VfL Wolfsburg

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Holstein Kiel

Wolfsburg-Kiel im Liveticker

Kieler Woche: Bisher ein Reinfall

Wolfsburg segelt davon, Kiel kann im Rückspiel nur noch ein kleines Wunder retten. Oder ein großes Unwetter. Steht an der Reling und muss sich übergeben: der Liveticker.

20:10 Uhr

Moin, Moin und Gott zum Gruße, liebe Freunde, beginnen wir diesen Abend mit einem Satz von Matthias Sammer, just ausgesprochen auf unserem neuen Lieblingsprodukt, dem superduper Eurosportplayer, ein Satz, der uns nicht überrascht, aber vieles erklärt. Sammer (während er wie wild mit den Fingern Laufwege aufzeichnet): "Ich bin ja total verrückt!" Entzündet dann mit purer Willenskraft ein Streichholz und tackert sich selbst die Stirn. Gibt so Tage.

20:13 Uhr

Halten wir uns das noch einmal vor Augen: Kiel war vor eineinhalb Jahren noch drittklassig, Wolfsburg hat einen Kader, der zehnmal so teuer ist, wie der von Holstein und diese ewige VW-Krise, sie hört nicht auf. Abfuckskandal in Mittelniedersachsen. Martin Winterkorn bestellt ein Diesel.

20:15 Uhr

Jan Henkel und Matthias Sammer. Wenn die heute Abend noch einen Saufen gehen, muss der arme Henkel dem Firehead bestimmt beim Pinkeln helfen, während er über Juventus Urin fabuliert und hysterisch gackert. Auch das ist Relegation.

20:16 Uhr

"Ich bin relativ ruhig", sagt Bruno Labbadia, "wir haben uns sehr gut vorbereitet." Stimmt, 34 Spieltage lang. In Brunos Gesicht bilden die Sorgenfalten eine Pistole. Der Mann bleibt sich treu, toll.

20:18 Uhr

Holsteins Geschichte ist voll von großen Fußballern. Erinnert sei hier nur an Hans, Hugo und Willi Fick. Fuck, yeah.

20:20 Uhr

Für alle Hater: das Stadion ist heute ausverkauft. Bis. Auf. Den. Letzten. Platz. Was ist schon Anfield, was ist schon Bombonera, hier am Mittellandkandal, pulsiert das Herz des Fußballs. Haben wir von 11FREUNDE schon immer gewusst.

20:25 Uhr

Markus Anfang in der Nahaufnahme. Hält eine flammende Rede und erinnert uns schwer an einen stinkwütenden Motorradrocker-Boss, der soeben den Einsatz von Mofaketten befohlen hat. Murder, murder, murder, Kiel, Kiel, Kiel.

20:26 Uhr

So, geht gleich los. 19 Relegationen gab es bisher, 14 Mal setzte sich der Erstligist durch, wie fad. Was hat heute Holstein Kiel zu bieten? Und ist das wirklich Wolfsgeheul, was da durch die Boxen gejagt wird, während der kunstledernde Marco Hagemann grimmig Hallo sagt? Autsch. Stimmt es eigentlich wirklich, dass Wolfsburg Wolfsburg heißt, weil Adolf Hitler sich von Vertrauten "Wolf" nennen ließ? Aber das nur am Rande.

1.

Anstoß. Das Ende vom Anfang.

2.

Respekt: Für eine Handballtruppe steht Kiel hier zu Beginn recht ordentlich. 

3.

Kennen wir aus dem Büro: Es gibt Probleme mit der Fahne.

4.

Brekalo mit dem ersten Schüsschen, schließt aber inkonsequenter ab als ein schusseliger Hausmeister. Weiter 0:0. 

6.

Duksch: »Tach Josuha«
Guilavogui: »Wer sind Sie? Woher kennen Sie meinen Namen?


7.

Widerlich: Wolfsburgs Rasen hat Schuppen. 

9.

Bisher ein munteres Spiel. Ecke Wolfsburg, gefälliger Angriff Kiel, wieder Ecke Wolfsburg, dann Abschluss Duksch. Wenn das so weitergeht, brauche ich morgen eine Halskrause.

11.

Geil auch, dass Wolfsburg heimlich Relegations-Held Vierinha in ein Renato-Steffen-Trikot gesteckt hat. 

12.

