzw. »ausspielte«, wie er das rückblickend nennt. »Hasardeur im eigenen Strafraum«, überschrieb das Fachmagazin »Hattrick« damals eine Lobhudelei auf ihn. Ein Urfranke verkörperte damit die gepflegt mittelmäßige Fortuna jener Tage wie kein Zweiter, und in seiner zweiten Düsseldorfer Legislaturperiode, von 1993 bis 1997, ereilte ihn die Heiligsprechung durch die Fans.