Die »Fohlenelf« kehrt zurück

Der ungestüme Aufbruch

Borussia Gladbach ist wieder in der Bundesliga – und da gehört dieser Verein einfach hin. Allein schon wegen der Erinnerungen an Günter Netzer, Jupp Heynckes und eine Elf als anarchischem Gegenentwurf zum FC Bayern-Modell. Die »Fohlenelf« kehrt zurückImago Willkommen, daheim - ja, ihr gehört doch dazu! Die Erste Bundesliga der deutschen Fußballer ohne Borussia Mönchengladbach, das ist auf Dauer wie eine Party ohne Schaumwein. So ist es einen mittleren Torjubel wert, wenn der Verein vom Niederrhein nun vorzeitig als Rückkehrer ins Oberhaus feststeht.

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Solche Legenden vergehen nicht. Sie werden gerne wieder aufgewärmt. Ihnen wohnt Kraft inne. Und nun schafft es die Borussia schon zum zweiten Mal, nach einem Abstieg nicht weiter nach unten durchgereicht zu werden, sondern sich spielend wieder aufzurappeln. Das Comeback gehört zu Mönchengladbach wie die Sache mit den Fohlen zur Vereinsgeschichte.

Gegenentwurf zum konservativen FC Bayern

Borussia Mönchengladbach - das war immer die »Fohlenelf«. Jung, ungestüm, lebhaft. Das war der fröhliche, fast anarchische Gegenentwurf zum konservativen FC Bayern München. Das war der Aufbruch der sozialliberalen Zeit gegen die katholisch-konservative Dogmenlehre der Strauß-Ära. Das war Puma gegen Adidas, Offensivfußball gegen Sicherheitskick, Leidenschaft gegen Kalkül. So wurde Mönchengladbach ein früher Meister der Herzen. Mit dem neuerlichen Aufstieg vom Mai 2008 lebt die alte Geschichte auf, werden Erinnerungen wach.

Erinnerungen an die Generation Günter Netzer, der mit seinem Laufburschen Herbert »Hacki« Wimmer und dem Verteidiger-Denkmal Hans-Hubert Vogts 1970 und 1971 die Borussia zum Champion machte. Großen Anteil daran hatte auch Trainer Hennes Weisweiler, in Gladbach »Don Hennes« genannt. An den Stürmer Josef »Jupp« Heynckes, der es mit Vogts, Uli Stielike, Rainer Bonhof und Allan Simonsen in den Jahren 1975, 1976 und 1977 zur Meisterschaft brachte - und somit grandios die Bayern ablöste, die zuvor dreimal hintereinander den Titel gewonnen hatten. Und an die Spätfolgen dieser Zeit, das starke Abschneiden in den internationalen Wettbewerben 1977, 1979 und 1980.

Doch über den stürmenden und kreiselnden Kickern vom Niederrhein lag schon früh ein Hauch von Tragik. Die Euphorie war zu schön, um lange zu halten. Die Borussia hatte zwar viele Fans im weiten Hinterland. Zwischen dem beschwingten Köln und dem etwas aufgebrezelten Düsseldorf zog sie mit ihrem ehrlichen Fußball die Leute an - doch das Stadion am Bökelberg war einfach zu klein, um für genügend Umsatz zu sorgen. Über die Kasse wachte mit Helmut Grashoff zudem ein hanseatischer Kaufmann, dessen Pingeligkeit zunehmend mit der anschnellenden Kommerzialisierung kontrastierte.

Die Spieler wurden einfach weggekauft

Es blieb nur der Weg über eigene Talente, die insbesondere in der Zeit unter dem als Trainer verpflichteten Heynckes (1979 bis 1987) systematisch gefördert wurden. Doch kaum waren die Akteure gut und bekannt, wurden sie von anderen Klubs verpflichtet. Die anderen konnten einfach mehr zahlen. Spieler wie Lothar Matthäus oder später Stefan Effenberg erlebten ihre Glanzzeiten beim alten Rivalen Bayern, der weiter wie ehedem Meister wurde. Es kam auch schon mal vor, dass die kapitalkräftigen Süddeutschen den Gladbachern einfach einen guten Spieler wie Kalle Del’Haye wegkauften und ihn dann auf der Auswechselbank sitzen ließen.

Das war gemein, aber Realität. Mönchengladbach hat sich gegen die Kraft des real existierenden Kapitalismus stets mit Emotion und noch mal mehr Emotion aufgelehnt. Hier trommelte der berühmte Manolo, der beleibte Fan von der Tribüne, der eigentlich Ethem Özerenler hieß; kürzlich ist er nach langer Krankheit im Alter von 69 Jahren gestorben.

Das ewige Auf und Ab

Manchmal reichte es ja noch zu einer guten Platzierung in der Liga und später zu einem Pokalerfolg wie 1995. Doch auf Dauer war der Erlebnisfußball der Borussen an seinem marktwirtschaftlichen Ende angelangt; das Stadion musste größer werden. Die Mannschaft stieg ab, wieder auf und wieder ab. Sie weinten mal aus Leid, mal aus Freude. Und jetzt sind sie wieder da - und werden die halbe Mannschaft auswechseln müssen, wenn sie sich in der höheren Region diesmal für eine längere Zeit halten wollen. Die Abwehr gilt als Schwachstelle dieses Teams.

Aber das alles sind Aufgaben für Manager Christian Ziege und Trainer Jos Luhukay, die im deutschen Profifußball mit der erfolgreichen Mission Mönchengladbach für eine Überraschung sorgten. In Mönchengladbach darf gejubelt werden. Es darf an die Geschichten aus der guten alten Netzer-Heynckes-Zeit erinnert werden. Und Manolo wird im Himmel dazu die Trommel schlagen.