Saudi-Arabien

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Ägypten

Im Liveticker: Saudi-Arabien gegen Ägypten

Kantersieg des kleinen Mannes

Saudi-Arabien gewinnt in letzter Sekunde und wird doch noch Tabellendritter der Gruppe A. Das bedeutet: fast nichts. Hat sich trotzdem am Kick erfreut: der Ticker. 

15:51 Uhr

Freunde, Saudi-Arabien gegen Ägypten. Ein Spiel um die Goldene Ananas, das wäre schon ein Euphemismus. Eher ein Spiel um die Goldene Brombeere. Ach was, um die noch nicht ganz so verschimmelte Kartoffel. Aber was soll's, wir sind ja nicht unter Gourmets. Deshalb: Bon appetit.

1.

WM-reif: der Anpfiff.

3.

Das Spiel läuft übrigens bei ZDFinfo. Mein Gott, ich glaube wirklich, auf dem Lerchenberg hassen sie die Kollegen vom Schwesterkanal, hätten ihnen ja wenigstens das interessantere Spiel geben können, wenn sie schon übertragen. Aber was weiß ich schon. Habe mich wochenlang durch Statistiken geblättert, Prognosen studiert und tickere jetzt hier.

5.

Aber keine Sorge, lieber Leser, wir werden eine tolle Zeit zu zweit haben.

9.

Das Spiel wird übrigens in SD übertragen. Oder wie wir sagen würden: Der Qualität angepasst.

14.

Aber der Fußball schreibt auch in diesen Spielen die schönsten Geschichten. Immerhin darf Ägyptens 45-jähriger Torwart Essam El-Hadary zwischen die Pfosten, ist damit der älteste WM-Spieler aller Zeiten. Nach Jens Nowotny (wahrscheinlich).

19.

Was zurzeit spannender ist als dieses Spiel:

- Ein Schachmatch gegen sich selbst
- Die Ostergrüße des Papstes in allen Sprachen der Welt
- Schach
- Ostern
- der Papst

21.

Und jetzt doch: TOOOOOOR für Ägypten! Mohamed Salah nimmt einen langen Pass an, spitzelt ihn mit der gleichen Bewegung über den herausstürmenden Torwart. Ein Tor, viel zu schön für einen ZDF-Festivalsender. Und es ist schon sein zweites WM-Tor, vielleicht wird er heute noch WM-Torschützenkönig. Ich würde es ihm gönnen.

32.

Schneider brüllt »Trezeguet!«. Diese All-Star-Games nehmen aber auch Überhand.

38.

Und jetzt.. Elfmeter! Weil Ägyptens Fati die Flanke der Saudis mit der Hand abwehrt. Oder wie sie dort sagen würden: »Papa gibt ein aus!«

40.

Und was für eine Heldentat! Essam El-Hadary ist 45 Jahre alt, 1,88 Meter groß und wächst über sich hinaus. Ach was, macht sich in einem einzelnen Moment unsterblich, weil er den Elfmeter an die Unterkante der Latte lenkt. Von dort springt der Ball aus dem Tor und hinein ins Herz eines jeden Fußballromantikers.

45.

Alter, der kolumbianische Schiedsrichter zeigt schon wieder auf den Punkt. Für einen kleinen Körperkontakt im ägyptischen Strafraum. Wenn der Mann so weiterpfeift, zeigt er heute noch der Nächstenliebe die Rote Karte.

45.+3

Unfassbar, Freunde, der Schiedsrichter schaut sich die Szene noch hundertmal auf dem Bildschirm an. Zwischendurch laufen vielleicht aus Protest die Szenen zweier sich streichelnder Männer. Und der Referee zeigt trotzdem auf den Punkt. Würde mich nicht wundern, wenn ägyptische Fans heute noch mit Geldscheinen wedeln würden.

45.+4

Saudi-Arabien trifft. Ein geschenktes Tor. Wobei, bei dem Geld, was dort augenscheinlich geflossen ist, kann man von einem Geschenk nun wirklich nicht sprechen.

16:52 Uhr

Schiedsrichter Perez pfeift zur Pause. Zumindest das ist eine richtige Entscheidung. Herzlichen Glückwunsch.

46.

