Senegal

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Kolumbien

Im Liveticker: Senegal-Kolumbien

Kalter Kaffee

Gratulation an die Cafeteros, Kolumbien steht im Achtelfinale. Nach einem Spiel gegen den Senegal, das quasi ohne Koffein auskommen musste. Der Ticker soff Lack.

15:50 Uhr

Oi, oi, Freunde! Wie geht es euch? Noch Hass auf Özil und Co.? Die Nacht wach gelegen und nach geeigneten Nachfolgern für Jogi gesucht? An Erich Ribbeck gedacht und Alpträume bekommen? Schöne Möglichkeit, den Dreck von gestern zu vergessen: Senegal gegen Kolumbien gucken. Oder noch besser: den Liveticker lesen.

15:55 Uhr

20.000 Kolumbianer im Stadion, 65.000 sind zur WM gekommen. Mehr Fans sind nur da aus welchen Ländern? Brasilien. Und die USA. Dort nimmt man derzeitig offenbar jede Gelegenheit wahr, um ein wenig Abstand zwischen sich und diesen sprechenden Cheddar-Käse zu bekommen. Was er wohl über das Aus der Deutschen denkt? Gibt es bald Strafzölle für deutsche Fußballer? Vielleicht kommt ja Schweini dann zurück, beerbt Jogi und räumt in Katar alles ab. Möglich. Wie sagte doch Dettmar Cramer einst? "Alles hängt irgendwie zusammen. Sie können sich am Hintern ein Haar ausreißen, dann tränt das Auge."

15:58 Uhr

Kurz zur Ausgangslage: Senegal und Japan punktgleich, Japan reicht ein Sieg oder ein Unentschieden, Kolumbien muss das Ding hier und heute gewinnen, Senegal darf nicht verlierren, schmeckt alles nach attraktiver Ausgangslage. Schön für uns. Zumal mir dieses Gefühl völlig neu ist: die WM als Außenstehender zu beobachten. War letztmalig nach dem räudigen Viertelfinale 1998 so. Kroatien, Suker, die Älteren von euch werden sich daran erinnern.

1.

Wann fing das eigentlich an mit diesen nervigen Spitznamen für Nationalmannschaften? Reicht "Nationalmannschaft von xy" nicht mehr? Sind das Marketinggründe? Ist Mercedes daran Schuld? Und wo steckt zu diesem Zeitpunkt eigentlich DIE Mannschaft? Ist sie schon auf DEM Heimweg? Hier jetzt: Anstoß.

3.

Natürlich farbenfroh gekleidete tanzende Senegalesen auf den Rängen. Wird eigentlich irgendjemand die Pepita-Hut-tragenden Deutschen vermissen? Und hat es die Berliner Stadtreinigung geschafft, die vielen 1000 Liter abgeheultes Schwarz-Rot-Gold von den Straßen zu wischen?

6.

Schon jetzt mehr Tempo als in allen drei deutschen Spielen zusammen. Von der Seite will mir Mario Gomez eine kleben. Aber er trifft nicht.

7.

Immer noch nicht im Bild: Carlos Valderrama und René Higuita. Fallen ja auch nicht so auf, die Herren. Haarte Zeiten für 90er-Jahre-Nostalgiker wie mich. Klaus Augenthaler trocknet meine Tränen mit einer Grätsche. Danke, Auge.

10.

Erstes Flänkchen in den kolumbianischen Straftraum fängt Torwart Ospina routiniert ab. Hat das sympathisch hemdsärmelige Aussehen eines stets Öl-verschmierten KfZ-Mechanikers, der sich im Fachgespräch mit einem weißen Lappen die Hände säubert. Gleich verkloppt er Mané einen Satz neuer Felgen.

12.

