Japan

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Senegal

Japan - Senegal im Liveticker

Honda Schluss-Accord

Ein Spiel wie ein verlässlicher, leistungsstarker Mittelklassewagen: Sah erstmal langweilig aus, hat dann aber richtig Spaß gemacht. Beobachtete das Geschehen vom Kindersitz: der Ticker.

16:47 Uhr

Freunde, herzich willkommen zu Teil 2 dieses zynischen Sozialexperiments, bei dem gandenlose 11FREUNDE-Chefs herausfinden wollen, wie schnell das Gehirn eines Redakteurs verödet, wenn man ihn einsam und allein zwei komplett uninteressante WM-Spiele tickern lässt, die sich sowieso kein Schwein anguckt. Beweismittel #1: Die Ticker-Überschrift, die traurigerweise wirklich das Geistreichste war, auf das ich in knapp fünfzehn Minuten gekommen bin. Bitter.

16:52

Die Flaggen werden entrollt. Schön. So lässt sich Reiner Calmund abends übrigens zudecken, aber das nur am Rande.

16:56 Uhr

Der Senegal träumt noch von 2002, so der Kommenator. Oh Mann, ich auch. 2002. Limp Bizkit in den Charts und Babalou in der Blutbahn. Dann hinter dem Dorfgemeinschaftshaus mit Johanna geknutscht, später wollte mir ihr Freund dann aufs Maul hauen, aber wir vertrugen uns bei einem Bier vor der Dorfdisco. Noch war es ein Jahr bis zum Abi und ich verbrachte die meiste Zeit damit, mich nicht drum zu kümmern, was danach passiert, sondern lieber mit den Kumpels spannende Trinkspiele zu erfinden oder nachts ins Schwimmbad einzubrechen. Ach, achach, süßer Vogel Jugend. Warum bist du nur weggeflogen, und wohin?

16:59 Uhr

Naja, 2018 ist ja auch ok. Bin 20 Kilo schwerer und tickere im Liegen, wegen der Bandscheibe. Verbringe meine Tage außerdem zu 75 % in Jogginhose, habe letztens zum ersten Mal erfolgreich eine Steuererklärung gemacht und einmal im Monat treff ich mich mit meinen Jungs aus der Magic-Karten-Gilde, wo wir dann über mit Käse überbackene Dinge reden, oder über das neue Clearasil für den Rücken. Läuft.

1.

Anstoß. Endlich wieder Fußball, ich war schon ganz unruhig.

3.

Bin übrigens für den Senegal. Aus Gründen.

7.

Fühlt sich komisch an, so zwei Spiele nacheinander allein zu tickern. Alle paar Minuten ein Gag, reingefeuert in ein Vakuum, aus dem nichts zurückkommt. Kein Kollege, der neben einem sitzt und ab und zu grunzend irgendwas anmerkt. Kein wohliges Plopp einer geöffneten Bierflasche. Nur die Leere der eigenen vier Wände und das weiße Rauschen des ARD-Kommentators. Fühlt sich an wie das arbeitsmäßige Equivalent zur Eröffnungsszene eines Zombiefilms, wo ja immer erstmal jemand aufwacht, meist ohne Erinnerung, und die Welt erkundet, die plötzlich wie völlig ausgestorben ist. Ist da jemand? Bin ich allein? Kann ich in der Halbzeit die Wohnung verlassen, um mir beim Späti Kinder Schoko Bons zu kaufen, oder werde ich dann von einer Horde Zombies überwältigt, die mich bei lebendigem Leib fressen? Und: Wäre das wirklich schlimmer als hier Japan gegen Senegal zu tickern?

11.

Leute, gut gemeinter Tipp: Nie bei Youtube nach Kagawa-Songs suchen. Da tut sich ein Abgrund auf, der bis zum Rand mit Betroffenheit gefüllt ist.

14.

Und TOOOOOOOR für den Senegal. Weitschuss, den der Torwart locker wegfausten kann, was er auch tut, dummerweise leider an das Knie von Sadio Mané, der einen Meter vor ihm steht. Unglücklicher hat nicht mal Axel Schulz seinne Fäuste benutzt.

16.

Fragen am frühen Abend: Ist Mané vielleicht nur die senegalesische Form von Manni? Und heißt der Mann dann eigentlich Manéfred und wir alle benutzen völlig distanzlos einfach seinen Spitznamen?

20.

Japan bislang übrigens exakt so gefährlich, wie man es von einer Nation erwarten würde, deren bester Stürmer lange Jahre Naohiro Takahara war.

29.

Inui jetzt am Ball. Takashi Inui, Wahnsinn. Den hab ich ja ein paar Jahre in Frankfurt gesehen und muss nach zahllosen Kullerbällen in aussichtsreicher Schussposition sagen: Dass der Mann es ohne Knochen und Muskeln im rechten Bein zu einer WM geschafft hat, finde ich wirklich bemerkenswert.

37.

Und dann, na klar, Inui mit dem Tor, den ich gerade noch verspottet habe. So wie vorhin schon, beim Torschützen Panamas. Mir scheint, es passiert immer das Gegenteil von dem, was ich schreibe. Dann hätte ich jetzt absolut ungern einen Grillteller vom Kroaten. Und im Lotto gewinnen will ich auch nicht. Und dass sich Universal auf mein Demotape mit Volksmusik-Rap zurückmeldet, will ich auch nicht. Ganz und gar nicht. Schnüff.

44.

Uuuuuuh, dann Niang mit der Riesen-Chance aufs 2:1 für den Senegal. Damit hätte er sein Land in die Zwischenrunde und sich in die ewigen Geschichtsbücher schießen können. Forever Niang, quasi. Muss aber anscheinend im letzten Moment an Alphaville denken, die ja auch irgendwie Recht hatten: Do you really wanna live forever?