Jemand wälzt sich aus Versehen auf dem Lichtschalter rum. Oder doch nicht? Nein, ich Vollidiot. Das ist der Torjubel-Lichteffekt in der VW-Arena, weil: Wolfsburg führt. Abstauber Origi. Oder wie unser Lieblings-Youtube-Snippet-Held schreien würde: Originaler Abstauber.

15.

Nächste Chance Wolfsburg. Und langsam muss man sich Sorgen machen um die Störche. Aber muss man das nicht eigentlich immer? Bei den dünnen Beinchen?

17.

Dabei muss Kiel doch alleine deshalb aufsteigen, damit Dominic Peitz in der ersten Liga die Lulatsch-Lücke füllen kann, die Kießling hinterlässt.

18.

Jetzt weiß ich, wer Markus Anfang wirklich ist: der schlechtgelaunte Lotto King Karl! Immerhin ein bisschen HSV in dieser Relegation.

19.

"Relegation ist ein Spiel, bei dem 22 Männer einem Ball hinterherlaufen und am Ende gewinnt immer der Erstligist." (Gerry Linnäcker, Bauer aus Schleswig-Holstein)

21.

Zweikampfverhalten der Kieler bislang auf dem Niveau eine angetrunkenen Schützenfesttruppe beim spontanen Bolz Nachts um 1 im Festzelt gegen die Feuerwehr aus dem Nachbardorf. Markus Anfang schießt sich einen Affen aus Plüsch und nennt ihn Aufstieg.

23.

Boah, Kiel. Ein oder zwei Charaktergrätschen würden dem Spiel schon gut tun.

24.

Und Wolfsburg? Liefert bislang ab. Wann kommt heraus, dass der ph-Wert von Bruno Labbadias Haar nachträglich manipuliert wurde? Wenn der auch diese Mannschaft vor dem Abstieg rettet, nennen die bald einen Polo nach ihm.

26.

Was wir bislang vermissen: die totale Überzeugung der Kieler, hier und heute was reißen zu können. Hat den Charme eines Trainingskicks zwischen erster und zweiter Mannschaft. Nachher dann Deckensaufen in der Kabine und die Karre vom Ersatztorwart mit Klopapier dekorieren, oder was?

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Während wir hier dummes Zeug faseln, beobachtet Marco Hagemann klug "Positionsrochaden". So was bestellt sich Dinkelaker normalerweise bei Nordsee. Für mich dann ein Bismarck-Brötchen.

29.

Malli sprintet Richtung Kieler Strafraum, versucht den Schlenzer und schlenzt vorbei. Jetzt erstmal Frustsaufen im Bierkönig mit Ibizi und Balatoni.

30.

Freistoß Maxi Arnold. Der Mann, der ständig erkältet zu sein schein, schmirgelt den Ball in den Strafraum, aber Pustekuchen, Konter Kiel. Und doch der nächste wirkungslose Angriff. Wie damals Axel Schulz gegen Klitschko. Irgendein Gagvogel kommentierte das damals mit den Worten: "Schulz versucht Klitschkos Faust mit seinem Gesicht zu verletzen." Fasst das hier bislang gut zusammen.

33.

Und dann dieses: TOOOOOOORRRR!!!! 1:1, Kingsley Schindler staubt hübsch ab, was Kollege Drexler aber so was von fein vorbereitet hatte. Junge, Junge, was kümmert uns unser Geschwätz von eben, jetzt hat Kiel den Auswärtstreffer und auf einmal riecht das hier nach Sensation. Da brat mir einer nen Storch.

35.

Schade: Hätte Drexler einfach weiter total durchschnittlich gespielt, hätte ihn Wolfsburg im Sommer bestimmt für 40 Millionen geholt. Von Schalke.

37.

Wenn Kiel hier heute echt punktet, müssen die Verfolger aus Göppingen und Lemgo am Wochenende nachziehen.

39.

Knoche unter der Woche zum Außenstürmer umgeschult. Taucht plötzlich an der Grundlinie auf, der gegnerischen nämlich, und versucht den Ball dann ins Getümmel zu schummeln. Aber ist halt kein Drexler. 

41.

TOOOOOOR. Weil Josip Brekalo den Ball ohne Rücksicht auf die Pfoten des Kieler Keepers, dessen Name mir entfallen ist, volley in den Knick hämmert. Der Kroate ist derart risikofreudig, wetten, dass er auch mit Busfahrern spricht? Während der Fahrt?

