Eine irische Nacht mit St. Patrick's Dublin

Der Marsch der Heiligen

Es sollte die Nacht der Nächte werden, die größte Nacht seit Celtic, seit zehn Jahren. Doch am Ende verlor St. Patrick's Dublin mit 0:2 gegen Hertha BSC. 11Freunde-Mann Lucas Vogelsang begleitete die Fans vom Pub ins Olympiastadion und zurück. Eine irische Nacht mit St. Patrick's DublinLucas Vogelsang Es ist Irland. Mitten in Berlin. In dieser Nacht ist der »Kilkenny Irish Pub« am Hackeschen Markt so irisch wie vielleicht noch nie.  Über der Theke hängt eine überdimensionale Flagge. Grün, weiß und orange. Die Luft ist erfüllt mit dem Geruch von Alkoholfahnen und Schweiß. Und alles singt. Das Uefa-Pokal Spiel zwischen St. Patrick’s Dublin und Hertha BSC ist seit etwa zwei Stunden beendet. Die Iren haben verloren. Doch davon ist hier nichts zu spüren. Die Pats haben ihre vorübergehende Traurigkeit längst in Berliner Weiße, Bullmers und Guinness ertränkt. Die wenigen Tränen sind getrocknet.

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Nur die Erschöpfung hat einige bereits zusammen sacken lassen. Die meisten sind seit mehr als 40 Stunden auf den Beinen. Ein Pubcrawl der härteren Art. Doch jetzt zurück ins Hotel bringt auch nichts mehr. Um halb sechs geht der Flug zurück nach Dublin.

Montag früh waren die ersten der etwa sechshundert Iren in Berlin gelandet. Mit großen Erwartungen. Nicht nur an das Spiel. Berlin, das klang nach Weltstadt und großem Theater.
»Als wir Hertha zugelost bekommen haben, sind bei uns alle ausgerastet«, erzählt Desmond.
Desmond, den hier alle nur Des nennen, trägt seine Heimat Dublin in der Stimme. Seit über zwanzig Jahren reist und steht er mit seinen Pats. Er gehört zu den Altvorderen der kleinen Fangemeinde. Sein Haar ist schlohweiß und fängt etwas weiter hinten an, als noch vor ein paar Jahren, seinen Schnauzer hat Benson&Hedges-Nikotin gelblich gefärbt.

Das wichtigste Spiel seit Celtic – seit zehn Jahren

Auch für Desmond ist das Aufeinandertreffen mit Berlin das wichtigste Spiel seit Jahren. Aber eigentlich rechnet er anders: Das Spiel gegen Berlin ist das Wichtigste seit Celtic. Das ist seine Zeitrechnung. Und sie zeigt, wie selten die großen Momente in der Geschichte des Vereins sind. Vor zehn Jahren, am 22. Juni 1998 trafen die Saints als irischer Meister in der Qualifikation zur Champions League auf Celtic Glasgow, den schottischen Spitzenklub mit dem irischen Herzen. Der Celtic-Park war nahezu ausverkauft und der kleine Verein aus Dublin spielte plötzlich vor fast 60.000 Zuschauern. »Bei uns in Dublin sind wir manchmal vielleicht 3.000 und plötzlich standen wir in diesem Stadion. Das war so ergreifend«, erzählt Desmond und die Erinnerung spiegelt sich in seinen Augen. Damals wie auch diesmal in Berlin galt St. Patrick’s als hoffnungslos unterlegener Außenseiter. Doch am Ende hatten die Pats den Schotten ein 0:0 abgetrotzt. »Celtic war respektlos. Die dachten, wir wären ein Freilos«, erinnert sich Des und haut mit der Faust auf dem Tisch. Wieder hat ihn der Fußball gepackt.  Er stürzt sein Bier hinunter und sagt dann noch: »Wenn Berlin so respektlos auftritt wie Celtic damals, dann haben wir eine Chance.«

Im »Irish Harp Pub«, der Schwesterkneipe des »Kilkenny«, in dem sich die Anhänger der Pats vor dem Spiel getroffen haben, herrscht eine Stimmung wie auf einem Familientreffen. Desmond streicht einem blonden Jungen durch das Haar. Er kennt dessen Vater, und sein Vater kannte dessen Vater. Des schüttelt sich plötzlich. Der Puls geht hoch, sagt er. Endlich geht es los.

