Portugal

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Spanien

Liveticker: Portugal-Spanien

Sieg für alle

Ramos gegen Ronaldo, Hierro gegen Lopetegui und also Spanien gegen Portugal. Was wurde nicht alles gemunkelt im Vorfeld dieser Partie?! Und am Ende war es was? Einfach nur ein großartiges Spiel. Ganz ohne Pointe. Warum, weshalb, wieso weiß: der Liveticker.

imago

19.45 Uhr

Gute Nacht. Oder wie man in Spanien sagt: Hierro. Willkommen zum ersten richtigen Kracher-Spieler der Weltmeisterschaft. Der erste Schock meines Abends: Ich habe Stefan Kuntz in Ultra-HD gesehen. Dann der zweite Schocker. Während Kevin Kuranyi im Bild zu sehen ist, betritt meine Freundin das Zimmer und fordert: »Machst Du mir bitte den Ton an?« Und da denkt man, man kennt sich. Was das für das Spiel bedeutet? Nichts. Was sich gut trifft, denn das ist exakt das, was ich zum voraussichtlichen Ausgang des Spiels zu sagen habe. Na, dann, pack mas! Oder wie Cristiano Ronaldo wohl sagen würde: »You me, fuck fuck?« Na klar!

19.47 Uhr

Stefan Kuntz dann mit einer Analyse über Cristiano Ronaldo. Als würde Mutter Beimer eine Einschätzung zu Mutter Theresa geben. Als würde Dr. Oetker an der Pizza-Weltmeisterschaft teilnehmen. Als würde Horst Seehofer das Innenministerium leiten.

19.50 Uhr

Zu den Aufstellungen. Zunächst: Portugal. Was so viel heißt wie: Portugal. Und so spielen die amtierenden Europameister: Rui Patricio - Cedric , Pepe , José Fonte , Guerreiro - Joao Moutinho , William Carvalho - Bernardo Silva , Bruno Fernandes - Goncalo Guedes , Cristiano Ronaldo.

19.51 Uhr

Cedric, Pepe und Goncalo. Das klingt nach großem Zauber, nach Erfolg. Und ein bisschen nach einer dieser Vorstand-Gangs, die seit Wochen geplant haben, den Getränkeautomaten am Provinz-Bahnhof zu knacken. Nur um dann festzustellen, dass das Ding ausgerechnet heute komplett leer ist.

19.53 Uhr

Und hier die spanische Aufstellung: de Gea - Nacho , Piqué , Sergio Ramos , Jordi Alba - Busquets , Koke - Silva , Isco , Iniesta - Diego Costa

19.54 Uhr

Zusatzzahl: keine.

19.55 Uhr

Ach, Freunde. Ich muss gestehen: Ich hab' ein bisschen Bock. Und Lust auf Fußball hab' ich auch!

19.56 Uhr

Die Mannschaften betreten den Rasen auf einer Schneise, die ihnen jeweils von Pepe respektive Sergio Ramos gepflügt wurde. Vielleicht tropt das Haargel von CR7 hinein in die Spur. Sie wird dann hier erwachsen, zum wunderbaren Gel-Baum von Sotchi. Er wird Friede stiften. Und Heerscharen von nachkommenden Männern zur Schönheit führen. Amen.

19.57 Uhr

Aus der Reihe »Gags anreißen, die so schal sind wie das Bier von vorgestern, die man aber einfach machen muss«: Die Spanier singen bei der Hymne nicht mit.

1.

Anstoß Spanien, ausgeführt von Diego Costa – bisher die beste Szene des Spiels.

2.

Bemerkenswert: Wie überaus fair Sergio Ramos bisher spielt.

5.

Elfmeter! Cristiano Ronaldo legt sich denn Ball zurecht und prügelt die Murmel aber mal so dermaßen kompromisslos in die Maschen, als wäre er ein spanischer Steuerbeamter. Ohh, zu früh? Oder darf man schon Witze darüber machen, dass Cristiano Ronaldo heute zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde? Darf man.

7.

»Real hat eine Handgranate in die Baracken der Nationalelf geworfen«, schrieb eine spanische Zeitung vor dem Spiel. Meinte den Trainerwechsel, aber Cristiano Ronaldo hat das mit seiner Elfmeter-Bombe offenbar wörtlich genommen – und wir kündigen unserem Redaktions-Orakel Kassandra, die uns ein Spiel mit der Explosionskraft einer Knallerbse voraussagte. BOOM!

9.

Gert Gottlob hat heute offenbar ein (gefälschtes?) Physik-Diplom in der Kommentatoren-Kabine aufgehängt und behauptet: »Koke hat sich ins Team zurückrotiert.«

13.