43.

Und jetzt alle: »Polo Labbadia, Oh-Oho-Oho, Polo Labbadia, Oh-Oho-Oho!!!«

44.

Wir hatten uns auf sehr viel Elend eingestellt – und bekamen ein richtig geiles Fußballspiel. So überraschend Grund zur Freude hatte ich zuletzt, als sich ein von einem Balkon fliegender Lutscher in meinem Gesicht verfing. Und noch zur Hälfte lutschbar war!

45.

Logisch, dass sich das Free-TV dieses Spektakel nicht entgehen lässt. 

21:17 Uhr

Halbzeit. Und endlich, endlich ist der Moment gekommen, bei Kollege und Zeitzeuge Raack mal nachzufragen, wie das damals eigentlich so war: Bundesliga ohne Wolfsburg?

21.23 Uhr

Weiß Sammer, weiß Roger Wittman: »Drexler ist Weltklasse!«

21:25 Uhr

Immer, wenn ich Matthias Sammers Halbzeit-Analyse sehe und höre, wünschte ich, Matthias Sammer hätte meine mündliche Abiturprüfung abgelegt. Dann hätte ich jetzt vielleicht einen richtigen Job.

21:28 Uhr

Was ich nicht kapiere: Wie können Menschen so ein geringeltes Ohrknöpfchen-Kabel am Körper tragen, ohne unentwegt damit zu spielen?

46.

Lieb von Kollege Dinkelaker auf mein fortgeschrittenes Alter hinzuweisen und nach der Saison 1996/97 zu fragen. Damals, als ein junger Mann mit schräger Frisur und mächtiger Augenbraue Pokalsieger mit dem VfB Stuttgart wurde, Ulf Kirsten 22 Buden reichten, um vor Toni Polster und Fredi Bobic die Krone zu holen. Der gute alte Trap Meister mit den Bayern wurde und St.Pauli Letzter wurde. Und ich das erste Mal besoffen war. Mit zwei Gläsern Bier und Wodka-Lemon. Kinder, war das schön.

47.

Irgendwer muss irgendwas mit Matthias Sammer getan haben, vielleicht sind es auch die Frühlingsgefühle, aber der Mann pöhlte in der Pause einen Superlativ nach dem nächsten raus und schwärmte besonders von Drexlers Vorarbeit, als habe der gerade im WM-Finale das entscheidende Tor geschossen. Per Fallrückzieher. Aus 40 Metern. Mit einem Betonklotz um den Hals. Während er das letzte Schneeleoparden-Pärchen rettete.

49.

"Im Eurosport Player respektive Eurosport Extra". Wann lässt sich Marco Hagemann das auf die Kunstlederjacke sticken?

50.

Kingsley Schindler. Ein Name wie Gerald Asamoah. Oder Rasheed Raack.

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Breaking News: Einwurf ins Toraus. Nur ein Pressschlag mit anschließender Kerze ist schöner.

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Warten auf das nächste Highlight. Und dann doch nur: ein räudiges Foul. Matthias Sammer schlägt trotzdem Purzelbäume der guten Laune.

55.

Und dann dieses: TOR! 3:1 für den VfL Wolfsburg. Origi, der Mann, der noch nie von Kiel gehört hat, schüttelt drei Gegenspieler ab, wie ein Hund die Stechmücken, legt quer auf Malli, ein Haken, Tor ist frei - drin isser. Und die Langeweile droht uns feist mit dem Mittelfinger.

58.

Halbflanke Lewerenz, abgefälscht, Ecke, die nichts einbringt. Antworten, die wie Fragezeichen schmecken.

60.

Kiels Coach in der Nahaufnahme. Ist das der Anfang vom Ende?

61.

Sich eine ganze Saison lang in der zwoten Liga die Füße wund spielen, Dritter werden, nur um dann von einer sündhaft teuren Erstliga-Truppe versohlt zu werden, muss sich anfühlen, als wenn man sieben Mal zum Vorstellungsgespräch eingeladen wurde und am Ende doch der Sohn vom Abteilungsleiter den Job bekommt. Dienstwagen: Golf.

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Ham die Kieler hier keine Lust oder was? 

66.

Immerhin: Kiel bleibt die nördlichste Großstadt Deutschlands. Aber auch Wolfsburg muss sich nicht verstecken. Wolfsburg sucht ja schließlich niemand. 

