Identätskrise im Amateurfußball

Wer hat Angst vor Liga 4?

Nach der Ligareform müssen Fußballklubs in der Grauzone zwischen Profitum und Amateursport ihre Identität neu definieren. Viele derzeitige Oberligisten haben gar nicht versucht, eine neue Lizenz zu erhalten. Identätskrise im Amateurfußball

Die Fußballer des KSV Baunatal, eines Oberligavereins in Nordhessen, haben vor zwei Wochen gemeinsam einen Brief an die Lokalzeitung geschrieben. Ihr Vorstand hatte erklärt, auf die Teilnahme an der neuen viertklassigen Regionalliga, die ab der nächsten Saison eingeführt wird, zu verzichten. In der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen war der Brief dann zu lesen: »Trauer und Wut innerhalb des Teams sind groß. Jeder Spieler ist mit Herzblut bei der Sache und würde einiges in Kauf nehmen, um in der neuen Regionalliga zu spielen.« Die Spieler seien sogar bereit, »zeitweise aufs Gehalt oder die Mannschaftsfahrt zu verzichten«. Sie kündigten an, Verträge für die Regionalliga zu Oberligakonditionen zu unterschreiben.

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Ihr Flehen war vergebens. Abteilungsleiter German Jaeschke teilte in der vergangenen Woche auf der Homepage kurz und bündig mit: »Wir spielen in der nächsten Saison in der Oberliga.« Der Gesamtvorstand mochte das Konzept der Fußballabteilung, den Etat über Bürgschaften abzusichern, nicht mittragen.

In Baunatal und Umgebung wird man es bedauern, dass der KSV künftig fünftklassig kickt, 190 Kilometer südlich in Frankfurt am Main hingegen nicht. In der Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ist das neue Modell für den Unterbau des Profifußballbetriebs in Deutschland entstanden: Unter die neue eingleisige dritte Liga kommen die drei Regionalligen als vierte Profi-Klasse.

Wirtschaftlichkeit wird geprüft

Bis zum gestrigen Dienstag mussten die Regionalliga-Bewerber die Unterlagen zur Wirtschaftlichkeit einreichen. Viele derzeitige Oberligisten haben gar nicht versucht, die Lizenz zu erhalten. Eine Million Euro Saisonetat dürfte das absolute Minimum sein, um erfolgreich in der Regionalliga zu spielen. In einem 241 Seiten starken Katalog hat der DFB die Vorschriften festgelegt.

Die Klubs brauchen zum Beispiel einen Cheftrainer mit Uefa-A-Lizenz, drei hauptamtliche Geschäftsstellen-Mitarbeiter, eine Flutlichtanlage (mindestens 400 Lux E-Hor), eine Pressetribüne mit mindestens zehn fest eingerichteten Arbeitsplätzen (Pult, Strom, ISDN) und einen Vip-Raum. Kleine Klubs müssten sofort viel Geld in die Infrastruktur und die Organisation stecken, über die andere Vereine schon verfügen. Damit wird es ihnen umso schwerer gemacht, eine wettbewerbsfähige Mannschaft zu finanzieren.

»Wir wollen die Vereine zusammenführen, die durch Infrastruktur, Umfeld und Tradition in der Lage sind, Profifußball zu betreiben«, sagt Willi Hink, Amateursport-Direktor im DFB. Der Graben zwischen Profitum und Amateursport soll viel tiefer werden, so tief, dass Vereine wie der KSV Baunatal ihre Identität neu definieren müssen.

Der KSV ist ein Breitensportverein mit 35 Abteilungen, unter anderem Wandern, Flamenco und ambulantem Herzsport. Er hat andererseits von 1976 bis 1979 in der Zweiten Bundesliga gespielt und verfügt über ein hübsches Stadion mit 2578 überdachten Sitzplätzen und Flutlicht, das damals erst zum Zeitpunkt des Abstiegs fertig gestellt wurde. Der KSV ist einer von vielen Klubs in Deutschland, die in der Grauzone zwischen Profifußball und Amateursport wandern. Diese Grauzone will der DFB abschaffen.

Allein in Bayern haben schon drei Vereine mit guten sportlichen Aussichten verzichtet: Memmingen, Ismaning und Thannhausen erklärten einstimmig, die Auflagen seien nicht zu stemmen. Der sportliche Bewerb gerät in der Bayernliga zur Farce. Weil Tabellenführer Bayreuth massive finanzielle Probleme hat und der FC Eintracht Bamberg - aus unbekannten Gründen - plötzlich ständig verliert und Punkte wegen fehlerhafter Spielereinsätze am grünen Tisch verliert, werden am Ende wohl alle Teams die Lizenz bekommen, die sie möchten.

Endgültige DFB-Entscheidung erwartet


Unter den bayerischen Bewerbern befindet sich neben dem 1. FC Nürnberg II und der SpVgg Greuther Fürth II auch ein kleiner Klub, der ein subversives Element in der vierten Profiliga darstellen würde. Nach Art des gallischen Dorfes in den Asterix-Comics erklärt der TSV Großbardorf aus einem 989-Einwohner-Dorf im Kreis Rhön-Grabfeld trotzig: »Der TSV wird den Lizenzantrag stellen, es wird aber weiterhin nur gehobenen Amateurfußball in Großbardorf geben.« Als Spielstätte hat der TSV das Stadion im 40 Kilometer entfernten Schweinfurt angegeben, da der eigene Sportplatz die Vorgaben nicht ansatzweise erfüllt.

Bis 5. Mai erwarten alle Bewerber nun eine erste Resonanz vom DFB, sie könnten bei möglichen Auflagen bis 6. Juni reagieren. Am 17. Juni fällt dann die endgültige Entscheidung. Kurios ist, dass - trotz aller Professionalisierungs-Bestrebungen des DFB - Großbardorf nun bessere Aussichten auf einen positiven Bescheid hat als mancher Großstadtklub. Der frühere Erstligist SSV Ulm 1846 sammelte bis zuletzt Geld mit der Internet-Aktion »Rettet den SSV Ulm!«, um die Regionalliga-Lizenz zu ermöglichen.

Benefizspiele retten den SSV Ulm


Die Unterlagen wurden nun eingereicht, teilte Vorsitzende Katja Adler am Dienstag mit. Ob der DFB den Antrag annehmen werde, sei noch ungewiss. »Entscheidend war, dass wir die Voraussetzungen erfüllen konnten, den Antrag überhaupt zu stellen«, sagt Adler. Dies war nur möglich, weil der FC Bayern, der VfB Stuttgart, Hertha BSC und St. Pauli allesamt Benefizspiele zusagten, mit deren Einnahmen die Ulmer kalkulieren können.

Wenn sie dann Glück haben, bleibt sogar noch ein wenig Geld übrig, um die Mannschaft für die neue Klasse zu verstärken. In Baunatal zum Beispiel könnten einige Spieler Interesse an einem Vereinswechsel haben.