Über den Aufstieg des André Breitenreiter

Kinderzimmer Productions

André Breitenreiter war ein durchschnittlicher Bundesligaprofi, der sogar einige Jahre arbeitslos war. Heute ist er einer der angesagten deutschen Fußballtrainer. Über den Fall und Aufstieg eines akribischen Arbeiters.

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Mit 28 Jahren war André Breitenreiter auf dem harten Boden der Fußballrealität angekommen. Er zog damals, im Sommer 2002, zurück in sein altes Kinderzimmer. Ein paar alte Fußballfotos hingen noch an der Wand, den Rest räumte Mutter Edith aus dem Zimmer. »Die Hauptschuld trage ich«, sagte André Breitenreiter da, »denn ich habe eine schlechte Saison gespielt.«
 
Der Bundesligastürmer war in jenem Sommer arbeitslos geworden, beim Jobcenter erfasst unter der Kennziffer 8383, Abteilung Künstler und Artisten. Zuletzt hatte er für die SpVgg. Unterhaching gespielt, doch weil sein neuer Trainer Rainer Adrion ihn kaum noch von Beginn an spielen ließ, wollte er sich einen neuen Verein suchen. Es gab ein paar Angebote, aus Zypern oder Italien, doch er lehnte ab. Er wollte kein Wandervogel werden. Keiner, der sich von windigen Beratern durch die Welt schicken lässt. Er wollte die nächsten Schritte planen. Er sagte: »Mir geht es nicht schlecht, denn ich habe eine Perspektive.« Damals wusste niemand so recht, was er damit meinte.
 
Breitenreiters Fußballkarriere begann ganz oben. Im Sommer 1992, 17 Jahre jung, streckte er den DFB-Pokal in die Berliner Himmel. Er hatte für Hannover 96 bis zum Finale alle Spiele gemacht, und als Lohn durfte er in der Nacht auf den Pokal aufpassen. Als er am Morgen erwachte, blickte er auf die Trophäe. »Wahnsinn, dachte ich da. Ich kriege heute noch eine Gänsehaut«, sagte er kürzlich in der »Süddeutschen Zeitung«.

52-Quadratmeter-Wohnung in Norderstedt

Breitenreiter galt Anfang der Neunziger als eines der größten Fußballtalente seiner Generation. Er durchlief sämtliche Jugendnationalmannschaften und wechselte 1994, nach 72 Zweitligaspielen für Hannover, zum HSV. Noch vor Saisonstart jubelte die Hamburger »Bild«-Zeitung vom »neuen Blitz-Bomber«, denn Breitenreiter erzielte im Inter-Toto-Cup gegen den dänischen Vertreter Ikast FS innerhalb von 19 Minuten einen Hattrick. Grund genug für die Boulevardzeitung das Sturmtalent mal genauer zu erklären:
 
»Breitenreiter, 1,82 Meter, 70 Kilo, privat: Wochenend-Liebe mit Freundin Claudia, fährt Golf, bezieht eine 52-Quadratmeter-Wohnung in Norderstedt, die unter 1000 Mark kostet.«
 
Der bescheidene, schlaksige Junge aus Langenhagen – geändert hat sich daran bis heute nichts. Nur seinen Spitznamen war er irgendwann los, denn in der Bundesliga bombte er nicht mehr so oft. Dabei verlief sein offizielles Debüt am 17. September 1994 gegen den FC Bayern ähnlich spektakulär wie das Spiel im Intertoto-Cup. Zunächst tunnelte er Lothar Matthäus und lief dem Weltmeister davon, dann schoss er aus 16 Metern zum 1:0 ein. Breitenreiter, nun 19 Jahre alt, der früher bemalte Trikots von Borussia Mönchengladbach getragen und in Bettwäsche von Hannover 96 geschlafen hatte, japste nach dem Spiel: »Unbeschreiblich.« Er war plötzlich einer der angesagten Nachwuchsspieler der Liga.
 
Doch jene Woche im September 1994 steht zugleich exemplarisch für die aktive Profikarriere des André Breitenreiter, denn zwei Tage nach dem Triumph gegen den Rekordmeister zog er sich einen Trümmerbruch im Jochbein und einen Kieferbruch zu. Vielleicht merkte Breitenreiter dort zum ersten Mal, wie fragil die Bundesligabühne sein konnte. Plötzlich musste er sich wieder in der zweiten Reihe anstellen.

»Qualität kommt von Qual«

Es folgte ein ständiges Auf und Ab: 1995 Einwechselspieler, 1996 Stammspieler, 1997 zweitbester HSV-Torschütze, 1998 ausgemustert. Dabei hatte er kurzzeitig sogar den bulgarischen WM-Star Yordan Letchkov aus der Mannschaft verdrängt, und im Februar 1996 wieder gegen den FC Bayern getroffen. Manchmal konnte er in diesen Jahren der Presse lesen, dass Berti Vogts ihn auf einem Zettel notiert habe. Manchmal fand er sich nur wenige Wochen später auf der Bank wieder. Einmal sagte er: »Ich habe dem Trainer doch nichts getan.« Doch der Trainer, Felix Magath, konterte: »Nein, hat er nicht. Ich ihm aber auch nicht.« Doch Breitenreiter war keiner, der sich ins Jammertal zurückzog. Er war immer auch: selbstkritisch und realistisch. Kürzlich hat er sogar ein Wort von Magath übernommen. Er sagte: »Qualität kommt von Qual.« Und dann erklärte er, dass Magath immer strikt nach dem Leistungsprinzip aufgestellt habe. Er sei fair gewesen.
 
Bis 1998 machte Breitenreiter 71 Spiele und zwölf Tore für den HSV. Danach ging es nach Wolfsburg und Unterhaching. Und auf einmal stand er ohne Verein da. Ohne Job. Im Kinderzimmer. Aber da war ja die Sache mit der Perspektive.
 
Tatsächlich ruhte sich Breitenreiter nicht aus, sondern machte sich einen Plan, zunächst fern vom ganz großen Fußballgeschäft. Er kickte unterklassig, in Kassel, Kiel oder Cloppenburg, und er studierte an der Fernuniversität Sportmanagement. Er war kurzzeitig als Scout für den 1. FC Kaiserslautern und in einer Sportagentur tätig. Im September 2009 erwarb er seine A-Trainerlizenz – als Drittbester seines Jahrgangs. Und schließlich nahm er am 1. Juli 2013, beinahe unbemerkt, auf der Trainerbank des SC Paderborn Platz. Mit begeisterndem Offensivfußball führte er den Provinzklub in die Bundesliga. Was war nur passiert?