Jürgen Klopp und die Medien

Keine wunderbare Geschichte

Jürgen Klopp hätte wissen müssen, worauf er sich einlässt. Jetzt da sein TV-Engagement Schlagzeilen macht, ist es an der Zeit, eine Entscheidung zu treffen. Wichtiger nur: Der sportliche Aufschwung der Mainzer. Imago Der Gedanke, Fußball und Unterhaltung mit sprachlichem Niveau in Einklang zu bringen, ist wahrlich kein schlechter und verdient Unterstützung. Vornehmlich Beifall gab es daher, als Jürgen Klopp 2005 seinen TV- Einstand, von einem Praktikum während seiner Studienzeit mal abgesehen, beim Confederations Cup gab. Die Fußballgemeinde war gleichermaßen gespannt wie zuversichtlich. Denn dem Kloppo traute man damals noch alles zu. Was der anfasst, so die mehrheitliche Meinung, sollte ab jetzt zu Gold werden. Man musste nur die Zeichen der Zeit erkennen: Mit Mainz 05 hat Klopp nicht nur ein hartnäckiges Aufstiegstrauma überstanden, sondern gleich im ersten Bundesligajahr die düstere Prognose eines zukünftigen Fahrstuhldaseins verbannte. Am Ende stand der elfte Platz zu Buche – nur nach dem ersten Spieltag verweilten die Mainzer da, wo sie viele Experten vorsorglich verortet hatten: auf einen Abstiegsplatz.

„Ich will das nicht mehr hören“

Irgendwie also konsequent, dass einer, der seine Kritiker eines Besseren belehrt hat, sich selbst in deren Stand aufschwingt. Und so wurde Jürgen Klopp TV-Kommentator und ZDF-Experte. Die Überlegung die dahinter steckt, ist beileibe einleuchtend. „Meine Motivation, liegt vor allem darin, dass ich solche blöden Kommentare der Marke ‚Die müssen einfach mehr rennen und kämpfen’ nicht mehr hören will“, sagte Klopp. In einer Branche, in der überwiegend Name und Bekanntheitsgrad über TV-Verträge entscheiden, bildet Klopps Engagement eine spannende Symbiose. Sein Name steht für Erfolg, seine Worte für Sprachwitz, und fast noch wichtiger, für das oft vermisste Spielverständnis. Am Taktiktisch, zeigte Klopp während der Weltmeisterschaft in Deutschland, wie Stellungsfehler schon im Ansatz zu erkennen, oder wie wichtig eingespielte Laufwege tatsächlich sind. Einen WM-Monat lang bereicherte der eloquente Trainer die von Tag zu Tag zunehmend nervende Dauerberichterstattung und ließ selbst die stupide Jubelmasse im ZDF-Studio vergessen. Zu Recht wurde Klopp bis über die EM 2008 hinaus als Kommentator verpflichtet. Und zu Recht wurde ihm der Deutsche Fernsehpreis verliehen. Wer glaubt schon im Ernst daran, dass Johannes B. Kerner und ein ehemaliger FIFA-Schiedsrichter aus der Schweiz den Löwenanteil zur Ehrung beigetragen haben.

„Ich kann das nicht mehr hören“

Eigentlich wäre hiermit das Ende einer wunderbaren Geschichte erreicht – wie gesagt: eigentlich. Wäre da nur nicht die jüngste Blamage der Mainzer gegen Bremen gewesen, und hätte die Presse das 1:6 nicht in Verbindung mit Klopps Nebenjob beim Fernsehen gebracht. Statt Friede, Freude, Eierkuchen und ewiger Karneval herrscht nun dicke Luft in Mainz. Der Vorwurf auf den Punkt gebracht: Die mediale Präsenz des Trainers wirkt sich kontraproduktiv auf die Leistung der Mannschaft aus. Darüber hinaus kommt eine Debatte ins Rollen, ob der als Motivationskünstler verschrieene Klopp seine Mannschaft nicht mehr zu inspirieren weiß. „Vieles von dem, was er sagt, kann ich einfach nicht mehr hören“, sagte der in Ungnade gefallene Ex-Mainzer Michael Thurk wenige Tage nach seinem Wechsel zum Rivalen Eintracht Frankfurt. Zum ersten Mal sickerten Interna durch, die am makellosen Bild des Trainers kratzten. Zwar schwört Manager Christian Heidel Klopp die Treue und will von den Vorwürfen nichts wissen. Doch zeigt gerade das plötzliche Medienecho, dass die sportliche Talfahrt nicht allein an der Krise Verantwortung trägt. „Die Mannschaft muss raus aus dem Trubel, insbesondere aus dem Presserummel“, sagte Heider. Sollte sich der Ärger nicht legen, dann muss womöglich auch Jürgen Klopp darüber nachdenken, einen Schritt aus dem Rampenlicht zu treten. Schade allemal, aber: Vielleicht muss er sich doch an das Dogma von der klassischen Karriereleiter halten. Zunächst Spieler, dann Trainer und dann erst Medienstar.
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