Spanien wirkt nach dem Rückstand gelähmt und kraftlos. Kein Wunder bei einem Durchschnittsalter von knapp 30. Bewerben sich freiwillig zum »Essen auf Rädern« ausfahren an der Costa Brava: die 11Freunde-Zivis vom Ticker.

15.

Man muss es mal so sehen: Eingerechnet seines Elfmetertors hat Cristiano Ronaldo bei Weltmeisterschaften gerade mal vier Tore mehr erzielt als ich.

17.

Unter Lopetegui stünde es jetzt hier 1:0 für Portugal. Meine Meinung.

18.

Konterchance für Portugal, Ronaldo mit einer Art Systemfehler, also einem Abspiel an den durchstartenden Guedes. Der den Ronaldo macht und blindlings allein weiter Richtung Tor spurtet. Anstatt zurück zum mitgelaufenen Ronaldo zu geben. So scheitert bald schon am Schatten von Ramos. Und so sieht auch ein CR7 ein: Vorbild zu sein hat auch seine Schattenseiten.

20.

Spanien mit ganz hübschem Klein-Klein hier, aber ohne Zug nach vorn, ohne rechte Idee. Wie ein Band, die sich 25 Jahre nach dem letzten großen Hit zu einem Comeback-Konzert trifft. Und alle haben nur einen einzigen Song vorbereitet.

21.

Iniesta mit einem schönen Dribbling über links, schwebt förmlich in den Strafraum und legt dann zurück auf David Silva. Doch dessen Linksschuss jagt Richtung Krim, nicht Freund, nicht Feind. Immerhin. Schade für Iniesta, den Mann, der immer so aussieht, als könnte er seinen eigenen Geist verschrecken. Aber soll er Trost finden im Umstand, ab der kommenden Saison bei Vissel Kobe mit Lukas Podolski jemanden an seiner Seite zu wissen, der die Dinge aber aha macht. Womit ich eigentlich nur endlich mal sagen möchte: Ein Podolski würde Spanien gut tun.

24.

Vergessen Sie Podolski! Ein Diego Costa würde dem Spiel gut tun! Und er tut dem Spiel gut, denn er erzielt den Ausgleich. Nachdem die Portugiesen nur eine Minute zuvor die Riesenchance auf das 2:0 hatten, doch Goncalo Guedes verhaspelt sich erneut im Dispo seiner Ideen. Und dann also dieser Diego Costa, der sich zunächst im Zweikampf gegen Pepe durchsetzt, was für sich genommen schon mit einem Tor belohnt werden sollte, und auch, wenn es ein wenig nach Ellenbogen aussah. Und der dann zum Tanz bittet, ein bisschen Tango, ein bisschen Salsa gegen die halbe spanische Hintermannschaft. Und dann mitten hinein in den Fado, hinein zum 1:1.

26.

Und gleich der nächste Aufreger! Spanien an die Latte. Von dort schnellt der Ball hinunter Richtung Torlinie, Richtung spanisches Glück. Ein Wembley-Tor? Doch noch ehe die Eilmeildung über eine neu-entdeckte Mittelstrecken-Rakete den Kreml erreicht, gibt die Szenerie Entwarnung. Denn vorher: abseits. Der coitus interuptus des Fußballs.

28.

Und weiter, immer weiter: Freistoß Spanien, Freistoß David Silva aus etwa 18 Metern. Mithin also eine perfekte Situation für einen begnadeten Linksfuß. Aber Lukas Podolski ist noch kein Spanier. Und ein David Silva offenbar nur ein Schatten seiner selbst. Löffelt den Ball ins Harmlose, in portugiesische Körper. Oder wie Pep Guardiola, sein Vereinstrainer, sagen würde: Super Super. Wäre diese Szene Teil eines Tanztheaters, man würde sie »Im Keller der Erwartung« nennen. Oder einfach nur: »Hurz!«

32.

Fehlpass Iniesta! Was kommt als nächstes? Eine gute Idee der AfD? Ein deutscher Meister, der nicht Bayern München heißt? 

34.

So herrlich deutsch wie Gerd Gottlob »Injesta« und »Natscho« ausspricht, kann man sich vorstellen, wie er den Urlaub nach der WM auf einem alman-only Campingplatz in Spanien verbringt und im angeschlossenen Imbiss rumbrüllt: »Hola hola?! Hier noch ein cerveza grande, eh? Und zwar CON reichlich Bierschaumo, amigo!“

38.

Eckball. Beim Gerangel im Strafraum strahlt Pepe mal wieder eine ungemeine Zärtlichkeit aus. So einer lädt sein Date auch zum Eimersaufen ein.

