Tschechien

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Deutschland

Tschechien-Deutschland im Liveticker

Entweder man Mats oder man hats nicht

2:1 gewonnen und trotzdem alles kacke. Deutschland versank fast in der Depression, da kam Dr. Mats Hummels und verschrieb uns was mit dem Kopf. Der Ticker in der Nachlese.

14:30 Uhr

Freunde, die WM-Quali startet! Hattet ihr euch auch so dick im Kalender angestrichen wie wir? Sehr schön. Deutschland startet seinen Weg nach Russland in Tschechien. Zumindest die Richtung stimmt schon mal. Sitzt ab 20:30 Uhr (Anstoß: 20:45 Uhr) für euch mit seinem alten Schulatlas vor dem Bildschirm und denkt an Scheidebecher mit Kuntz und alkoholfreies Weizen mit Olli Bierhoff anno 1996: Alex "Silver Goal" Raack. Was wohl Petr Kouba heute macht?

20:30 Uhr

Mach ich RTL an, haut der frühere Praktikant die Heißmacher-Reportage raus, Lehmann grinst mich süffisant an, als wollte er sagen: Und du Nulpe sitzt mit Pilstulpe aufm Sofa und guckst Unterschichtenfernsehen! Verschämt verstecke ich mich hinter meinem Kasten Sterni. Geht ja gut los hier.

20:35 Uhr

Ich kannte mal eine tschechische Mannschaft, in der Karel Poborsky, Jiri Nemec, Milan Baros und Pavel Nedved spielten. Heute schaue ich nach großen Namen, aber die Suchy ist vergebens. Immerhin Gebre Selassie. "War immer toll mit ihm bei Olympia", sagt meine Mutter.

20:37 Uhr

Eben hat Jogi Löw das Wort "Duschbodymilk" ausgesprochen. Das muss man sich einfach mal vorstellen.

20:40 Uhr

Wie? Länderspiel Tschechien gegen Deutschland in Prag und nicht ausverkauft? Vielleicht wissen die Prager, wer die Hymne schmettert. Es ist die 40 Jahre ältere slowakische Schwester von Helene Fischer, die mit Kölnischwasser-Charme überrascht, auch so singt und ein Kleid trägt, das, nun ja, nicht viel Fantasie übrig lässt. Es ist golden. Oliver Bierhoff muss weinen. Aus welchem Grund auch immer.

20:45 Uhr

Puh. Schweigeminute und aus dem deutschen Block kommen, wie schon bei der deutschen Hymne "Scheiß DFB-Rufe". Das ist natürlich nicht schick. "Unverbesserlich", nennt das der RTL-Mann. Das ist noch unschicker.

1.

Und da sind wir drin in der WM-Saison. Wo endet das? In Russland. Wenn es gut läuft. Was irgendwie auch schlecht wäre. Diese WM, also ich weiß nicht. Dagegen war das Sommermärchen so sauber wie ein frisches Sommerkleid.

3.

Wollte ich grade was zu Timo Werner schreiben, macht der die Hütte. Pass von Özil, direkt Richtung Tor mitgenommen, Abschluss, 1:0. Und draußen sitzt Mario Gomez und wird an den Augen behandelt. Das ging ihm viel zu schnell.

6.

Geil. Und draußen sollen noch ein Haufen Menschen stehen, die eine Karte haben, aber vermutlich in Seelenruhe abgetastet werde. Bei meinem bislang einzigen Besuch in Prag ließ sich der Mann an der Supermarkt-Kasse mehr Zeit beim Ware über den Scanner ziehen als Elefanten-Mütter bei der Schwangerschaft. Das kann dauern.

9.

Gassenhauer bei jedem deutschen Länderspiel, gerade in Europas Osten: Mexiko von den Onkelz. Unverbesserlich, würde RTL sagen. Wir rufen: Hallo, Dresden!

11.

Hui, die Tschechen mit einer ersten hübschen Chance, die von Lars Stindl mit humorloser Nüchternheit entsorgt wird. Der Mann konnte auch auf jedem Fischkutter der Welt die Aale reinholen, es würde niemandem auffallen.

14.

Fragt der Mann meiner Mutter: "Was macht eigentlich Jan Koller?" Gute Frage. Hilft er gelegentlich als Stützpfeiler aus? Ist er Catcher geworden und prügelt sich durch ungarische Hinterhöfe? Ist er bei diesem Spiel als Latte eingesetzt? Unsere Fragezeichen werden vor dem Stadion so lange kontrolliert, dass sie nach Hause gehen.

18.

