Russland

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Kroatien

Im Liveticker: Russland gegen Kroatien

Russisch tot

Russland gegen Kroatien, ein Spiel wie ein Behördengang. Am Ende bringt Rakitic im Elfmeterschießen den Kroaten ein Märchen und dem Gastgeber die Sommerdepression. Scheidet bei solchen Kicks lieber freiwillig aus: der Ticker. 

19:25 Uhr

Freunde, what a Samstagabend to be alive. Überraschungsgastgeberkandidat Russland gegen Geheimglasklarfavorit Kroatien. Ein Spiel voller unaussprechlicher Namen, rohem Fußball und feinem Fuß. Vielleicht. Tickert für euch: Jonah »Viertel« Lemm und Tobias »Finale« Ahrens. 

19:33 Uhr

Um uns auf diesen Kracher des Ostfußballs einzustimmen, essen wir seit heute Morgen Cervapcici, tanzen Kasatschok und hören für den ganzen tiefen Griff in die Stereotypenkiste diesen Track: 

19:40 Uhr

Eine halbe Stunde vor dem Anpfiff zeigt die ARD den Fall Subasic vor. Der kroatische Torwart wurde mit einer Geldstrafe belegt, weil er unerlaubterweise das Foto eines vestorbenen Freunds auf seinem Tshirt trug. Lächerlich, findet Experte Hitzlsperger das, verglichen mit radikalen Plakaten oder rassistischen Sprüchen. »Ja, damit könnten wir den Abend füllen«, wedelt Bommes ab. Aber wer will schon schlechte Laune während des Fußballfests Weltmeisterschaft, hm?! Oder weiß Bommes schon mehr, bringt sich für eine Nachfolge als DFB-Manager in Position. Keine Kritik, schnell weiter Fußball, alles andere: ein Missverständnis. 

19:44 Uhr

Das Spiel übrigens heute in Sotschi. »Das is scho au a entspannter Ort«, soll ein sichtlich verwirrter Jogger auf der Strandpromenade gesagt haben. Immer wieder ängstlich zurückblickend, als würde ihn eine Horde Fernsehjournalisten verfolgen. Doch da ist: nichts. 

19:50 Uhr

Während Hitz und Bommi und Matti im Hintergrund noch ein bisschen orakeln, bleibt mir Zeit für einen kleinen Kaffee. Und mir fällt ein, während ich den Zucker (immer zwei Löffel, mindestens, denn ich bin Lebemann) in die Tasse gebe, dass nur noch fünf Spiele fehlen bis der Zirkus seine Zelte in Russland abbricht bzw. einfach stehenlässt und weiterzieht. Und in wenigen Wochen geht's weiter. Mit Berichten vom Supercup, Transfertickern und Texten über Meppen, oder schlimmer: Osnabrück. Und leise entfährt mir ein lautes: Juhu! 

19:53 Uhr

Und jetzt das Duell der fehlenden Vokale. Wie gemacht für #zssm. Stattdessen: UdSSR und Hrvatska. Was auch immer das alles bedeuten soll. Und was Oli Bierhoff da hinein interpretiert. 

19:56 Uhr

Sowieso, die Kroaten, was für eine Adrenalintruppe. Würde Putin oberkörperfrei auf einem russischen Braunbären einreiten, die Kroaten lägen lachend auf dem Boden. Das letzte Mal, dass sie so weich waren, war beim Versteckspielen in Dubrovnik. Da waren sie fünf und verprügelten Touristen. 

19:58 Uhr

Immer wenn jemand Cheryshev sagt, bekomme ich mächtig Durst auf Dr. Pepper. 

19:59 Uhr

Unglaublich, was die Russen bis hierhin geleistet haben. Wer hätte aus so einem Trümmerhaufen eine funktioniere... Moment mal!

1.

Anstoß. Russland hält die Null. Das könnte ein langer Abend werden. 

2.

»Heute geht es nicht nur um einen Sieg, heute geht es auch um Ruhm und Ehre«, sagte Gottlob gerade noch, rammte dabei eine ARD-Standarte in den PVC-Boden seiner Reporterkabine, zog sich eine Römerrüstung über und erlegte vor Anpfiff fix einen Bären, allein mit seiner Gabe, unwichtige Dinge künstlich zu überhöhen. Wir sind ganz gerührt und lassen uns noch schnell die Basilius-Kathedrale in die Achselhöhle tätowieren. Los geht's!

3.