42.

Im Spiel ist gerade nicht viel los. Die Bildregie nutzt die Zeit für Großaufnahmen. Diego Costa zieht nach einem Foul seine wunderbare Schnute und erinnert mal wieder an den seltsamen Großonkel auf Familienfeiern, der nur Menschen ernst nimmt, die auf seine Lieblingsfrage mit JAAAA antworten: »Sagma, hast du eigentlich gedient?«

45.

TOR! Nach einem eigentlich relativ schwachen Ronaldo-Schuss zieht David de Gea einen Tomislav Piplica-Gedächtnisstunt aus dem Hut und lenkt den Ball unglücklich ins eigene Tor. Kein doppelter Boden, der VAR deckt den Patzer auch leider nicht als fein inszenierten Zaubertrick auf. Nein, das passierte wirklich. 2:1 für Portugal. Beide Tore von Ronaldo. Und damit geht's in die Halbzeit.

20.49 Uhr

Nun Susanne Daubner mit der Tagesschau. Die perfekte Mischung aus Angela Merkel und Jogi Löw. Und wie sie da in der Kulisse steht und lebt: Jede Geste, jedes Wort sitzt. Sie ist das perfekte Gefäß aller Nachrichten. Und doch würde man sich wünschen, die Susanne hinter der Daubner kennenzulernen. Und so rufe ich Ihnen zu, Frau Daubner, packen Sie sie aus, die Susanne! Sagen Sie doch mal was Keckes! Eine kleines »Na holla« würde ja schon genügen. Oder ein »na dann« vielleicht. Deal?

20.57 Uhr

Schnitt. Stefan Kuntz. Und plötzlich verstehe ich, was sie immer sagen, wenn sie über Kaiserslautern sagen: eine Region stirbt. In meinem Fall: eine Hirnregion.

20.58 Uhr

Portugal hat noch nie einen WM-Elfmeter verschossen, schulmeistert jetzt Matthias Opdenhövel. Pah. Ich auch nicht. Ihr? Ich würde sogar soweit gehen, zu behaupten, dass selbst Opdenhövel noch nie einen WM-Elfer verschossen hat. Was Stefan Kuntz wohl dazu sagt? Vermutlich: - . Danke auch.

21 Uhr

+++BREAKING: Loris Karius bedankt sich für die Solidaritätsgeste von David de Gea. Schön.

46.

Zu Beginn der 2. Halbzeit begegnen sich die Teams erstmal zaghaft wie eine Highschool-Abschlussklasse am Tanzabend. Keiner traut sich, was zu riskieren, rüber zu gehen und die Hand zu einem Tanz auszustrecken. Pepe ist erstmal vor der Tür: eine rauchen. Diego Costa sitzt alleine eimersaufend nebenan auf dem Parkplatz. Und bietet einen Strohhalm an – zur Versöhnung für den Ellenbogencheck vor dem 1:1.

49.

Ich gestehe: Ich bin süchtig nach einem Stoff namens Iniesta. Jeder meiner Blicke auf den Platz sucht ihn. Jeden seiner Pässe möchte man gurgeln. Wie er über den Platz schlurft, mit diesen traurigen Augen, als könne er sich selbst zum Weinen bringen. Wie er den Ball streichelt, als wäre er die einzige Geliebte, die er je kannte und doch immer ziehen lassen muss, um weiter zu kommen. Was für eine Grandezza, was für ein Mann. Sollte Iniesta sich jemals ausheulen müssen, möchten wir das Kissen sein, das seine Tränen trocknet.

52.

Angesichts dieser hyperglobalen Bandenwerbung im Olympiastadion von Sotschi vermisse ich fast die grundsolide Bundesliga-Banden – und vor allem: »Rinti Kennerfleisch«. Raaaawwwr, da knurrt der Magen.

54.

Fernando Hierro, wie souverän er gestikuliert, als hätte er nie etwas anderes getan als Weltstars zu dirigieren. Ernsthaft, der hat so eine Aura, dass man sich nicht wundern würde, wenn er diesen Freistoß für Spanien per Telekinese ins Tor zwingen würde. Und tatsächlich! Es klappt! TOR! Eine einstudierte Variante, Silva auf Busquets auf Costa, der den Ball über die Linie drückt. 2:2!

58.

WAS. IST. DENN. HIER. LOS? Der ARD-Ton hat sich angemessenerweise schon längst in irgendwelche Schleifen des Internets verabschiedet und so bewundert man in aller gebotener Stille, wie Nacho das Lineal verlegt und einen Strich in den Winkel zieht. Spanien führt!

