2016
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Levi’s®

Fanliebling Leo Manzi bei St. Pauli

Samba im Leben, Punk auf dem Feld

1989 verpflichtete der FC St. Pauli den Brasilianer Leo Manzi. Schnell stellte sich heraus: Der Mann war komplett talentfrei. Die Fans liebten ihn trotzdem. Warum?

imago

In der Ahnengalerie der Anti-Helden und Nicht-Stars beim FC St. Pauli war Leonardo Caetona Manzi mit Abstand der schillerndste. Als der Brasilianer im Sommer 1989 im Hafenviertel anlandete, schien sich die unerfüllte Sehnsucht der Kiezbewohner nach großer weiter Fußballwelt zu erfüllen. Mit dem gemeißelten Perlweißlächeln, seinem knuffligen Partygemüt und den stattlichen 1,87 Metern wirkte Manzi wie ein Chef-Animateur vom Robinson Club. So ein Sunnyboy musste doch eine heilige Allianz mit dem Leder bilden.

Doch schnell wurde deutlich, dass der vermeintliche Ästhet vom FC Santos allenfalls die Körperbeherrschung eines Matrosen auf Landgang besaß. Manzi stolperte über die eigenen Beine. Lautstark geforderte Zuspiele sprangen ihm auch in niedriger Geschwindigkeit vom Fuß. Und hatte er mal wieder eine Chance versiebt, quittierte er sein Malheur mit einem tölpelhaften Gesichtsausdruck, der die aufbrandende Wut der Fans postwendend in Mitleid verwandelte. Allen war klar: Dem Verein, der nie mit fußballerischem Glanz gesegnet war, war es gelungen, den einzigen Brasilianer zu verpflichten, der nahezu frei von fußballerischem Talent war. In der Manzi-Ära manifestierte sich ein Fatalismus am Millerntor, der es dem St.-Pauli-Anhang bis in die Gegenwart ermöglicht, sportlichem Unvermögen mit Empathie und Frohsinn zu begegnen.


Er rief: »Scheiß St. Pauli, scheiß St. Pauli«

Bereits in seiner ersten Spielzeit auf dem Kiez avancierte Manzi zum etatmäßigen Ergänzungsspieler. In 122 Pflichtspieleinsätzen für den FC St. Pauli bis 1996 spielte er nur 23 Mal durch. Seiner guten Laune tat das keinen Abbruch. Im verqualmten Clubheim tanzte er selbst nach Niederlagen Samba, und er lud Fans zum Reeperbahnbummel ein. In der Schäferkampsallee lebte der Mann aus Goiânia allein mit acht Zebrafinken, die er frei in der Wohnung fliegen ließ. Obwohl er sich in sieben Jahren Hamburg kaum Deutschkenntnisse aneignete, entwickelte er ein gutes Gespür für die Ironie der Paulianer. Sah er Passanten im Totenkopf-Pulli, rief er ihnen hinterher: »Scheiß St. Pauli, scheiß St. Pauli«.