Werder Bremen

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Schalke 04

Werder-Schalke im Liveticker

Blondinenwitz

Kein Scherz: Werder verliert auch gegen Schalke und befindet sich jetzt ganz offiziell im Abstiegskampf. Trotz Claudio Pizarro. Vorne kurz, hinten lang: der Liveticker.

15:20 Uhr

Liebe Tickerfreunde, heute begrüßen wir euch zu einem echten Klassiker, Werder gegen Schalke, das klingt schon nach Bratwurstfett und Senfspritzern auf der Jeanskutte. Lehnt euch zurück, macht es gemütlich, atmet den Duft von großer Vergangenheit ein und dann: viel Freude!

15:25 Uhr

Anspruch und Wirklichkeit, begrüßt uns der Mann von Sky, klaffen bei Werder Bremen weit auseinander. Kenn ich. Heute morgen aufgewacht und in Gedanken schon beim Sprung in den Naturstrand-Pool meiner Villa am Mittelmeer, dann doch nur auf dem Weg zur Toilette den großen Zeh an der Tür gestoßen. So ungefähr stelle ich mir Abstiegskampf vor.

15:28 Uhr

Klar, Schalke hier und heute Favorit. Liegt bestimmt auch an diesem Harit auf der Zehn, einer von den Jungs, die man früher in der Jugend vermutlich nur mit einem Blattschuss in den Rücken stoppen konnte und der aus Ermangelung an krimineller Energie und Schusswaffen dann doch fünf Buden und vier Vorlagen auf dem Zettel stehen hatte. 90 Minuten lang Zeh stoßen, quasi.

1.

Und los geht die große Sause. Im Weserstadion mal wieder Festtagsatmosphäre, Kohfeldt trägt passend die Glücksunterbuchse mit dem Christkind überm Steiß, David Wagner summt beständig Oh, Du Fröhliche und ich packe mit der linken Hand schon mal Geschenke ein. Einen selbstgemachten Tick für Mama.

3.

Unter der Woche ein Interview mit dem verletzten Niklas Moisander geführt, der darin Florian Kohfeldt mit Louis van Gaal verglich. Gleich stellt der sich auf die Haupttribüne und kreischt vom Gesamtsieg in Europa. Bayern-Fans werden sich erinnern.

5.

Bin ja großer Fan von Bastian Oczipka, schon damals, als er noch für die Eintracht beständig wie ein Duracell-Hase seine linke Seite rauf und runtersprintete und diese gefühlvollen Flanken aus dem Halbfeld abfeuerte, bei denen es zum guten Ton gehört, dass sie in 9 von 10 Fällen den Kopf eines Gegenspielers finden. Ein echter Klassiker seit den Tagen des unvergessenen Christian Ziege. By the way: Was macht eigentlich Jörg Heinrich?

9.

Sturm- und Drangphase der Schalker scheint vorerst beendet zu sein. Dauert nicht mehr lange, dann tragen Wagner und seine Jungs lachsfarbene JackWolfskin-Jacken, stecken sich beim Spazierengehen die Hände in die Gesäßtaschen ihrer Jeans, sprechen vorrangig über das Für und Wider der örtlichen Kita und beenden gemeinsame Kneipenbesuche um 21 Uhr mit dem Hinweis auf die vorgerückte Stunde. Es erwischt auch die Besten.

12.

"Intensives Pressen bei S04." Die sogenannte Hebammentaktik.

14.

Bei Werder noch immer auf der rechten Seite: Der gute alte Theodor Gebre Selassie. Spielt seit 2012 bei Werder, hätte mich jetzt aber auch nicht gewundert, wenn er schon gemeinsam mit Horst-Dieter Höttges verteidigt hätte. Bald gießen sie den in Bronze und kleben ihn auf die Bremer Stadtmusikanten. Pico Schütz gefällt das.

16.