Freistoß Kolumbien, Quintero lässt einen wachsen Richtung Torwarteck, N'Diaye blockt den Ball nach außen. Neuer Trend bei dieser WM: Freistöße aufs Torwart-Eck. Auf der Tribüne ölt sich El Loco das Haar und denkt an seinen Skorpion-Kick gegen England. Dass sich das nicht durchgesetzt hat, bitter.

15.

Und Senegal macht genau das, was ich gestern von Deutschland erwartet hatte: Wenn schon nicht mit feinem Geist, tretet ruhig die Knöchel heiß. Oder so. Knüppeln kernig in jeden Zweikampf, es staubt und jault und Kolumbien weiß schon jetzt: es wird heute weh tun. Sehr weh tun.

16.

ELFMETER! Oder doch nicht? Dieser verdammte Videobeweis, man traut seinen eigenen Ticks nicht mehr. Mané rauscht in den Strafraum, Sanchez grätscht ihn ab, alles klar, Herr Komissar? Von wegen. Sanchez, die Kameras zeigen ist, berührt den Ball mit der Hacke, bevor er Mané legt. Schiri Mazic nimmt seine Entscheidung zurück. Puh.

20.

Warum heißt es eigentlich Video-Beweis? Hommage an die gute alte Zeit? Was kommt als nächstes? Scouting-Berichte nur noch auf Kassette? Marco Reus, wie er supercool seine kleinen Plüschkopfhörer in seinen Discman stöpselt?

23.

Seien wir ehrlich: noch nicht eine wirkliche Torchance hier. Ein gegenseitiges Neutralisieren wie beim Jahrestreffen der Schweizer Diplomaten-Elite.

25.

Danke, Falcao. Köpft eine Freistoß-Flanke knapp über das Tor, mein Puls geht zum exakt zwei Schläge nach oben, beruhigt sich aber sogleich, denn der Radamel stand im Abseits. Ächz.

28.

Mané mit diesem neckischen blonden Streif auf dem Schädel, wie man ihn sonst nur bei Kleinstadt-Frührentnerinnen sieht, die mal "was Pfiffiges" ausprobieren wollten. Gleich packt die Mané die mitgebrachten Koteletts aus, trinkt preisgünstigen Sekt und flirtet mit dem Schaffner im Regionalexpress Richtung Vogelpark Walsrode.

30.

Kolumbien fällt bislang nix ein. "Den Mesut Özil machen", wie es in der Fachsprache heißt.

32.

Ein kleines Drama inmitten der großen Ödnis: James Rodriguez muss raus, offenbar "muskuläre Probleme", was auch immer das heißen mag. Glatte Brüche zählen heutzutage nur noch in der Mathematik. Otto Rehhagel löst eine Gleichung mit dem kleinen Finger.

35.

Supercoolster Trainer bei dieser WM: Senegals Aliou Cissé. Beste Frise, der ganze Mann optisch eine Mischung aus Dancehall-Frontmann und Außenminister. Muss Jogi Löw, wenn er zurücktreten sollte, eigentlich seine Frisur zurückgeben? Ist doch hundertpro von Playmobil gesponsert.

38.

Ganz ehrlich: die Gruppenphase geht mir auf den Zeiger. Wie viele wirklich gute Spiele haben wir bislang bei dieser WM gesehen? Eben. Möge uns das Achtelfinale ein bisschen Glanz verschaffen, ein bisschen Drama, ein paar Zweikämpfe, in denen das Testosteron bis nach Deutschland schwappt. Stattdessen: Freistoß Senegal. Sané prügelt das Ding auf die Tribüne. Icke Hässler bricht weinend zusammen.

40.

José Pekermann. Was er wohl sonst macht, wenn er nicht gerade Nationalmannschaften bei Weltmeisterschaften begleitet? An seinem weißen Flügel sitzen und drei Stunden lange Stücke komponieren? Als Gast-Dozent an der örtlichen Uni über die soziologischen Untiefen lateinamerikanischer Auswanderergruppen in den 50er-Jahren referieren? Oder säuft er Schnaps mit Diego und beleidigt fremde Mütter im fleckigen weißen Feinripp?

