Der FSV Mainz 05 in der Zweiten Liga

Der lange Weg nach oben

Kein Verein hat so leiden müssen, bis er den Aufstieg aus der Zweiten Liga schaffte wie Mainz 05. Dreimal scheiterte die dramatisch am letzten Spieltag. Doch die Stadt und ihr Verein fanden darüber zusammen.

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»Jaaaa!«, brüllte ein gleichermaßen tränenüberströmter und mit Sekt übergossener Jürgen Klopp, als sich eine epochale Erleichterung Bahn brach. »Auf dem letzten Blatt in der Mannschaftssitzung standen nur zwei Buchstaben, die aber ganz oft«, erzählte der schluchzende Trainer später. Ja, ja, ja!

Und auch Christian Heidel hatte seine Geschichte zum ersten Aufstieg des 1. FSV Mainz 05 beizusteuern. Er war am Sonntagmorgen vor dem Spiel gegen Eintracht Trier zur Erstkommunion seiner Tochter in der Kirche gewesen, und als der Pfarrer den Namen des Mainzer Managers hörte, summte er einen Fußballsprechchor. Im Gotteshaus sprangen daraufhin alle auf, und die Gemeinde sang lauthals: »Steht auf, wenn ihr Mainzer seid.«

Am 23. Mai 2004 war der längste und emotional aufreibendste Weg, den je ein Klub in die Bundesliga genommen hatte, endlich zu Ende. Dreimal innerhalb von sieben Jahren waren die Mainzer am letzten Spieltag noch gescheitert, nun waren sie endlich oben. Das erste dieser Dramen hatte zudem noch eine skurrile Vorgeschichte. Denn Anfang 1997 hatte drei Spieltage und drei Niederlagen nach Rückrundenstart der damalige Trainer Wolfgang Frank überraschend gekündigt.

»Die innere Entwicklung hat mit der äußeren nicht Schritt gehalten«, hatte der eigenwillige Coach gesagt und einmal mehr seiner Dauerbeschwerde Ausdruck gegeben, dass der Klub noch nicht professionell genug arbeite. Harald Strutz, der Präsident des 1. FSV Mainz 05 war not amused: »Franks Verhalten ist verantwortungslos.« Als sich andeutete, dass Frank vielleicht doch noch umzustimmen wäre, rückten die Mannschaft, Betreuer und Vorstand an. Gleich 28 Mann redeten in einer Gaststätte auf ihn ein, am Ende blieb der Trainer bei seinem Rücktritt.

So kam 14 Spieltage vor Saisonende der aus Bochum, Hannover und Leverkusen bundesligaerfahrene Reinhard Saftig nach Mainz. Die Mannschaft hielt er bis zum letzten Spieltag im Rennen um einen Aufstiegsplatz. Der 1. FC Kaiserslautern, damals unter Trainer Otto Rehhagel, stand zu diesem Zeitpunkt als Aufsteiger genauso fest wie Hertha BSC. Um den dritten Platz, der damals die direkte Qualifikation für die Bundesliga bedeutete, gab es am 11. Juni 1997 in Wolfsburg ein Endspiel. Dem VfL reichte ein Unentschieden, Mainz musste gewinnen.

Das hysterische 4:5 gegen Wolfsburg

20.000 Zuschauer beim Public Viewing in Mainz schlugen aber bald die Hände über dem Kopf zusammen, denn die bis dato viertbeste Defensive der Liga fiel im Stadion am Alsenweg völlig auseinander. Zwar ging Mainz in der siebten Minute durch Sven Demandt in Führung, aber schon zur Halbzeit stand es 3:1 für den VfL Wolfsburg, am Ende nach einem hysterischen Spiel 5:4. »Das war definitiv nicht mein bestes Spiel«, sagt Jürgen Klopp noch heute über seine eigene Leistung an jenem Tag. Bei einem Gegentor sah der damalige Innenverteidiger der 05er ziemlich schlecht aus, bei einem weiteren ganz schlecht. Doch die seltsame Niederlage beim VfL war nur die Ouvertüre zu den wirklichen Dramen, die da noch kommen sollten.

In der Saison 2001/02 war Mainz 05 lange die Übermannschaft der Liga gewesen. Spektakuläre 39 Punkte hatte die Mannschaft in der Hinrunde geholt, erstmals konnte man das erbarmungslose Pressing sehen, das zum Markenzeichen von Jürgen Klopp wurde, der das Team in der Vorsaison vor dem Abstieg gerettet hatte, nachdem Manager Christian Heidel auf die verwegen erscheinende Idee gekommen war, ihn vom Spieler zum Trainer zu machen.

In der Rückrunde jedoch verlief sich der Schwung. Es gab viele unnötige Unentschieden, wofür beispielhaft ein 3:3 gegen Rot-Weiß Oberhausen nach 3:0-Führung stand. Am dritt- und vorletzten Spieltag vergaben die Mainzer zwei Matchbälle zum Aufstieg. Einen Sieg brauchten sie, um aufzusteigen, aber in Duisburg wie gegen Fürth gab es nur ein 1:1. Dennoch: Mainz 05 stand auch vor dem letzten Spieltag noch auf dem dritten Platz, der weiterhin zum direkten Aufstieg berechtigte, und bei Union Berlin hätte ein Unentschieden gereicht, um ihn zu verteidigen.

»Eine brutale Leere«

Doch schon vor dem Spiel lief einiges schief. Auf der letzten Pressekonferenz war fälschlicherweise nach Berlin übermittelt worden, dass Jürgen Klopp Union Berlin als Kloppertruppe bezeichnet hatte. Der freundliche Karnevalsklub vom Rhein wurde daraufhin im Stadion An der alten Försterei als Sinnbild überheblichen Wessitums empfangen. Entsprechend feindselig waren die Fans von Union und ihre Mannschaft nur zu bereit, Mainz 05 den Aufstieg zu verderben. Das gelang, Union siegte durch einen umstrittenen Elfmeter und zwei Tore in den letzten sieben Minuten mit 3:1. Von den Rängen gab es obendrauf Spott und Hohn, denn der VfL Bochum zog noch an Mainz vorbei und zum ersten Mal war eine Mannschaft nicht aufgestiegen, die in der Zweiten Liga 64 Punkte geholt hatte. »Ich fühle nur eine brutale Leere«, sagte Jürgen Klopp, der sich da kaum vorstellen konnte, dass es ein Jahr später noch schlimmer kommen sollte.