Hui! Eben die erste richtig hübsche Szene des Spiels, Rashica dampfeisenbahnt durch die Schalke Hälfte, legt Maxi Eggestein auf, der zieht ab und Nübel zeigt, wie hungrig er auf Fußball ist: muss nachfassen. Eggestein, so erfahre ich, hat häufiger als jeder andere Bundesligaspieler versucht, ein Tor zu erzielen und doch keinen Erfolg. Erinnert an jene Typen, die am Wochenende gnadenlose jede Disco abgrasen, bis sich dann doch am Ende irgendwer erbarmt und sich im Opel flachlegen lässt. Oder, um bei Eggestein zu bleiben, doch nur ne Kippe schnorren möchte.

18.

Abwehrherz, was willst du mehr? Rashica stürmt in des Gegners Strafraum und wer den Typen schon mal spielen gesehen hat, weiß, wie unangenehm es sein muss, den im Vollsprint zu verteidigen. Doch Kabak gelingt der Fallrückzieher für Defensive, grätscht Rashica ab und holt noch einen Abstoß raus. Nübel schluchzt vor Freude einmal laut auf und auch ich schnaube mit Gänsehaut am Körper in mein Uli-Borowka-Taschentuch. Einfach schön.

23.

Neulich mal wieder Designated Survivor gesehen, dieser pathetische Schmachtfetzen made by Weißes Haus. In irgendeiner Folge taucht ein türkischer Bösewicht auf. Name: Nuri Sahin. Executive Producer: Mesut Özil. Gott schütze Amerika.

26.

Alter Verwalter! Caliguri zieht mit links ab, ein Schuss, so schön, dass sich spontan drei Hipster-Cafés in Berlin-Mitte nach ihm benennen werden. Knallt gegen den Pfosten, dann gegen den Rücken von Pavlenka, dann ins Aus. Die nachfolgende Ecke wie ein erfolgloser Staubsaugervertreter: Brachte nichts ein.

28.

Dieser knuffige David Wagner in seiner Steppweste und der Schlaumeier-Brille im Gesicht. Morgen dann endlich wieder ein langer Waldspaziergang mit seinem gut gepflegten Jagdhund, dann mit einer schönen heißen Tasse Tee in die hauseigene Bibliothek, Klodeckelgroße Kunstbücher wälzen und in Erinnerungen schwelgen. Damals, neuntes Semester, die gemeinsame Vernissage mit Ludwig, Xaver und Marie-Philine, Weißwein aus dem Tetrapak, ach ja. Der Jagdhund? Leckt sich glücklich an den Hoden. Home, sweet home.

33.

"Stellungskrieg", hat die Sky-Stimme eben dieses Spiel bezeichnet. Schmissiges Vokabular, muss man dem Mann lassen. Grüße aus der Flakstellung.

35.

Torlos, jaja, immer noch, aber trotzdem recht hübsch anzusehen. Flottes Spiel, hätte meine Oma gesagt und dann vermutlich wieder damit begonnen, die Vorzüge von Michael Stich zu loben und über Boris Becker abzulästern, all das natürlich beim Kartoffeln aufsetzen. Früher war mehr Lametta. Und mehr Oma. Grüße nach oben. Kann nur hoffen, dass da das Wimbledon-Finale von 91 in Dauerschleife gezeigt wird.

38.

Kurzer Blick in den Liveticker der kicker.de-Kollegen: "34. Minute: Beide Teams schenken sich hier nichts." Der Weihnachtsmann verliert den Glauben an sich selbst.

40.

Vierzig Minuten rum und ich versuche noch immer, das Auswärtstrikot von Schalke 04 zu verstehen. Sollen das Schneeflocken sein, die da auf Bauchhöhe Richtung Körpermitte rieseln? Oder doch Restkoks vom verantwortlichen Produktdesigner? Wie muss man sich den Schaffensprozess vorstellen? Machen sich da ein paar Kreative einen großen Spaß aus der Sache, holen Corel Draw aus der Mottenkiste, klicken dann blind auf die Maus und schicken das an Clemens Tönnies? Gebt dem Designer eine Mettwurst extra.

42.