Wann hörte das eigentlich auf, dass bei Länderspielen Stimmung im Stadion war? Verhaltene Menschen im Stadion sind wie bunte Fußballschuhe. Hat inzwischen fast jeder, braucht aber eigentlich kein Schwein.

21.

Toni Kroos wie der Obermacker aus der 12. Klasse, der mit Papas Jaguar zur ersten Stunde vorfährt: drückt einmal aufs Gaspedal und lässt die Muskeln spielen. Seinen inszenierten Angriff schließt Stindl ab, der Ball prallt ab, Kroos verzieht. Dann geht er mit der blonden Jenny ein Eis essen und parkt im Parkverbot, weil Papa die Kohle fürs Knöllchen hat. Und bei mir: Kette ab, nach Hause schieben. "Das Leben ist hart", sagt Mama. Dann spielt sie ihr Handyspiel weiter.

28.

"Jetzt braucht es etwas Raffinesse", ruft der RTL-Mann und meint den bevorstehenden Freistoß der Deutschand. Langes Überlegen bei Kroos und Özil, was haben sich diese raffinierten Techniker, diese Großhirne des Weltfußballs wohl für diese Situation ausgedacht? Was kommt jetzt? Gebannt harre ich vor dem Fernseher, das könnte der größte TV-Moment seit Lady Di werden... Kroos kloppt ihn zum Langen Pfosten auf seinen Längsten Mats Hummels. Das war schon der D-Jugend so raffiniert wie 3D-Schrift auf Hochzeitseinladungen.

31.

Der Mann mag so aufregend wirken wie altes Obst, aber wenn Mesut Özil den Ball am Fuß hat, dann öffnen sich die Wolken und von oben brüllen Fritz Walter, Eusebio und Garrincha vor Freude nach mehr.

33.

Langer Ball der Tschechen, Kimmich springt hoch, bekommt den Ball mit der Fußspitze rückwärts zum Tor stehend und schafft es irgendwie, das Spielgerät zu seinem Torwart zu bugsieren, so als dass es aussieht, als habe er so einen Ball eigentlich nicht habe spielen wollen, es aber doch drauf hat... ihr versteht? Wenn dem so sein sollte, haben wir gerade die Abwehrreaktion des Jahres gesehen.

37.

"Be responsible", fordert eine Werbebande und Toni Kroos übernimmt natürlich sofort die Verantwortung. Ist das stark.

39.

Auf den Tribünen so viel Stimmung wie bei der Ostpro in Friedrichshain, einer Messe, die ich mal besuchte, um mich an Pröbchen von Schnaps und Wurst zu berauschen. Obwohl: als der fesche junge Mann die nächste Staubsauger-Revolution aus Erfurt vorführte, war da richtig was los. Jubelnde Hausfrauen, die entzückt waren, als hätte ihnen Florian Silbereise gerade die Füße massiert.

42.

RTL mau: die Kameramänner haben eine blonde Trulla eingefangen, die sich von ihrem glatzköpfigen Macker in Pose wirft, und dann zusammen Fotos guckt. Wenn Sepp Herberger das wüsste, er würde sich im Regen von Bern ersäufen.

45.

Noch ein Möglichkeitchen für die Tschechen, dann ist hier Halbzeit. Ein Spiel, so aufregend wie H-Milch. Konsumiert man halt, weil eh nichts anderes da ist. Aber wir wissen alle, dass es besser geht. Ich geh mal die schönsten Stellungsspiele von Miro Kadlec gucken, bis gleich.

21:41 Uhr

Die Werbung war auch mal besser. Erinnerungen an Litti:

https://youtu.be/FaPU4u_77MM

46.

Es geht weiter. Wieder diese Kaufhausatmosphäre im Stadion. Wann wachen die hier auf?

49.

Brandt, Werner, Özil. Klingt wie kommende Bundeskanzler, sind aber drei Nationalspieler, die gerade einen hübschen Spielzug nicht beendet haben. Mann freut sich ja hier über alles.

50.

Aha! Chance für die Tschechen und Prag wacht mal ein wenig auf. Kaum brennt die Fackel ein wenig, kommen die deutschen Feuerwehrmänner und klopfen die Flammen mit einem Konter aus. Im Fußball-Himmel winkt Jörg Berger mit dem Sprungtuch.

54.

Den vierten Offiziellen haben wir doch irgendwo schon mal gesehen...

https://www.youtube.com/watch?v=FPRlF9jWNhs

56.

