Der Stadionnichtbau zu Zwickau

Lockere Schrauben

Der FSV Zwickau hat sich nach Jahren in der Versenkung wieder aufgerappelt, führt zurzeit die Regionalliga Nordost an und ist finanziell gesundet. Alles bestens in Westsachsen? Bei weitem nicht. Der Verein wartet seit der Wende auf ein neues Stadion und gerät zunehmend zwischen die politischen Fronten der Stadt.

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Es gibt ein Video, schon ein paar Jahre alt, über die Stadionsituation des FSV Zwickau. Rainer Radke vom Sportamt Zwickau steht im altehrwürdigen aber baufälligen Westsachsenstadion, der altersschwache Eingangsturm im Hintergrund von Metallgerüsten gestützt. Wie lange es dauern werde, bis die kompletten Tribünen saniert sind? »Die Zahl wage ich eigentlich nicht zu sagen. Ich schätze mal, drei bis vier oder fünf Jahre vielleicht«, antwortet Radke peinlich berührt. Zwickau spielt zu der Zeit in der 2. Bundesliga, steht sogar kurz darauf vor dem Aufstieg.

Doch dann geht es bergab. Zuerst finanziell. Insolvenz. Dann sportlich. Landesliga. Wieder finanziell. Wieder Insolvenz. All die Jahre spielt der FSV Zwickau weiter im Provisorium Westsachsenstadion. Der alte Glanz ist da längst verfallen. Dabei konnte man hier mal richtig großen Fußball sehen: Der Vorgänger-Verein ZSG Horch Zwickau wurde erster Meister der DDR-Oberliga, als das Stadion noch nach Bulgariens erstem Ministerpräsidenten Georgi Dimitroff benannt war. Zu Ostzeiten wachte der Eingangsturm des Stadions über Europapokalspiele, 1976 erreichte die BSG Sachsenring Zwickau das Halbfinale im Pokalsieger-Wettbewerb. Doch nach der Wende ersetzten die Metalltribünen die lose gewordenen Steintraversen, Stück für Stück schrumpfte das absackende Westsachsenstadion auf den vom Steinkohlebergbau hinterlassenen Halden.

Neue Heimat: ein ehemaliger Schulsportplatz

Im Sommer 2011 zieht der FSV Zwickau schließlich aus dem Westsachsenstadion aus und findet seine vorläufige Heimat auf einem ehemaligen Schulsportplatz im Stadtteil Eckersbach. Sojus 31. Mit dem gleichnamigen Raumschiff flog Sigmund Jähn 1978 als erster Deutscher ins All. Auch für Zwickau geht es nun wieder höher hinaus: Der Klub steigt 2012 in die Regionalliga auf. Doch schon das erste Saisonspiel gegen Carl Zeiss Jena muss abgesagt werden, weil einige Schrauben des Gästeblocks lose sind. Zudem explodieren die Kosten für den Umbau des Westsachsenstadions schon während der Planung. Die Stadt bläst das Projekt ab. Dem FSV Zwickau wird nun doch ein neues Stadion versprochen.

Es gibt einen Grundsatzbeschluss, und der Bebauungsplan für einen etwa 18 Millionen Euro teuren Neubau in einen Hang in Eckersbach hinein wird zwei Mal vom Stadtrat verabschiedet. Die klamme Kommune investiert fast eine Million an Planungskosten. Trotzdem ist der Stadionneubau seit Anfang September 2104 mal wieder so fraglich wie eh und je.

Zurück ins Westsachsenstadion?

Vor wenigen Tagen sitzt Thomas Beierlein in einem viel zu kleinen Büro. Seine CDU-Fraktion hatte wohl nur mit einer Hand voll Lokaljournalisten gerechnet. Doch in allen Ecken drängeln sich Interessierte. Sie löchern Beierlein so lange mit Fragen, bis die extra einberufene Pressekonferenz freundlich, aber bestimmt beendet wird. Die CDU ist die größte von drei Fraktionen, die beantragt, den Stadionneubau ein weiteres Mal aufzuschieben. Es gebe Zweifel an den kalkulierten Kosten und ob der FSV Zwickau überhaupt die Miete von jährlich 250.000 Euro bezahlen könne, argumentiert Beierlein.

Aus einer Ecke, auf einem kleinen Stuhl, meldet sich ab und an Sven Itzek zu Wort, Vorsitzender der AfD. Auch er trägt den Antrag mit. Die Ausnahmegenehmigung für das Sportforum »Sojus« könne doch sicherlich verlängert werden. Außerdem wolle er noch mal mit neuen Architekten und Planern prüfen, ob man das Westsachsenstadion nicht doch wieder nutzen könne. Mit der heutigen Technik sollte ein Umbau doch möglich sein. Eine Aussage, an der man ablesen kann, wie lange die Planung schon dauert.

Beim FSV Zwickau vermuten sie, dass die neuen Mehrheitsverhältnisse im Stadtrat nach den Kommunalwahlen im Mai den Ausschlag für die plötzlichen Bedenken gegeben haben. »Gerade, weil der Antrag gleich für die erste konstituierende Sitzung eingereicht wurde«, sagt Jörg Schade, der die Entwicklung beim Traditionsverein seit seiner Kindheit als Fan verfolgt und bei der letzten Insolvenz zum Notvorstand aufstieg. Seitdem leitet er die Geschicke als kaufmännischer Geschäftsführer.

Der Verein sieht sich als Opfer, verfasst eine ausführliche Erwiderung aller plötzlich aufgekommenen Vorwürfe. In einem offenen Brief hatte sich der FSV sogar genötigt gesehen, die Lizenz-Auflagen des Nordostdeutschen Fußball-Verbandes zu veröffentlichen, damit jeder sehen kann, dass die Ausnahmegenehmigung an einen Stadionneubau gekoppelt ist. »Die denken, wir sollten erst mal aufsteigen. Aber in Wirklichkeit läuft das genau andersherum«, so Schade.