TOOOR!! 1:0 für Schalke. Harit bekommt den Ball im Bremer Strafraum, wird zugestellt, schlenzt einfach mal drauf los und in Zeitlupe findet das Spielgerät den Weg ins lange Eck. Vielleicht wird Pavlenka erst morgen begreifen, wie er diesen Schuss nicht halten konnte. Typisch Werder: Gut mitgehalten, Schrotttor kassiert, Rückstand. Herzlich Willkommen im Abstiegskampf.

45.

Halbzeit. Schalke führt und keiner weiß wirklich, warum. Eine erste Hälfte, die so sehr nach NullNull roch, dass ich meinen Erstgeborenen Remis nennen wollte, endet nun doch mit einer Führung der Gäste. Und im Weserstadion mal wieder sehr viele betröppelte Gesichter. Glühwein mit Schuss für alle. Gerne Vollspann. Nur nicht für Harit, das Schlenzohr. Bis gleich.

46.

Es geht weiter. Wann bringt Kohfeldt Frank Neubarth? Razundara Tjikuzu? Lee Dong-gook? Bei den Schalkern läuft sich Yves Eigenrauch warm.

48.

Autsch. Osako eben mit dem ersten Offensivversuch der Bremer. Am Ende: Ein Pass ins Nichts. Nur Reinhold Messner gefällt das.

50.

In einem anderen Leben verdiente sich Davy Klaasen ein zufriedener Ackergaul bei einem nordfriesischen Kartoffelbauern. Nicht sichtbar für Schiedsrichter Benjamin Cortus knuspert Bremens Mittelfeldmann an einem Haferkeks.

52.

Bei Nuri Sahin muss ich noch immer an den 16-jährigen Sahin denken, der als Teenager so dermaßen gut war, dass fortan einfach das Mittelfeld von Borussia Dortmund organisierte, als wäre das so simpel wie, sagen wir, einen Haferkeks zu knuspern. Kinder, waren das Zeiten. Und heute? Hat man den Eindruck, als sei Sahin noch nicht ein einziges mal am Ball gewesen.

53.

TOR!! 2:0 für Schalke. Schlimmer Bock von Langkamp, Raman klaut sich den Ball, tunnelt Pavlenka und schießt das zweite Tor. Mein Gott, Werder. Und nun? Prüft der Videoschiri und wir warten gebannt. Foul an Langkamp? Nein, immer noch Bock von Langkamp und jetzt liegt Bremen schon mit zwei Toren hinten. 5000 Schalkern könnte das nicht egaler sein.

57.

Pizarro für Sahin auf dem Rasen. Hat die Haare frisch wasserstoffblondiert. Darf man dem Mann nicht übel nehmen, der kommt aus einer anderen Zeit. Hört in der Kabine Backstreet Boys und trägt seinen Eastpack auf einer Schulter. Soll auch der einzige in der Mannschaft sein, der noch Wörter wie "megatittenaffengeil" und "knorke" benutzt.

60.

Ein blonder und in die Jahre gekommener Pizarro soll es also retten für Werder. Das klingt natürlich zunächst einmal so goldig, so werderfamiliär, dass einem ganz warm ums Herz wird. Dann erlaubt man sich den unverstellten Blick in die kalte, harte Realität und stellt fest, dass das eigentlich auch ein wenig traurig ist aus Bremer Sicht. Zurück in die Zukunft. Kohfeldt sucht noch den Schlüssel für seinen DeLorean.

63.

Harit fast mit einem der schönsten Nicht-Tore der Saison, bekommt den Ball kurz vor Pavlenka, wackelt gleich zwei Bremer mit einer Tangolehreresken Lässigkeit aus, zieht ab - und schießt dann doch vorbei. Wäre eh Abseits gewesen. War trotzdem schön. Was ein Kicker.

65.

Mein lieber peruanischer Herrgesangsverein! Pizarro aalt sich in Schalkes Strafraum, der Ball klebt an seinem Fuß und fragt sich, warum diese goldenen Füße ihn erst jetzt liebkosen. Wird er jetzt gleich vom Altmeister in den Winkel geschweißt? Ist dann blond das neue gut? Stattdessen sinkt die Bremer Legende zu Boden wie ein beschwipster Pensionär vor dem heimischen Ohrensessel, Chance vertan.