Russland gegen Kroatien also, im Viertelfinale. Ist ja auch ein bisschen so, als ginge man in den Louvre und dann sind da nur Bilder einer Grundschulklasse ausgestellt. Und ganz am Ende, auf der größten Leinwand, hängt eh das hässliche Stillleben einer Kirche von dem Kind, dessen Vater dem Lehrer wieder einen Zehner zugeschoben hat. Und dem sich keiner traut zu sagen, dass sein Blag einfach kein Talent besitzt. Da fällt mir ein: Hat einer die Nummer eines gewissen Wladimir P.?

4.

So, die Russen schweißzornen sich schon hier das zweite Mal durch die kroatische Abwehr, als ginge es tatsächlich um die Legitimität ihres Landes. Dsjuba bekommt den Ball hoch aufgelegt, knallt einfach mit circa 300 km/h drauf, allerdings nicht aufs Tor, sondern auf einen kroatischen Verteidiger. Der fliegt aus dem Stadion und landet irgendwo in Bayern. Und auf der Bühne wird sich notiert: »Für die Balkanroute merken.«

7.

Auch Kroatien mit einer ersten Möglichkeit. Aber Akinfeev, dieser Herzensbrecher, zückt sein Handy und blockt Mandzukic einfach. Ich finde: Über ihre Probleme sollten sie zumindest noch einmal miteinander sprechen.

9.

Perisic holt eine Ecke raus. Die tritt Modric direkt in einen russischen Verteidiger. Geklärt. Einen schlechteren Standard kenne ich nur von Dieselfahrzeugen aus den 80er-Jahren.

10.

Immerhin: Die russischen Fans haben Spaß. Müssen sich ja auch sonst immer Eishockey anschauen. Also verständlich.

12.

Ein russisches Zuspiel fliegt nach vielen Metern in der Luft irgendwo ins Nichts. Und an der Seitenlinie sieht Tschertschessow so wütend aus, dass er sich wahrscheinlich gleich selbst einwechselt. Als Flankenkampfpilot.

13.

Nun denn, liebe Zuschauer, falls Sie Lust haben, heute Abend wenigstens ein bisschen im Fernsehen unterhalten zu werden: Auf RTL läuft die »Ultimative Chart Show«. Ich tippe: Die schönsten russischen Volkslieder. Platz eins: Single Ladies von Beyoncssr. »And if you like it then you should have putin a ring on it«. Oder so.

17.

Für mich klar: Hier spielen jetzt beide Teams auf Elfmeterschießen.

19.

Unsere Kollegen von fußballdoping.de beobachten übrigens den Kilometerstand der Mannschaften, weil Dopingvorwürfe der russischen Mannschaft und so. Das Ergebnis nach knapp 20 Minuten: 9.30Min/km für jeden Spieler. Mit Doping kann das nun wirklich nichts zu tun haben. Würde mich nicht wundern, wenn der Besenwagen gleich die ersten einsammelt. 

21.

Das Spiel bisher aber eher wie bei meinem kroatischen Imbiss um die Ecke: Quantität vor Qualität. 

23.

Was Igor Akinfeev tun könnte, bevor ihn ein kroatischer Spieler anläuft: 

- Krieg und Frieden lesen..
- Den Sechzehner abspazieren, das am Ende wieder Dopingvorwürfe laut werden
- Schlafen
- Die Fortsetzung von Krieg und Frieden aufschreiben. Auf einer Schreibmaschine, auf der sich nur das »A« verwenden lässt

25.

Dzyuba und Domagoj Vida im Zweikampf. Der Russe nickt anerkennend. 

»Toller Pferdeschwanz«
»Danke«
»Und 'ne super Frisur«

26.

Das Gesicht zur 25. Minute: 

28.

Die Russen, die mit Mario Fernandes ja sowieso schon einen Brasilianer im Team haben, spielen jetzt richtig Fußball. Das Tiki-Taka des Ostens, verläuft sich im Seitenaus. Aber egal. Könnte es sein, dass die Russen einem wahnwitzigen Plan folgen und die Stärken ihrer Gegner kopieren, nachdem sie sie besiegt haben? Die Defensive der Urus. Die, ich weiß auch nicht, der Saudis. Das Ballgeschiebe der Spanier. Wenn sie heute noch die Kroaten schlagen, dann wären sie unbesiegbar. Meine Meinung. 

31.

