Milan will Beckham ausleihen

Fear and Loathing in San Siro

Der AC Mailand will David Beckham ausleihen. Kein Witz: David Beckham, den Kumpel von Tom Cruise. Damit erreicht Silvio Berlusconis Publicity-Sucht einen neuen Höhepunkt – und dem Verein droht die Talfahrt. Milan will Beckham ausleihenImago Silvio Berlusconi glaubt nicht von ungefähr an die Macht der Bilder. Seinen wirtschaftlichen und politischen Einfluss hat er vermittels seiner Fernsehsender-Gruppe »Mediaset« potenziert. Kaum unterscheidbar sind die angeblich journalistischen Formate dieser Anstalten vom Rest ihres Portfolios: Seifenopern, Zeichentrickserien, Schmonzetten aller Art. Es geht hier wie da um das Inszenatorische, Inhalte sind Nebensache.

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Den einen gefällt’s, den anderen nicht. Egal ist es niemandem, weder das ausgestrahlte Programm noch das, was Berlusconi sonst so treibt. Seine halb- und illegalen Machenschaften mal beiseite: Dass überhaupt irgendjemand dem geckenhaften Mann folgt, der sich als amtierender Ministerpräsident Italiens nicht nur liften und neue Haare in die Kopfhaut nähen ließ, sondern auch als Sänger beim fragwürdigen Schlagerfestival von San Remo durch die Kulissen tänzelte, können wir Angehörige eines zur Skepsis neigenden Kulturkreises wohl auch mit äußerster Anstrengung nicht nachvollziehen.

Erstaunlich genug, dass der AC Milan, dessen Besitzer er ist, sich der seit den späten 90er Jahren grassierenden Philosophie entziehen konnte, Fußballprofis nur aufgrund ihres Marketingpotenzials und nicht aufgrund ihres tatsächlichen Könnens zu verpflichten. Geschäftsführer Eduardo Galliani, Sportdirektor Leonardo und Coach Carlo Ancelotti setzten lange auf dasselbe Mannschaftsgerüst aus Recken wie Maldini, Inzaghi und Seedorf, ewig jung gehalten vom »MilanLab« und nur punktuell ergänzt durch frische Akteure.  

Doch nun scheint Silvio Berlusconis Publicity-Sucht auch die »Rossoneri« erfasst zu haben. Nachdem im Sommer der Schatten Ronaldinhos vom FC Barcelona geholt wurde, will man nun allen Ernstes einen Mann verpflichten, der wie kein anderer zum Klischee des Fußballer-Darstellers geronnen ist: David Beckham. Kein Witz, lesen Sie ruhig noch einmal: David Beckham.

Auf der Flucht vor Tom Cruise


Na gut. Dass Beckham jede Chance nutzt, seinem Verein LA Galaxy, Tom Cruise und dem ganzen Hollywood-Moloch zu entfliehen, um sich als Fußballer neu zu erfinden, ist durchaus verständlich. Und da Milan ihn zunächst für ein halbes Jahr kostenlos ausleihen möchte, haftet dem Deal offenbar auch kein finanzielles Risiko an.

Doch schon die frostige Äußerung Carlo Ancelottis spricht Bände: »Wenn Beckham bei uns trainieren will, ist das kein Problem für mich«, sagte er – und ignorierte die Vorstellung, der Fußballer-Darsteller könnte tatsächlich bei einem Punktspiel auflaufen wollen, geflissentlich.

Zu Recht: Denn Beckham ist nicht nur seit Jahren über seinen Zenit hinaus, sein Können wurde seit je her von windigen Werbe-Strategen und den durch sie hypnotisierten Teenie-Fans ins Unangemessenste hinaufmultipliziert. Flanken und Freistöße: Zwei plus. Doch alles andere – taktisches Verständnis, Laufbereitschaft, Kampfgeist, Nervenstärke, Spielgestaltung – lässt arg zu wünschen übrig. Schon die großen Spiele von Manchester United gewannen andere, Scholes, Giggs, vor allem Keane. Später, bei Real Madrid, fiel Beckhams Halbkönnen nicht weiter auf, war er doch in einer Zirkustruppe nur ein Gaukler von vielen. Und bei Galaxy? Geschenkt.

Beckham würde die Milan-Mannschaft, die im Mittelfeld mit Kaka, Flamini, Zambrotta, Pirlo, Ambrosini, Gattuso und eben Seedorf bestens besetzt ist, keinen Deut weiter bringen. Im Gegenteil: Das familiäre und recht skandalarme Umfeld würde durch ihn und seine Entourage unruhiger, die Konzentration aufs Wesentliche so gut wie unmöglich. 

Coach Ancelotti täte also gut daran, sich dieser wahnwitzigen Personalie noch entschlossener entgegen zu stemmen. Und auch Berlusconi, so verliebt er auch in die Vorstellung sein mag, sich neben Beckham fotografieren zu lassen und sein Lotteriegrinsen zu grinsen, müsste bald einsehen, dass er nicht mal besonders viele Trikots mit dem Namenszug dieses abgehalfterten He-Mans unter die Leute brächte. Sein Versuch, die »Galaktischen«, wie sich Real Madrid während eines der albernsten Kapitel seiner Vereinsgeschichte nannte, in Mailand nachzubauen, ist zum Scheitern verurteilt. 

Aber das war schon das Original – und wurde dennoch blindwütig in die Tat umgesetzt. Und dieser Berlusconi hat ja auch in San Remo gesungen. Und was gilt der gesunde Menschenverstand überhaupt? Richtig: Nichts.

Also: Herzlich willkommen in Mailand, Becks!