67.

Trotzdem Fakt: Ohne Nicklas Bendtner muss Wolfsburg dieses Jahr zum zweiten Mal in zwei Jahren in die Relegation. Mit Nicklas Bendtner wurde die Mannschaft Vizemeister, Pokalsieger und Supercup-Sieger. 

69.

Und Falls ihr euch, lieber Kieler-Fans, mal so richtig mies fühlen wollt: Heute hat sogar ein vergoldetes Schamhaar von Rainer Langhans was gewonnen. Zwar nur irgendeinen Kunstpreis von irgendeinem Kunstverein in Ahlen, aber immerhin gewonnen. 

70.

In welchem Kellerloch genau wird eigentlich der Origi festgehalten, der bis vor fünf Tagen für Wolfsburg gespielt hat?

71.

MÜHLING! Die dicke Chance zum 3:2 für Kiel, das diese Paarung komplett durcheinander gewirbelt hätte. Aber Mühling ist anscheineind ein Ordnungs-Freak. Und schlenzt lieber vorbei. 

74.

Auch wenn das Ergebnis für fast alle Beteiligten ziemlich bitter ist, das Spiel bleibt unterhaltsam. Langsam freue ich mich regelrecht, zufällig eingeschaltet zu haben. Weil ich eigentlich Eurogoals gucken wollte.

75.

Kopfball Seydel, drüber. Wir legen uns fest: Die Kieler Woche ist scheiße. 

77.

Aber bemerkenswert, dass Kiel hier weiter aufs zweite Tor drängt. Und wer weiß: Ein 1:0 wäre zu Hause ja durchaus denkbar. Außerdem gilt eh immer: Aufgeben kannst du bei der Post. 

79.

Nächstes Versüchchen von Kiel, aber Wolfsburg bislang souverän wie ein altgedienter Klassenlehrer im Umgang mit dem Klassenclown aus der 7b. Bruno Labbadia zieht Markus Anfang das Handy ein.

80.

Renato Steffen geht, Kuba kommt. Klingt irgendwie nach Spartakiade in Chemnitz.

81.

Ja, Herrschaftszeiten nochmal! Mühling mit einem Maradonaesken Dribbling durchs Wolfsburger Mittelfeld, feiner Pass auf Ducksch und der nagelt den Ball vorbei. Und ich wollte hier schon die Ducksch Tales erzählen.

83.

SEYDEL!! Daneben. Haut den Ball aus wenigen Metern volley neben das Tor und innerhalb von wenigen Minuten ist aus den so breitbrüstig aufspielenden Wölfen ein Rudel zittriger Welpen geworden. Mr. Burns aka Markus Anfang legt die Gorilla-Weste auf die Trainerbank und denkt an kleine Boris Beckers.

86.

Labbadia, gaaanz Trainerfuchs, bringt erstmal Camacho für Malli, Druck rausnehmen, Zeit gewinnen. Wann rennt der Pistolero zur Eckfahne?

87.

Komm schon, Kiel. Wir wollen Spiel, Spaß, Spannung, Schokolade und das zweite Auswärtstor. Seydel sichelt mal wieder in den Strafraum - Ecke. Bruno Labbadia spricht vor Aufregung Hochdeutsch.

88.

Bodycheck der Wolfsburger, Arnold knüppelt von hinten in des Gegners Rücken und alles schreit nach Elfmeter. Vor dem Videobeweisbildschirm in Köln sitzt Günter Perl und lacht kurz auf. Muss weiter Fifa zocken.

90.+1.

Kiel hat sich längst den Anschlusstreffer verdient. Aber der will nicht fallen, oh, du ungerechte Fußball-Welt. Stattdessen kommt Wolfsburg fast zum vierten Tor - und tritt sich doch nur gegenseitig über den Haufen. Kuba weggerutscht. Inselbegabung.

Abpfiff

3:1 für WOB und Bruno Labbadia schwitzt Blut und Wasser. Kiel beweist in der letzten Viertelstunde, wie gut auch in der zweiten Liga Fußball gespielt wird, nur ob das reicht für die Sensation im Rückspiel? Und wir hatten uns schon so aufs 10.000-Mann-Stadion gefreut. Gutes Spiel, Danke Fußball, Danke Merkel, Danke Bruno, Danke Anfang. Und jetzt? Ende. Reinhauen, liebe Freunde!