André Trulsen über Lienen, Abstiegskampf und neue Ziele

»Ich will wieder Adrenalin spüren«

Immer wenn es beim FC St. Pauli schlecht läuft, fordern Fans die Rückkehr des kongenialen Duos Stanislawski/Trulsen. Während der eine mittlerweile in einem Supermarkt arbeitet, sondiert der andere den Trainermarkt. Wie läuft's denn so?

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André Trulsen, am Dienstag hat der FC St. Pauli Ewald Lienen als neuen St.Pauli-Coach vorgestellt. War der Trainer-Job für Thomas Meggle nicht der richtige?
Das würde ich so nicht sagen. Thomas hat jedenfalls nie nur Fußball gespielt, sondern sich auch sehr viel mit dem ganzen Drumherum auseinandergesetzt, mit Taktik oder Trainingslehre. Außerdem ist er seit jeher ein guter Motivator, ein positiver Mensch. Für mich war immer klar, dass er eines Tages im Fussballgeschäft tätig sein wird.

Was halten Sie denn von der Lienen-Verpflichtung? 
Das kam natürlich für uns alle sehr überraschend, aber Ewald Lienen verfügt über sehr viel Erfahrung, sodass er sicherlich die Qualitäten hat, die Mannschaft wieder auf Kurs zu bringen.

Lienen steht vor einer schwierigen Situation: Die Mannschaft ist seit acht Spielen ohne Sieg und steht auf dem letzten Platz der Zweiten Liga. Machen Sie sich Sorgen?
Natürlich. Die aktuelle Situation ist brisant, das braucht man nicht beschönigen.
 
Sie leiden?
Klar leide ich, St. Pauli ist mein Herzensverein. Ich bin Hamburger, St. Paulianer.

Wie verfolgen Sie das Team: als Fan oder als Ex-Trainer?
Stani (Holger Stanislawski, d. Red.) und ich haben den Verein 2011 aus freien Stücken verlassen, und ich denke gerne und oft an die Zeit beim Klub zurück. Das ist eine Mischung aus Fan- und Trainer-Sicht. Allerdings kann ich aus Trainerperspektive auch sagen: St. Pauli kann immer noch ein Team wie den FC Ingolstadt schlagen. Im Fussball ist nichts unmöglich.

Woran hat es zuletzt gehapert?
Ich lebe jetzt in Stuttgart, verfolge einige Auswärtsspiele im Stadion, die meisten Partien aber vor dem Fernseher – daher bin ich nicht mehr so nah am Geschehen. Vielleicht mangelt es ein wenig an der Einstellung, jedenfalls vermisst man als Zuschauer ein wenig die alten St.Pauli-Tugenden: den großen Kampf, den Willen, Gras zu fressen. Einiges hängt allerdings auch mit der momentanen Verletzten-Misere zusammen.

Ist das Pech oder falsches Training?
Letztendlich ist das ein Teufelskreis: Wenn du schlecht spielst, musst du dich tagtäglich mit einer negativen Stimmung auseinandersetzen. Du musst ständig Fehler analysieren, dauernd kritische Fragen von Journalisten beantworten, denkst immerzu an das letzte Spiel – am Ende verkrampfst du und gehst nicht so euphorisch und konzentriert in die Trainingswochen. Was ich sagen will: Verletzungen können natürlich Pech, aber auch eine Folge dieser Negativstimmung sein.

Haben Sie dem Verein Ihre Hilfe angeboten?
Nein, aber jeder im Verein weiß, dass ich da bin, wenn meine Hilfe benötigt wird.

Ihr ehemaliger Cheftrainer Holger Stanislawski sagte vor ein paar Wochen: »Wenn St. Pauli Probleme hat, es brennt, dann bin ich da.« Wird es eines Tages eine Rückkehr des Trainerteams Stanislawski/Trulsen geben?
Jetzt ist erst einmal Ewald Lienen da, und jetzt geht es darum, den Verein vor dem Abstieg zu retten. Nichtsdestotrotz sind wir da, wenn man uns braucht. Gerade Stani hat dem Verein in vielen schwierigen Situationen geholfen und sehr viel bewirkt. Er übernahm mit mir die Mannschaft im Jahr 2006 und hat Drittligaspieler – mitunter schwierige Charaktere – zu Bundesligaspieler geformt.