Wie schön, die Tschechen nehmen nun auch am Spiel teil. Deutschland im guten alten Quali-Wackler-Modus, wir sehen Löw, wie er aschfahl seine Ersatzspieler anblafft und hören, wie die Stimme des RTL-Mannes immer anklagender wird. Es liegt was in der Luft. Vielleicht mal ein Gegentor. In Andy Köpkes wachen Torwart-Augen: die nackte Angst.

60.

"Und Eckball Tschechien!" Bei RTL ringen sie jetzt schon mit der Fassung. "Hummels ist da!" Es wird alles gut.

62.

Frage: Kennen die deutschen Nationalmannschaftsauswärtsfans eigentlich auch eine andere Liedzeile aus besagtem Song?

64.

Ich vermisse Lukas Podolski. Der hat selbst von der Ersatzbank aus mehr Hoffnung auf ein bisschen Spektakel gemacht, als die aktuelle Truppe. Da sehe ich top ausgebildete Supergehirne, aber wo bleibt der Proll mit den gefärbten Haaren und dem schwarz gebrannten Schnaps in der Kühlbox, mit dem man immer einen geilen Abend hatte?

67.

Und während wir uns hier langweilen, werden in Aachen Jodtabletten verteilt. Aber nicht an über 45-Jährige. Früher gab es mal einen Spieler, den nannten sie Atom-Otto. Kleiner Funfact.

69.

Schockmoment für all die Bewunderer des schönen Mats Hummels. Er stößt mit der Stirn gegen den weniger schönen Hinterkopf von Ginter zusammen und bleibt kurz liegen. Wir halten den Atem an. Hummels steht wieder. Und sieht sogar noch blendender aus.

73.

"Jogi Löw ist auch ne Flasche", schimpft meine Mutter und lässt mich dann vergeblich auf ein passendes Argument für diese These warten. Stattdessen: "Langweiliges Spiel." Morgen fährt sie mit mir nach Bremen, um an den Stadiontoren zu rütteln und "Vorstand raus!" zu brüllen. Das wird ein schönes Wochenende.

76.

Was der vierte Offizielle in seiner Freizeit macht:
- mit seinem Blick Stahl zerschneiden
- kleine Kinder erschrecken
- mit seinen Augen Diktaturen erschaffen

78.

Und dann, wir drohten schon einzuschlafen und von aufregenderen Freitagabenden zu träumen: TOR! Und was für eins, Darida lässt einen wachsen und schraubt den Ball aus 20 Metern so formschön in den Knick, das dieser verfluchte Sport mal wieder zeigt, was ihn so groß macht: solch ein Tor entschädigt für vieles und verschenkt gratis Endorphine. 1:1.

82.

Löw im Bild. Wirkt alt. Und gebrechlich. Man möchte seinen müden Körper mit Nivea salben und endlich den Helm abnehmen, den er seit Jahren trägt. Dann noch warme Milch und ab ins Bett. Morgen ist wieder ein Tag, kleiner Jogi. "Alles Flaschen", sagt meine Mutter. Da kennt sie keine Gnade. Ihr Mann fordert: "Abpfeifen, 1:1 reicht." Oder so.

86.

Mats Hummels hebt ratlos die Arme, ist verzweifelt, übt schon das Katastrophe, aber wir schaffen das-Gesicht für die Interviews nach dem Spiel. Ob ihn Jens Lehmann dann einmal feste drücken wird? Mit seinem festgefrorenen Lächeln.

87.

Wir labern noch, und da: TOOOR!! 2:1. Freistoß Kroos, Kopfball Hummels, drin. Ganz simpel, dabei doch grandios. Muddern schäumt über diese Ungerechtigkeit, sie ist immer für die Kleinen in solchen Spielen. Ich denke: "Wie ein Weltmeister." Und bin ein ganz bisschen stolz. 

90.+1.

Freistoß Tschechien, 20 Meter Entfernung, Ball liegt mittig...Darida...drüber. Ach, Gott.

90.+3.

Und mit der Routine einer der besten Nationalmannschaften der Welt spielen die Deutschen das runter. 2:1, drei Punkte, Danke, Tschüss. 

Abpfiff

Für solche Spiele wurde der Begriff "Arbeitssieg" erfunden. Und wenn noch jemand was über uns Deutsche lernen möchte, der sollte sich das Fieldinterview mit Thomas Müller geben. Da spricht ein Sieger und ist nur am meckern, weil: es geht ja immer besser. Kommt, Jungs, lasst euch doch mal vom neuen Kapitän einen Kasten in die Kabine stellen und singt unter der Dusche. Auf den Tribünen schimpfen die Fans auf den DFB. Das wunschlos glücklich sein haben wir nicht erfunden. In diesem Sinne: angenehmes Wochenende und Danke fürs dabei sein!

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