Neue Serie: Mein erster Stadionbesuch (#1)

Tränen für Otto

In unserer neuen Serie erinnern sich 11FREUNDE-Redakteure an ihren ersten Stadionbesuch. Den Anfang macht Alex Raack – natürlich im Weserstadion.

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Wenn man elf Jahre alt ist, sind 30-Jährige steinalt. 40-Jährige sind Großväter, 60-Jährige schon so gut wie tot. Eine andere Weisheit, die für elfjährige Jungs unumstößlich ist: Männer, ob steinalt, im Großvater-Alter oder halbtot, weinen nicht. Und nun stand ich da: Um mich herum viele tausend Männer, die sich die Augen ausheulten. Was war passiert?

Senfflecken auf Jeansjacken

Ich weiß leider nicht mehr, wer von uns auf die Idee kam, ins Weserstadion zu fahren. Mein Vater oder ich. Dazu muss man wissen, dass mein alter Herr sich so intensiv mit Fußball beschäftigt, dass er mich während des EM-Endspiels 2012 anrief, »um mal wieder ein wenig zu quatschen«. Er ist wirklich einer der wenigen männlichen Vertreter, denen das Spiel völlig am Arsch vorbei geht. Und irgendwie finde ich das auch wieder beeindruckend. Fazit dieser kleinen Raackschen Familiengeschichte: Vermutlich war ich derjenige, der den Stadionbesuch einforderte.

Also bemühte sich mein Vater um Karten. Das schien im Juni 1995 noch nicht so schwer gewesen zu sein wie heutzutage. Gerade, wenn der gastgebende Verein Tabellenführer ist. Dies der vorletzte Spieltag der Saison ist. Und nach der Partie der Trainer und der beste Spieler offiziell verabschiedet werden. Aber mein Vater bekam die Tickets. Für die Haupttribüne, rechts neben der Ostkurve. Das war nicht ganz so sexy, aber die ersten Momente im Stadion haben sich dennoch auf ewig in mein Gedächtnis gebrannt: Ein Meer von Menschen, Hände voller Bratwürste und Bier, Senfflecken auf schlecht sitzenden Jeansjacken, der ganze Ort ein Bienenstock voller Fahnen, Schals und Sitzkissen. Ich zerrte meinen Vater bis ganz runter an die Werbebanden und nahm eine Nase Grasgeruch. Ist bis heute in meinen Nebenhöhlen hängengeblieben. Wann wird das Zeug endlich als Parfüm abgefüllt und verkloppt?