68.

Philipp Bargfrede. Wie kann man ihn als Bremer nicht mögen? Aber spielt halt eben auch Pässe wie diese: Unbedrängt in die Mitte und voll in den Rücken der eigenen Offensive. Im fernen Japan sieht Andres Iniesta diesen Frevel und muss mit Riechsalz zurück ins Hier und Jetzt geholt werden.

72.

Der Sky-Mann bringt in einem Satz zwei Gags unter, spricht von der Kohfeldtschen "Feder in der Mütze" und dem "Temperament einer Wanderdüne". Marcel Reif löscht umgehend seine Nummer.

74.

Uth muss runter. Diagnose: Schnur geplatzt.

76.

Bargfrede in der Nahaufnahme. Falls sich noch jemand fragt, wie Werder sich fühlt.

78.

Wieder ein herrlicher Schuss von Caliguri. Streift knapp über die Latte. Heavy Petting, da, wo die Weser einen großen Bogen macht.

79.

Und dann auf einmal dieses: TOOOORR!! Nur noch 2:1! Herrliche Flanke von Pizarro, Rashica grätscht rein, Nübel hält, wie auch immer, Osako staubt ab. Putzkraft des Tages-Preis für Bremens Japaner! Und noch eine Zahl: Noch 10 Minuten.

82.

Uiuiui! Ein Spiel, das sich schon sehr stark nach Auswärtssieg anfühlte, wird mit diesem einen stinkigen Treffer noch einmal spannend. Ach, Fußball, du weißt einfach, wie es geht. Lass dich abbusseln.

84.

Und tatsächlich sind auch die Werder-Fans wieder aufgewacht, nachdem man eben eigentlich nur die Schalker schmettern hörte. Man muss diesen Norddeutschen eben manchmal einfach in den Hintern treten. Kohfeldt zieht die Cowboystiefel mit den Nieten auf der Pike über und bringt Stürmer für Abwehrspieler.

86.

Youngster Goller auf dem Platz, war mal Schalker, ist jetzt Bremer, aber eigentlich Supertalent und darf jetzt genau diesen Traum leben, den wir alle doch schon einmal hatten: Schlussphase, du jung, dein Team im Rückstand, gleich Traumtor kurz vor Schluss und Held für alle Ewigkeit... Was ist das? Ach, nur Mama, die zum Abendessen ruft.

89.

Die letzten Minuten. Werder müht sich, Werder ackert, Werder versucht es ja, aber dieses junge Schalke pinkelt Eiswürfel, lacht der Gefahr ins Gesicht und ist deshalb ziemlich gut darin, diese Versuche verpuffen zu lassen. Goldener Otto in der Rubrik "Zeit von der Uhr nehmen". Überreicht von Mehmet Scholl.

90.+1.

Gut möglich, dass Wagner gleich mit seiner Truppe ins nächste Casino fährt und die nächsten Monatsgehälter auf Rot setzt. So abgezockt, bald wird man diese Gesichter auf Pokerkarten bestaunen dürfen.

90.+3.

Und irgendwo tief in den Katakomben des Weserstadions, in einem längst vergessenen schalldichten Raum, geht dem eingesperrten "Wunder von der Weser" so langsam der Sauerstoff aus.

Abpfiff

Noch einmal Rashica, der wird doch nicht...? Nein, der wird nicht und am Ende hat es einfach nicht sollen sein. Aus Bremer Sicht. Keine andere Bundesligamannschaft wartet jetzt schon so lange auf einen Sieg wie der SVW. Lieber nicht auf der Zunge zergehen lassen, schmeckt sehr bitter. Auf Schalke träumen sie weiter von den nächsten süßen Minuten Meisterschaft und freuen sich zurecht über eine tolle Mannschaft, einen tollen Trainer und eine bislang ziemlich tolle Saison. Gratulation. Und euch allen einen schönen Samstagabend. Peace.