17:47 Uhr

Halbzeit. Ich mach mal ein paar Liegestütze wegen der drohenden Thrombose-Gefahr.

17:48 Uhr

Scherz. Ich geh in die Küche und trinke einen großen Schluck aus der Gewürzketchup-Flasche. Bis gleich.

17:59 Uhr

Tagebucheintrag, 24.6.2018.
Stunde 4 des Tickermarathons. Es wird schlechter. Die Stimmen in meinem Kopf sind jetzt die der Fantastischen 4 und Clueso, sie debattieren über die Bedeutung des Wortes »Zusammen«. Jede Anmoderation von Opdi oder Bommes beziehe ich auf mich. »Und ab nach Moskau«, sagen sie. Was? Nein! Ich will nicht nach Moskau. Nicht schon wieder. Moment, ich war noch nie da. Oder? Kalter Schweiß. Eine Expertenmeinung von Hitzlsperger: »Klare Sache, Depersonalisierung, außerdem Wahnvorstellungen und Ideenflucht. Ich glaube, er dreht durch. Dr. Rethy, nehmen Sie den Patienten bitte auf. Er kriegt ein Zimmer mit Steffen Simon.« Oh Gott, was? Schwindel, Herzrasen. Auf meiner Sofakante manifestiert sich ein imaginärer Freund. »Ich bin Palina«, sagt sie. Kribbeln in Händen und Füßen, mir wird schwarz vor Aug...

46.

Weiter geht's. Laut ARD-Experte Franz Beckenbauer steht es hier nach wie vor 1:0 für die Liebe, aber das kann eigentlich nicht sein. Ich guck nochmal nach.

47.

Geil, Senegal stößt an, Sadio Mané spielt ohne Umwege den ersten Fehlpass. Und irgendwo in Frankfurt-Bornheim steht Steppi an einer hölzernen Theke und murmelt: »Na sag ich doch.«

51.

Mané mit den nächsten Fehlpass.Gleich pfeift er noch »Abenteuerland« und dann haut er in der 95. einen Freistoß in den Knick.

58.

Wie witzig wäre es eigentich, wenn die ARD-Moderatoren für die WM einfach im Studio wohnen würden, so als WG.

Bommes: »Thomas, was denkst du über die Taktik von Japan.«
Hitz: »Das sag ich dir erst, wenn du abgewaschen hast. Du bist dran.«
Bommes: »Was? Bin ich gar nicht. Opdi ist dran.«
Opdi: »Ich hab aber keinen Bock.«
Hitz: »Da geht's nicht um Bock. Wir wollen uns hier alle wohlfühlen.«
Opdi: »Achja? Dann hör du mal auf, hier abends Leute zum Feiern mitzubringen, ohne das mit uns abzusprechen.«
Hitz: »Ich bitte dich. Wir waren extra leise.«
Bommes: »Also ich finde, da hat der Opdi Recht. Da waren Weinflecken auf dem Teppich, die waren vorher nicht da.«
Opdi: »Und ihr habt in die Bierflaschen geascht. Das is echt eklig.«
Hitz: »SAGT DER TYP, DER SICH AM FRÜHSTÜCKSTISCH DIE ZÄHENNÄGEL SCHNEIDET!!!«

59.

Hasebe nach einem Schlag jetzt butend an der Seitenlinie. Man nennt ihn nicht umsonst den Sebastian Rudy Japans.

63.

Jesses, Osako mit der Riesenchance, tritt aber einen Meter vor der Linie ein Luftloch. Tja, man kriegt die Leute vom 1.FC Köln weg, aber den 1.FC Köln nicht aus den Leuten.

68.

Inui mit der nächsten Großchance, soliert sich durch die Abwehr und legt dann einen wunderschönen Heber auf die Latte, was so eine Sache ist, die er bei Eintracht Frankfurt nie gemacht hat. Ob gerade irgendwo Heribert Bruchhagen in einem staubigen Arbeitszimmer irgendwo in Ostwesfalen sitzt, zwischen Fax-Gerät, Kicker-Sonderheft 1998/99 und einem backsteingroßen Handy und ein gerührtes »Das ist mein Junge« in den Zigarettenrauch flüstert?

73.

Und TOOOOOOOR Senegal, kleiner Zidane-Trick an der Grundlinie, dann der scharfe Flachpass und Moussa Wague haut den Ball kompromisslos unters Tordach. 2:1 für den Senegal. Da fällt mir ein altes sengalesisches Sprichwort ein: Wer nicht waguet, der nicht gewinnt.

80.

Jungejunge, hier geht's echt ab: 2:2, Flanke, Torwartfehler, Querpass, Honda, Tor. Endlich bringt die Honda mal die PS auf die Straße. Hust.

85.

Hier nochmal das Tor in der Wiederholung. Kein Tiger Kick, aber dennoch sehr schön.

87.

Jetzt kommt der Stürmer Mame Diouf ins Spiel. Oder wie er in Nordhessen heißen würde: Mame Nochemoh en Tor.

89.

Oha, unschön. Zwischen den Ersatzbänken hat sich ein aggressiver Mob Ü50-Schläger aus dem DFB-Funktionsteam versammelt. Haben diese Chaoten noch immer nicht genug?

90.

Vier Minuten Nachspielzeit. Das reicht bei dieser WM ja für knapp acht Tore.

94.

Und das war's: Honda setzt hier den Schlussakkord und Japan und Senegal trennen sich Unentschieden. Ein Spiel wie ein verlässlicher, leistungsstarker Wagen aus der Kompaktklasse, an dem man richtig Spaß hat, obwohl er eigentlich eher langweilig aussieht. Verbleibt mit einem freundschaftlichen Brumm Brumm: euer Tickerheini.