61.

Das Spiel als Video:

64.

Und plötzlich, mit der Führung im Rücken der Gewissheit, fliegen die Spanier und mit ihnen der Ball über den Rasen. Als wäre jeder seiner Zentimeter eine erogene Zone. Und wir, neutrale Spanier, die wir sind, sitzen mit offenen Mündern vor diesen Bildern und schreien bei jedem Tiki und jedem Taka nur immerfort: Ja! Ja! Genau da!

67.

Portugal hingegen jetzt auf der Suche nach Angelo Charisteas.

70.

Bei Portugal nun Quaresma für Bernardo Silva im Spiel. Bei Spanien geht Iniesta. Für ihn kommt Thiago. Und wenn mich meinen Lippenleser-Kenntnisse jetzt nicht im Stich lassen, sagt Fernando Hierro ihm noch im letzten Moment vor der möglichen Ewigkeit: »Zeig der Welt, dass Du besser bist, als dieser Thiago bei den Bayern.«

73.

Diego Costa eben noch mit einer dicken Chance, fast dicker als sein Hals. Und das will was heißen. Doch mit linken Füßen will es heute nicht klappen, so bleibt es beim 3:2. Und Spanien schaltet so langsam in den »Harlem Globetrotters«-Modus. Lässt Ball und Gegner laufen. Der nächste Dunking ist nur noch eine Frage der Zeit.

76.

Diego Costa beantwortet die Frage nach mitspielendem oder Stoßstürmer mit: beides. So wie ich. Kantet da vorn für drei Gomez, legt ab wie ein Götze und läuft wie ein halber Müller. Und deshalb darf er jetzt auch gehen. Wie ein Schürrle.

78.

Die letzten Wechsel, die Ruhe vor dem Sturm, Durchatmen vor dem Endspurt. Da soll die schönste Meldung des Tages nicht unerwähnt bleiben: Der DFB, namentlich Jogi Löw, hat sich beschwert: Der Rasen im deutschen Trainingslager sei zu hoch. Vielleicht kann der DFB ja Diego Costa anheuern, der gerade ausgewechselt wird. So aggressiv wie er jetzt auf der Bank die Zähne knirscht – man könnte sich Costa auch als Grastrimmer vorstellen.

81.

Kompliment übrigens an die Kollegen der »Süddeutschen Zeitung« für die schönste Beleidigung des Tages: Piqué wurde dort als »Spaltpilz« bezeichnet – und hält sich gerade verdächtig den Bauch. Muss sogar behandelt werden. Magenbekömmliche Genesungswünsche von uns!

84.

Will Portugal das Ding überhaupt noch drehen? Momentan spielen sie das runter, als würden sie schon den Autoschlüssel suchen, um drei Minuten vor Abpfiff aus dem Stadion verschwinden zu können.

87.

Aber auch Spanien reicht's scheinbar. Iago gerade noch mit einem Schüsschen, Marke »Aspas Uralt«. So ein Beruhigungsabsacker muss eben sein nach diesem Wahnsinnspiel.

88.

Kollege Ahrens mit einer Wortmeldung:

88.

Da macht man seine kleinen Witzchen, das Spiel ist durch, meckermecker, da geht nichts mehr. Und dann stolziert Cristiano Ronaldo einfach nochmal zum Freistoß, hebt den gefühlvoll über die Mauer, als müsste ein Fabergé-Ei auf dem Ball balanciert werden, De Gea erstarrt in Ehrfucht und dann liegt das Ding im Tor – zum 3:3!

90+2

Ricardo Quaresma, der alte Künstler, den keinen mehr auf der Rechnung hat, umkurvt nochmal die gesamte spanische Hintermannschaft, aber dann – nunja, Fritz von Thurn und Taxis hätte gesagt: »Dann rutscht da noch eine spanische Haxe rein.«

21:54 Uhr

Abpfiff! Portugal-Spanien, wir sagen mal so: Das war einem Gruppenspiel einer Weltmeisterschaft mehr als würdig. Damit die Erinnerung noch etwas anhält, haben wir uns nach dem Ausgleich durch Ronaldo noch schnell Räucherstäbchen angezündet. WM-Spezial-Geruchsrichtung »durchgeschwitzte Sonnenmilch« und verbrannter Schweinenacken (grüne Einheitsmarinade für 1,29 Euro, abgelöscht mit zwei Litern Bier!!!). In diesem Sinne, meine Lieben, in diesem Sinne gießen wir uns noch einen Portwein auf die angegriffenen Nerven und wünschen einen wunderbaren Abend. Das war ein Fest!