Millerntor Stadion, DFB-Pokal-Halbfinale

FC St. Pauli – FC Bayern München 0:3

"Die Ärzte"-Schlagzeuger Bela B. über die verpasste Titelverteidigung als "Weltpokalsiegerbesieger" und Waldis voluminösen Weizenbierranzen. „Die kleine Isabelle wartet beim Stadionsprecher auf ihren Vater.“ So tragisch der Umstand, so sehr belustigte uns die Vorstellung, dass der Vater vor lauter Fußballbegeisterung seine Tochter vergessen hatte. Denn der 12. April sollte als Sensation in die Geschichte eingehen. So war’s zumindest geplant. Dem größten Erfolg der FC St. Pauli-Vereinsgeschichte, dem Erreichen des Halbfinales im DFB-Pokal, sollte heute die Krone aufgesetzt werden. Als Gegner kam der meistgehasste und gleichzeitig am höchsten bewunderte Verein des deutschen Fußballs, der Rekordmeister und Weltpokalsieger, der FC Bayern München.

Angst brauchten unsere Jungs nicht zu haben. Wer waren die schon? Ein Haufen Shrimps essender Millionarios, deren Torhüter vor genau 1161 Tagen, am 6. Februar 2002, am Millerntor die Hütte voll bekommen hat. Was St. Pauli damals den Titel „Weltpokalsiegerbesieger“ einbrachte. Also wollten unsere Jungs dem frisch gebackenen Ersatztorwart des WM-Kaders auch heute ein traumatisches Erlebnis bescheren. Dass es dann (nicht ganz unerwartet) anders kam, tat dem Spektakel und der Laune keinen Abbruch. Hallo? Wir spielen in der Regionalliga Nord und, dass die Bayern uns wie zuvor Berlin und Bremen unterschätzen würden, konnte man nicht erwarten.

Ich hatte an dem Tag einen Erlebnisstau, wie lange nicht mehr am Millerntor. Das fing damit an, dass ich hier zum ersten Mal eine Schwarzmarktkarte gekauft habe, da ich selbst als Fördermitglied und Dauerkarteninhaber auf Lebenszeit nur eine offizielle Karte erstehen durfte. Leichtfertigerweise hatte ich meiner ältesten Freundin, Dada, Zutritt zu dem Spiel versprochen. Zur Einhaltung dieses Versprechens musste ich 160 Euro locker machen, um dann in der Meckerecke (Zitat: „Sitzen is’ für’n Arsch.“) in der Gegengeraden zu stehen – obwohl ich selbst eine Tribünenkarte besaß. So stand ich nicht nur umringt von echten Fußballweisen („Unsere Jungs spielen erst mit Rückstand wirklich gut, die brauchen die Aufgabe!“), sondern auch unterhalb der ARD-Berichterstattungsplattform mit Sicht auf einen Plasmabildschirm, der mir erstmalig im geliebten Bretterstadion den Genuss von Zeitlupen bescherte. Allerdings versperrte mir bisweilen Waldemar Hartmanns stattlicher Weizenbierranzen die Sicht auf den Fernseher im Glaskasten.

Im Stadion herrschte beinahe Demut gegenüber dem Glück, dem Ereignis beiwohnen zu dürfen! Oliver Kahn wurde kaum verspottet und sein Abgang nach dem Spiel sogar beklatscht! Der Hohn, den sonst oft der Münchner Schlussmann abbekommt, entlud sich heute über SPD-Mann Franz Müntefering im Publikum. Und unsere Jungs? Die waren der Hammer! Hätte man das Herz der Kiezkicker heute in die Körper unserer Nationalmannschaft verpflanzen können – Deutschland würde Weltmeister werden. Und die kleine Isabelle wird ihren Papa nach Ende des Spiels hoffentlich wiederbekommen haben. Als Ersatzeltern waren wir alle absolut zu unseriös!