Pal Dardai im Interview

»Berlin ist eine geile Stadt«

Pal Dardai ist seit einem Jahrzehnt bei der Hertha und ein Kenner des Vereins. Wir sprachen mit ihm über große Europapokalzeiten, das Spiel gegen Benfica Lissabon – und die Kraft des ungarischen Rotweins. Pal Dardai im InterviewImago Herr Dardai, mit Benfica Lissabon kommt heute Prominenz ins Olympiastadion. Fühlt sich das an wie Champions League?

Vom Namen her ist das schön. Aber ich kann erst nach dem Spiel sagen, ob es wie Champions League war. Wenn ich zum Warmmachen ins Stadion komme und es sind keine fünfzigtausend Leute da, ist das auch nicht anders als ein Bundesligaspiel. Einen Fußballer kannst du mit Geld nicht motivieren, das Beste ist: Du spielst vor einem vollen Stadion gegen einen großen Gegner – das gibt dir einen Schub.

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Wie viele Zuschauer erwarten Sie?

Ich weiß es nicht. Es wird immer weniger, aber das liegt nicht nur an unseren Fans. Die Leute haben weniger Geld. Berlin ist nicht gerade die reichste Gegend. Wenn du mit zwei Kindern ins Stadion gehst, bist du auf guten Plätzen schnell 60 Euro los. Dreimal im Monat macht 180. Und dann hast du noch keine Wurst gegessen.

Dortmund und Schalke haben auch nicht die reichste Anhängerschaft.


Aber dort haben viele Menschen Arbeit. In Berlin kommt es mir manchmal so vor: Einer arbeitet, einer ist arbeitslos.

Woher wissen Sie als Fußball-Millionär, wie normale Menschen leben?


Meine Nachbarn sind doch normale Leute. Letztens habe ich im Fanshop Karten für Freunde gekauft. Vor mir standen eine Oma und ein Opa. Er wollte Karten für die Haupttribüne haben. Als die Verkäuferin den Preis genannt hat, hat seine Frau mit dem Kopf geschüttelt. Dann wollte er etwas schlechtere Plätze, die Verkäuferin nannte den Preis, seine Frau schüttelte wieder mit dem Kopf. Am Ende hatte er Plätze hinter dem Tor. Man hat richtig gesehen, wie enttäuscht er war. Zu uns kommen normale Leute, Arbeiter, die ein wenig schimpfen und singen wollen. Wenn wir aber in der Champions League gegen den AC Mailand spielen, geben sie dafür auch Geld aus. Dann können sie in ihrer Kneipe oder beim Friseur erzählen: Ich war dabei.

Warum hat es Hertha, abgesehen von der Saison 1999/2000, nie wieder in die Champions League geschafft?


Zweimal sind wir knapp gescheitert. Gegen Hannover hat uns mal im letzten Heimspiel nur ein Tor gefehlt. Ich will niemanden kritisieren, aber ich hatte immer das Gefühl, dass wir zum Ende einer Saison eine gute Mannschaft hatten, die richtig zusammengewachsen ist. Dann beginnt die neue Saison, es kommen neue Spieler – und die müssen sofort spielen. Das verstehe ich nicht. Egal, wieviel Geld sie gekostet haben, warum gibt man ihnen nicht die Zeit, sich besser einzufinden?

Anders gefragt: Was hatte Hertha damals, was Hertha heute nicht hat?

Wir hatten eine andere Mannschaft, mit anderen Typen. Es gab zwar zwei, drei große Cliquen, trotzdem hatte die Mannschaft einen großen Teamgeist.

Fehlen Hertha diese Typen noch?

Das will ich so nicht sagen. Ich hoffe, dass sich einige unserer jungen Spieler dazu entwickeln. Sie müssen es wollen. Damals war ein anderer Zug in der Mannschaft, schon im Training. Das war sehr aggressiv, ohne dass es rüde zuging. Nach dem Training war alles wieder gut.

Wie fühlen Sie sich als Überbleibsel einer großen Vergangenheit?

Manchmal ist es komisch. Aber so lange ich noch dabei bin, bleibe ich auch jung. Das merke ich auch bei der Nationalmannschaft. Da nennen sie mich Vater, aber nach ein paar Tagen lachst du mit ihnen – dann bist du selbst wieder jung.

An welche Anekdoten aus der Champions League erinnern Sie sich noch?


An Istanbul. Wir waren gerade im Hotel angekommen, da fing die Erde an zu beben. Andy Thom ist in der Unterhose aus seinem Zimmer zur Rezeption gestürzt. Sportlich natürlich an den Sieg gegen den AC Mailand – wunderschön. Leider ist mir in diesem Spiel das Syndesmoseband gerissen – das war nicht so schön.

Der Plan des Managers sieht vor, dass Hertha 2010 wieder Champions League spielt.

Wenn die Mannschaft noch um zwei richtig gute Spieler ergänzt wird, kann sich was bewegen. Am Samstag, in der zweiten Hälfte gegen Stuttgart, hatte ich dieses Gefühl: Wenn wir so arbeiten, kann sich der Teamgeist wieder entwickeln und etwas in Fluss kommen. Dann werden Weihnachten alle ganz überrascht gucken: Ach, Hertha ist ja ganz oben dabei.

Fehlt es den jungen Spielern heute an Biss?


Das denke ich nicht, aber ich lese immer in der Zeitung, wenn jemand neu zu Hertha kommt: Berlin ist eine geile Stadt. Ich habe noch nie von einem Spieler gelesen: Was für ein geiles Trainingsgelände. Bei mir war das anders. Ich kam aus Ungarn. Allein das große Stadion: Wow!

Haben Sie es je bereut, bei Hertha geblieben zu sein – trotz verlockender Angebote?


Sie meinen Bayern München. Ich hätte fast ja gesagt. Aber wir haben damals alle gedacht, dass wir mit dieser Mannschaft und diesem Potenzial in die Richtung von Bayern München gehen könnten. Wir haben uns rasant entwickelt, wir waren die Hauptstadt, da passte alles. Ich habe damals die Spiele genossen, die Stadt, für mich gab es nichts Besseres. Nicht mal Milan. Die haben auch angefragt. Meine Entscheidung war gut. Aber wenn einer meiner Söhne eines Tages mal vor einer solchen Entscheidung stehen sollte, wüsste ich, was ich ihm rate.

Was raten Sie Ihren jungen Mitspielern?

Rotwein trinken.

Rotwein trinken?

Ja. Ich bin in Ungarn Weinritter, ein Botschafter des ungarischen Weins. Wissen Sie, bei Blutuntersuchungen sind bei mir noch nie schlechte Werte festgestellt worden. Das kann nur am ungarischen Rotwein liegen. Darin liegt die Kraft.

Aber nicht direkt vor dem Spiel?

Heute nicht mehr, aber das ist auch schon passiert. Einmal hat mein Vater Rotwein aus Ungarn mitgebracht. Ein paar Spieler, Dick van Burik, Bart Goor und Christian Fiedler, waren zu Besuch, es gab Fischsuppe und Rotwein. Zwei Tage später haben wir Kaiserslautern 4:1 weggehauen. Da haben alle richtig gefightet. Ich sag’s euch: ungarischer Rotwein!