Wie von einer unvermittelt eingelegten Schallplatte schallt es aus Dutzenden Kehlen: »Red Army. Red Army!« Die rote Armee. So werden die St. Patrick’s Athletics aufgrund ihrer Trikots in Irland genannt. Der irische Tross setzt sich in Bewegung. Nächster Halt: Olympiastadion. »Red Army.«

In der S-Bahn stimmt Desmonds Freund Dennis, ein kleiner Mann mit der Statur von Dirk Bach, einen Shanty an. Es ist ein trauriges Lied. Die ganze S-Bahn ist stumm.  Nur die Stimme des kleinen Iren ist zu hören. Sie klingt nach rauer Küste und harter Arbeit. Die anderen übernehmen den Refrain. Und während aus den Kehlen der etwa fünfzig Hertha-Fans im Abteil kein Laut dringt, steigert sich der irische Chorus zu einem flirrenden Kanon, der schließlich in die Hymne der St. Patrick’s Athletic übergeht: »Oh when the saints.« Die nächsten 90 Minuten wird es durch das Olympiastadion hallen. So wie es zuvor durch die Straßen gehallt ist. Die Heiligen marschieren ein.

Vom Stadion verhöhnt

Im Stadion wirken Desmond und all die anderen jedoch erst einmal verloren. Staunende Gesichter und Blitzlicht bestimmen das Bild im Block G. Das Stadion erscheint zu groß für sie. Zu groß für dieses Spiel. Sie sind, für ihre Verhältnisse, nicht wenige. Vielleicht auswärts so viele wie seit Celtic nicht mehr. Aber dieses Stadion mit seiner schieren, unverständlichen Größe scheint sie zu verhöhnen.
 
Erst als die Spieler in den rot-weißen Trikots im Olympiastadion einlaufen, löst sich die Anspannung. Die Heimat trägt schwarze. Stollenschuhe. Die Spieler winken in die Kurve. In Desmonds Gesicht spiegelt sich eine erwachsene Anspannung vermischt mit kindlicher Vorfreude. Er deutet mit dem Finger auf das Vereinemblem auf seinem Trikot: Dort sind in Gold gälische Wörter eingestickt. Des liest es vor und übersetzt dann: »Es gibt keine Kraft ohne Zusammenhalt.« Dann zieht er das Trikot zurecht und lauscht seinen Worten nach.

Zusammenhalt. Sofort nach dem Anpfiff wird sichtbar, was Des gemeint hat: Von der ersten Minute an feiern sechshundert Iren jede Balleroberung, jeden gewonnen Zweikampf und jeden erkämpften Einwurf wie eine Meisterschaft, als würden sie ihre die Erschöpfung einfach übertönen wollen und feuern ihre Spieler an, wie man sonst nur seine Kumpels auf dem Bolzplatz unterstützt. Kosenamen fliegen durch die Luft. Mike, Bobby, Keith. Die Familie zittert.

Erst um sieben Minuten nach Sieben verstummt die kleine irische Kurve das erste Mal. Die Anzeigetafel digitalt einen stillen Torjubel und die Akustik explodiert. Hertha hat mit einem Sonntagsschuss das 1:0 erzielt. Die Gesichter der rot-weißen Soldaten sind leer. Doch der Schock umklammert sie nur ein paar Sekunden. Dann erheben sich wieder ihre Stimmen. Ein trotziges, mehrstimmiges Echo, das immer lauter wird: »Red Army, Red Army.«
Doch nach dem 2:0 werden sie endgültig von der Erschöpfung übermannt. Des schüttelt nur noch den Kopf und sein Freund Dennis kämpft mit den Tränen. Zum ersten Mal hört man die Hertha-Fans gegenüber. »Hier regiert der BSC!« Die rote Armee ist geschlagen. In der Reihe hinter Desmond ist der erste Ire schon im Stehen eingeschlafen. Erst Minuten später, als mit der Nacht auch die Kälte in den Kessel des Olympiastadions kriecht, wachen die Pats wieder auf. Zumindest singen wollen sie dann doch noch bis zum Schluss.

Nach dem Abpfiff verharrt Desmond regungslos. Seine Hände stecken in seinen Hosentaschen. Er zieht eine Zigarette aus der Schachtel. Es dauert ein paar Minuten, dann hat er sich wieder gefangen. Wie um sich selbst aufzumuntern klatscht er in die Hände. »2:0 – das ist ganz bitter.« Er klatscht. »Aber scheiß drauf. Wir können stolz sein. Wann hat schon mal ein irischer Verein im Olympiastadion gespielt. Das war ein Ehre«, sagt er, um dann noch folkloristisch hinterher zuschieben: »Wir werden uns jetzt einfach besaufen«. Ein schöner irischer Abgang. Und wieder marschieren die Saints. In Richtung Pub. In eine irische Nacht.