Del Pieros elfter Frühling

He will survive

Kaum ein Stürmer gehört so lange zur Weltklasse wie Alessandro del Piero – obwohl er immer wieder abgeschrieben und ausgebootet wurde. Gerade kehrt er mal wieder wieder zurück. Wir lobpreisen den Unkaputtbaren. Del Pieros elfter FrühlingImago Wenn Roma-Keeper Doni bei einem Freistoß aus 30 Metern über eine halbe Minute seine Mauer dirigiert, sich vorsichtshalber in der Tormitte postiert und dabei nervös auf der Unterlippe herumkaut, dann kann der Ball eigentlich nur in der »Zona del Piero« liegen und der Gegner Juventus Turin heißen. Alessandro del Piero ist wohl der erste Kicker in der Serie A, nach dem ein Areal auf dem Spielfeld benannt wurde – die linke Seite vom Strafraum bis zur fiktiven 30-Meter-Marke.

[ad]

Warum das so ist, hat Juves Superstar schon unzählige Male bewiesen. So auch am Abend des 1. November gegen den AS Rom, als der kleine Mann mit der Zehn auf dem Rücken den Freistoß direkt in den Winkel bugsierte und einen ratlosen Torwart Doni zurückließ. Ein schwacher Trost für den geschlagenen Schlussmann, dass Weltklasse-Keeper Iker Casillas von Real Madrid vier Tage später genauso hilflos aussah wie er und Serie-A-Kollege Stefano Sorrentino, der dem Ball wiederum vier Tage später ebenfalls vergeblich hinterher hechtete. Drei geniale Freistoßstore in neun Tagen, fünf 1:0-Führungstore bei 14 Einsätzen: Mit Fug und Recht lässt sich behaupten: Alessandro del Piero ist wieder da, schon wieder.





Er fiel – und stand immer wieder auf


Nachdem del Pieros Stern nach seiner schweren Verletzung 1998 das erste Mal zu sinken drohte und die italienische Presse ihn 2000 als Alleinverantwortlichen für den verpassten EM-Titel abstempelte, rappelte sich der Stürmer mit der einmaligen Schusstechnik bereits wieder auf. So auch nachdem Neu-Coach Fabio Capello Juves Rekordtorschützen 2004 zum Ersatzmann degradierte und del Piero trotzdem zweiterfolgreichster Angreifer seiner »Alten Dame« blieb. Und obwohl Juves Rekordspieler bei der WM 2006 dank Francesco Totti nicht mehr zur Startelf gehörte, traf der Stürmer im Halbfinale und Finale, um im direkten Anschluss – in den Folgejahren 2007 und 2008 – zwei der erfolgreichsten Jahre (41 Ligatore) seiner Karriere und damit seinen dritten Frühling zu erleben.

Als die laufende Saison nicht nach dem Geschmack des Ballkünstlers angelaufen war, diktierten die ersten Kritiker ein weiteres Mal vorsichtig das nahende Karriereende des heute 34-Jährigen herbei. In den ersten zwei Monaten der Spielzeit gelang dem Mann aus der nordöstlichen Provinz Treviso wenig Zählbares und seinen Stammplatz drohte del Piero an Neuzugang Amauri und seinen Nationalmannschaftskollegen Vicenzo Iaquinta zu verlieren. Doch dann schoss del Piero zurück, auf dem Platz, bescheiden wie immer.

Acht Treffer hat Juves Rekordtorjäger in der laufenden Saison trotz des persönlichen Fehlstarts bereits erzielt, davon fünf auf internationaler Bühne. Und er kommt dabei ohne die spätpubertären Mätzchen eines Cristiano Ronaldo vor dem Anlauf zum Freistoß oder beim Anlauf zum Elfmeter aus. Sofern er überhaupt antritt: Den letzten Strafstoß, der das 250. Karrieretor del Pieros hätte sein können und ihn zum zweiten Mal nacheinander zum Alleinunterhalter des Spiels gemacht hätte, überließ der etatmäßige Schütze seinem bis dato glück- und torlosen Kollegen Iaquinta, der den 2:0-Endstand in Verona erzielte. Der geschenkte Treffer ist bezeichnend für den Charakter des feinsinnigen Kapitäns del Piero, dem das Rampenlicht weit weniger bedeutet als das Selbstvertrauen eines Teamkollegen – auch wenn es sich dabei um einen direkten Startelf-Konkurrenten handelt.

Alessandro del Piero hat Roberto Baggio, Thierry Henry, Zlatan Ibrahimović und die Serie B überlebt. Er hat diverse persönliche Krisen im Verein und Animositäten zwischen sich und Nationalmannschaftstrainern überstanden: Hoffen wir, dass die stehenden Ovationen der Real-Fans im Estadio Santiago Bernabéu nicht der Höhepunkt von del Pieros letztem Frühling waren.