Der letzte Pfiff. Und die zweite Halbzeit beginnt auch.

48.

»Ich bin gespannt, welche Pointen dieses Spiel noch bereithält«, sagt Schneider. Ich sag mal: Wenn ich jemandem die »Pointen« der ersten Halbzeit zuschreiben müssten, würden Ralf Schmitz und Luke Mockridge zur engeren Auswahl stehen.

55.

Erste Chance für Ägypten: Nach einer Flanke steigt Trezeguet am höchsten, ach was, er springt mehrere Meter in die Luft zum Kopfball. Noch ein bisschen höher und er könnte nur per Sprungkraft der Sphinx die Nase reparieren.

59.

Aber bei allem Respekt, was für ein Irrsinn diese WM sein kann, zeigt doch dieses Spiel. Das Stadion ist zur Hälfte gefüllt. In Wolgograd, wo bisher England, Tunesien, Island und Nigeria gespielt haben. Nicht gerade die Hochkaräter unter den Vorrundenspielen. Und in drei Tagen werden noch Japan und Kolumbien hier Station machen. Und dann ist Ende. Dann kommt Ronny Schäfer vorbei und sagt: »Einpacken!« Hat nämlich keinen Bock mehr. Weil die Millionen-Karawane weiterzieht, nach Katar, und keine Lust mehr auf Wolgograd hat. Dort spielt dann demnächst Zweitligist Rotor Wolgograd und versucht an den WM-Spririt anzuknüpfen. An jene Tage, als Al-Moghawi einen Ball 20 Meter übers Tor senste und Abdel-Shafy blindlings ins Aus lief.

65.

Tolle Sache. Die Spieler verteilen jetzt schon die WM-Bälle ans Publikum, keine Absperrung kann sie an diesem Plan hindern.

74.

Noch eine gute Viertelstunde zu spielen. Und beide Mannschaften verabschieden sich von diesem Turnier wie ein Abiturient auf seinem Ball von der alten Schule. 8 Jahre hart geschuftet, nur um am letzten Abend völlig betrunken an einem Waschbecken zu lehnen. Die Tanzpartnerin längst verekelt. Und die kurze Smokinghose, die man für einen tollen Gag hielt und sich in der Rückschau sehr für schämen wird, in der Mitte verdächtig feucht. Alles in allem: komplett entwürdigend.

83.

Zur Stunde spielt übrigens auch FC Lahti gegen Kuopion PS in der finnischen Liga. Nur falls 3sat oder ARD.festival auch noch Fußball zeigen möchten. Man weiß ja nie.

87.

Es werden übrigens noch Wetten angenommen wie weit Mo Salah im Abseits stehen darf, bevor der Linienrichter eigenständig und ohne Zuruf die Fahne hebt.

89.

Vier Minuten Nachspielzeit gibt's obendrauf, zeigt der Assistent an. Wie eine Schülerband, die noch einmal auf die Bühne zurückkehrt, obwohl niemand »Zugabe!« gerufen hat. »Okay, okay. Ein Stück machen wir noch. Dann ist aber wirklich Schluss.«

90.+3

Muss man aber auch beiden Mannschaften lassen: Sie haben ehrlichen Fußball gespielt. Daran ändert auch das Corporate Design und all die Sponsoren der Fifa nichts. Hier haben sich zwei Teams zum Kick getroffen und würde es nicht gegen alle religiösen Gefühle sprechen, sie würden sich wahrscheinlich gleich ein Weizen öffnen und gemeinsam einen netten Abend haben.

90.+4

Und jetzt schießt Saudi-Arabien wirklich noch das Siegtor! Durch Salem, aus unmöglichem Winkel, der anschließend jubelt wie einst Miroslav Klose. 16 Jahre nach der großen Schmach, zwölf Tage nach der etwas kleineren Schmach schießen die Saudis das 2:1. Der Kantersieg des kleinen Mannes, des Gruppendritten.

18:03 Uhr

Und das war es dann auch. Saudi-Arabien gewinnt, Schiedsrichter Perez verliert (vielleicht) eine Wette und Mo Salah den Glauben an seine Nationalmannschaft. Wir machen es wie die Spieler, sagen tschüss und: auf bald! Denn es war sehr schön.