43.

Längst vergessene Reporter-Phrasen: jemandem "den Schneid abkaufen". Hier gerade benutzt worden, um die Biestigkeit Senegals zu beschreiben. Kurz darauf: der nächste weite Ball ins Nichts. Dieses Spiel bislang schmerzhaft wie eine Geschlechtskrankheit.

Halbzeit

Mein Gott, nach gestern dachte ich: schlimmer geht es nimmer. Aber dieses "Spiel" belehrt mich bislang eines Besseren. Das Niveau bei dieser WM wie auf dem Celler Schützenfest gegen 2 Uhr in der Früh. Aber da kannste wenigstens Autoscooter fahren und eine Schlägerei beobachten. Ich bin dann mal kurz raus für ne Lüttje Lage. Bis gleich, ihr Helden.

46.

Ganz wichtig, dass die ARD eben noch zwei Minuten Japan gegen Polen gezeigt hat, falls jemand was über den Kick wissen möchte, möge er mich gerne anrufen, ich bin jetzt im Bilde, konnte mir einen genauen Eindruck verschaffen, bin die Laufwege abgegangen, weiß alles. Danke, Steffen Simon. Danke, ARD.

50.

Derweil in einem Flugzeug Richtung Frankfurt am Main: Leon Goretzka schreckt aus einem unruhigen Schlaf hoch, sein T-Shirt schweißnass, er schreit und brüllt, muss von Manuel Neuer beruihgt werden. Alles gut. War nur ein schlimmer Traum: ein Mann mit komischer Frisur und einer verstörenden Leidenschaft für Bauchnabelfussel und Nasenschleim, hatte ihn auf Rechtsaußen gestellt. Im entscheidenden Spiel der Gruppenphase! Neuer deckt den jungen Mann mit seiner Ausstrahlung zu. Alles wird gut.

53.

Senegal macht da weite, wo man eben aufgehört hatte: was bei drei nicht in der eigenen Hälfte ist, wird gnadenlos über den Haufen getreten. Weit entfernt sitzt Jürgen Kohler vor dem Fernseher, nickt grimmig und streuselt sich noch ein paar Eisensplitter auf den Pflaumenkuchen.

55.

Inzwischen mehr Langholz als in jedem Sägewerk. José Pekermann ordert kopfschüttelnd einen Kasten Starkbier für seine Vorarbeiter und scheißt einen Lehrling zusammen.

58.

In seinen Kontakten sucht zeitgleich Olli Bierhoff nach möglichen Gesprächspartnern für die Löw-Nachfolge und löscht seufzend die Nummer von Peter Neururer. Berechtigte Hoffnungen bei Berti Vogts und Uli Stielike!

60.

Auf der Ehrentribüne stößt Carlos Valderrama mit El Hadji Diouf zusammen, bricht schreiend zusammen und muss zwölf Minuten lang behandelt werden. Erst das Riechsalz von Faustino Asprilla bringt den alten Kollegen wieder auf die Beine. Higuita lächelt versonnen, zeigt auf die nun wieder an der Theke stehenden Freunde und sagt: "Hinten dicht." Was auch immer das heißen mag.

62.

Steffen Simon hat eben die Kunde überbracht, dass Polen gegen Japan führt. Und für exakt zwei Minuten kam hier so etwas wie Euphorie auf. Vielleicht habe ich mich auch nur von der angehobenen Stimme von Gerd Gottlob irritieren lassen. Wie auch immer, bei diesem Gruselkick hier bin ich dankbar für alles. Freistoß Senegal, Mané läuft und legt sich beim Schuss auf die Fresse. Ganz ehrlich: ich hab nix anderes erwartet.

65.

Und das Ding ist: Stand jetzt wären auch noch beide Teams im Achtelfinale. Durchwurschteln, um in der wunderbaren Welt der Fußball-Sprache zu bleiben. Für alle Vegetarier: durchtofuisieren.

