Explodierende Gehaltsvorstellungen

Glühende Insel

Peter Crouch, Robbie Keane, David Bentley, viele andere: Vor der neuen Saison bezahlen die Vereine der Premier League für Durchschnittsspieler absurde Summen. Das meiste Geld gibt Meister ManU aus. Explodierende GehaltsvorstellungenImago London - Soll noch einer sagen, Amerikaner hätten keine Ahnung von Fußball. Tom Hicks und George Gillett, die aus Texas stammenden Besitzer des FC Liverpool, haben gerade in seltener Einigkeit entschieden, dass die von Aston Villa aufgerufenen 25 Millionen Euro Ablöse für den kreuzbraven Mittelfeldspieler Gareth Barry, 27, eher nicht der Rubrik »Schnäppchen« zuzuordnen sind.

»Der Preis ist zu hoch«, richtete Geschäftsführer Rick Parry im Auftrag der Eigentümer aus. So einen vernünftigen Satz hatte man in diesem wieder verregneten, zugleich aber vom Kreislauf der Millionen glühend heißen (Transfer-)Sommer auf der Insel bisher noch nicht gehört.

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In der abgelaufenen Spielzeit haben die 20 Premier-League-Vereine die Rekordsumme von 1,2 Milliarden Euro an TV-Geldern ausbezahlt bekommen. In Folge dessen sind Durchschnittsspieler absurd teuer geworden. 25,7 Millionen Euro zahlte Liverpool zum Beispiel für Tottenhams Stürmer Robbie Keane.

Horrende Summen für Spieler wie Gareth Barry oder Peter Crouch

Die Londoner reichten bald darauf 19 Millionen Euro an Blackburn weiter, um sich die Dienste von David Bentley, 23, zu sichern, einem Flügelspieler, der in der Nationalmannschaft nicht am Halbpensionär David Beckham vorbeikommt. Peter Crouch, die torscheue Kampfgiraffe, wechselte derweil für 14 Millionen Euro von Liverpool zu Portsmouth. Diese Liste geht endlos weiter, bis hinunter zum Aufsteiger Hull City, der am liebsten Chelseas Claudio Pizarro verpflichten würde.

Das meiste Geld gibt Meister Manchester United aus. Nach 40 Millionen Euro für die Besiegelung des Transfers von Carlos Tévez, den bisher von der dubiosen Spieleragentur MSI kontrollierten Argentinier, sollen weitere 32 Millionen Euro an Tottenham fließen: Stürmer Dimitar Berbatow hat an der White Hart Lane mit einer demonstrativen Schaffenskrise in der Vorbereitung seinen Wechsel forciert.

ManU macht 72 Millionen für Tevez und Berbatov locker, Chelsea holt Deco

Der von Real Madrid umworbene (und am Fuß verletzte) Cristiano Ronaldo konnte von United gehalten werden, Trainer Alex Ferguson hat trotzdem seinen wichtigsten Portugiesen verloren: Assistent Carlos Queiroz, Architekt des flexiblen Angriffsspiels, kehrte als Nationaltrainer heim. Weil Queiroz' Vorgänger in diesem Amt, Luiz Felipe Scolari, im Gegenzug den unbedarften Avram Grant auf der Chelsea-Bank beerbt und für vergleichsweise läppische 31 Millionen Euro den Rechtsverteidiger José Bosingwa und Regisseur Deco mitgebracht hat, gilt die Mannschaft von Michael Ballack vielen Experten als Titelfavorit.

Für Rafael Benítez' Liverpool läuft es  - mit oder ohne Barry - nur  auf den dritten Platz hinaus. Schuld daran wird übrigens nicht der Trainer, sondern die Liga sein. Sagt zumindest der Trainer. »Im Gegensatz zu den Partien in der Champions League gibt es in England zu viele 50 zu 50 Bälle, das Spiel lässt sich nicht so gut kontrollieren«, hat der Spanier nach vier Jahren in der Liga entdeckt.

Hinter den weiter vergeblich von der ersten Meisterschaft seit 1990 träumenden Reds muss die bald in Gänze in einem U21-Wettbewerb spielberechtigte Nachwuchstruppe vom FC Arsenal den letzten Champions-League-Platz gegen die frechen Spurs aus Tottenham verteidigen. Trainer Arsène Wenger hat  wegen der horrenden Kosten für die Finanzierung des neuen Stadions nur limitierte Optionen auf dem Transfermarkt. Wenn wie in der Vorsaison zwei, drei Stammspieler ausfallen, werden seine jungen Kunstkicker an Grenzen stoßen.

Hinter den großen Vier fließt nicht ganz so viel Geld

Aston Villa, West Ham und Everton dürften die Uefa-Pokal-Plätze untereinander ausmachen; Manchester City mit dem Deutschen Dietmar Hamann kommt am ehesten wieder über die Fairplay-Wertung ins internationale Geschäft. Eigentümer Thaksin Shinawatra hat aktuell Probleme mit der thailändischen Justiz und dazu eine persönliche Kreditkrise: Mehrere teure Transfers aus der Vorsaison sind nicht vollständig abbezahlt. Trainer Mark Hughes soll angesichts der finanziellen Engpässe schon mit seinem Rücktritt gedroht haben.

Die Rest der Premier-League-Klubs wird der globalen TV-Kundschaft meist vorenthalten, aus gutem Grund. Da sich viele Vereine nur phantasielos gegenseitig die Millionen zuschieben, steigt die kollektive Qualität weit weniger schnell, als es die Preise tun. »Die beste Liga der Welt« (Chelseas John Terry) - sie könnte besser sein.