66.

Ach, du Schreck, eine Chance! Und noch eine! Vielleicht das beste Kack-Spiel aller Zeiten.

67.

Aha, zumindest staubt es jetzt. Langer Ball auf Muriel und Senegals Keeper N'Diaye grätscht rein, als gäbe es keinen Morgen mehr. Mit solchen Zweikämpfen werden anderortig Atome geteilt, hier geht es weiter. Ball gespielt, eine Entschuldigung, die im Fußball selbst den Gebrauch von schweren Schusswaffen rechtfertigt.

70.

Wenn mich mein Spanisch nicht täuscht, höre ich die Fans gerade den alten Klassiker "Oh, mir tun die Augen weh" singen. Könnte aber auch "Das war super, das war elegant" oder "Kolumbien vor, noch ein Tor" sein, bin mir nicht zu 100 % sicher.

71.

Sabaly humpelt angeschlagen vom Platz. Ich vermisse die Golfkarren von der WM 94. Babyschaukel-Nostalgiegruß von hier!

74.

Na also: TOOOOOOOOORR!!!! 1:0 für Kolumbien! Flanke von rechts, Yerry Mina stirnt das Ding per Aufsetzer ins Tor. Bedanke mich recht herzlich, dass ich so nett geweckt wurde.

78.

Und auf einmal ist hier was. Nicht nur, dass sich die Kameras dazu entschieden haben, endlich mal Carlos Valderrama zu zeigen, nein, jetzt kommt Senegal doch tatsächlich zu einer Torchance. Kein Scheiß! Bleibt trotzdem beim 0:0.

81.

Senegalisische Fußballer, die eigentlich dazu auserkoren waren, ihr Land ins Achtelfinale zu bringen und fast so heißen, wie eine Achtziger-Jahre-Beschwerde: Mané.

84.

Gottlob spricht von einem erhöhten "Dramaeffekt", ruft dann bei seiner Frau an, macht Schluss, kündigt bei der ARD, beschimpft Steffen Simon via Whatsapp und postet auf Facebook Fotos, die ihn gemeinsam mit Donald Trump zeigen. Macht dann alles wieder rückgängig. Der Mann lebt für seine Kommentare.

86.

Senegal jetzt in Abendgardrobe: Sakho kommt. Schlipsho und Frackoh müssen noch draußen bleiben.

88.

Vielleicht sollte sich irgendjemand die Mühe machen und Senegal Bescheid geben, dass auch bei dieser WM Tore geschossen werden müssen und nicht ergrätscht, gepressschlagt oder umgenietet. Wäre dieses Turnier ein Cage-Match, wäre diese Mannschaft mein klarer Favorit. Natürlich neben Nature Boy Ric Flair.

90.

Neunzigste. Und wenn Senegal jezt hier und heute rausfliegt, dann haben sie es leider auch nicht anders verdient. Habe im gesamten Spiel zwei Chancen gezählt. Maximal. Das Deutschland Afrikas.

90.+3.

Ein wirklich furchtbar unattraktives Spiel geht dem Ende entgegen und ich bin nur froh, dass in der Gruppenphase noch keine Verlängerung möglich ist. Es wäre zuviel des Räudigen gewesen.

90.+4.

Mané klaut erst seinem Mitspieler die Pille und lupft ihn dann ins Nirgendwo. Nehmt diese Szene, malt sie auf, druckt damit Postkarten und verteilt sie als Erinnerung an das Ausscheiden bei diesem Turnier. Porto zahl ich.

Abpfiff

Kolumbien 1, Senegal 0. Obwohl Japan verliert, ist Senegal raus. Wegen der verdammten Fairplay-Wertung. Vinnie Jones for Fifa-President! Der Ticker macht sich vom Acker und fährt mal wieder ins Grüne, was Schönes sehen, um die fußballlahmen Augen reinzuwaschen. Peace out.