Und jetzt: TOOOOOR für Russland. Cheryshev, dieser menschgewordene Flummi, wie in einer fiesen Berliner Pop-Diskothek: umringt von vier Kroaten. Tut dann das, was es zu tun gilt, in solchen Situationen: nimmt allen Mut zusammen und hält einfach mal drauf. Mit dem gleichen Ergebnis, denn wenn die Kroaten nicht zurückschlagen, wird er sich diesen Abend noch heute auf den Bauch tätowieren.

32.

Hören Sie das? Das ist eine Bronzegießerei in Kaliningrad, die die ersten Cheryshev-Statuen fertigstellt.

34.

Man muss sich das also mal vorstellen: Die Zauberer sind aus dem Turnier - Messi, Ronaldo, Iniesta. Und dann kommt Cheryshev, ein Mann wie ein Baustellenzaun, der auch problemlos auf einem Gerüst im Wedding marlborohustend Steine mit seinem Schuh kaputtpresslufthammern könnte und macht hier eine der schönsten Buden des Turniers. Es wird ja immer gesagt, dass die Russen die Kräfteverhältnisse in der Welt mächtig verschieben. Dass das aber auch für Vollspannschüsse gilt, hatte ich nicht gewusst.

37.

Subasic fährt währenddessen seine Vordermänner an: »Jungs, lasst ihn das nächste Mal in den Strafraum kommen und legt ihn um. Dann haben wir wenigstens eine kleine Chance.«

39.

Und: AUSGLEICH! Mandzukic hat so viel Platz auf links, dass er sich erst durchdribbelt, dann noch schnell hochhält, einen Salto schlägt, ein Einfamilienhaus baut und genüsslich eine Zigarre im Wintergarten raucht. Dann Zuspiel auf Kramaric. Der ist blank und muss nur noch den Kopf hinhalten. Eine unschöne Szene, sicher nicht jugendfrei. Die Kindersicherung meines Fernsehens greift, das Bild ist weg. Aber ich bin mir sicher: 1:1.

43.

Und Tschertschessow reagiert prompt: Animiert die russischen Fans noch lauter zu schreien. Die Risikotaktik des kleinen Mannes, hat er wohl bei der Lektüre von »In 10 Schritten zum Kult-Kreisliga-Trainer« gelernt. Ich freue mich auf die Pressekonferenz im Vereinsheim. Hicks.

45.

Gleich Halbzeit. Gottlob fazitet: »Irgendwann ist auch mal gut.« Ist das noch Sportkommentar oder schon Regimekritik? Wir bleiben dran.

45.+1

Beide Teams bolzen das Ding jetzt hier entspannt in die Pause. Kommen kaum aus der Mitte los. Vielleicht mal Nachhilfeunterricht bei der CSU nehmen.

45.+2

Halbzeit. Oder wie es in Russland heißt: »Nachladen«.

20:49 Uhr

Tagesschau. England setzt sich für eine Freihandelszone mit der EU ein. Will gerne noch ein paar Halbfinals importieren.

20:52 Uhr

Die Tagesschau mit den... Nachrichten. Ein kleines bisschen Konstanz in diesen unruhigen Zeiten. Erstes Thema: Brexit. Und wenn ich das richtig verstehe, sollten wir alles daran setzen, dass die Engländer den verdammten WM-Pokal nicht gewinnen. Den bringen die nämlich nicht nur Home, den rücken sie danach auch gar nicht wieder raus.

20:57 Uhr

Die ARD mit ihrem Trailer zum kommenden Til-Schweiger-Tatort. Zwei Männer tun so, als wären sie treudoof und gucken Fußball, obwohl eigentlich der Krimi läuft. Peinliches Gelächter. Zugegeben: Die Idee war beim ersten Mal ganz lustig. Beim dritten Sehen bin ich nur noch froh, wenn die Show vorbei ist. Quasi der »Las Ketchup Song« unter den Werbeblöcken.

20:59 Uhr

Noch einmal das Tor von Cheryshev. Wunderschön. »Das Bild lässt er sich daheim aufhängen«, meint Hitzlsperger. Klar, darunter dann die Aufschrift: »7.7.2018: Russland - Kroatien 1:4.«

21:01 Uhr

Die Experten wundern sich, dass Kramaric so freistehend das 1:1 machen durfte. »Die Russen sind bekannt dafür, dass sie eng am Mann stehen.« Ich finde ja, 30 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion, könnte man es auch mal gut sein lassen mit den KGB-Klischees.

46.

Alte Abfahrtsregel: Wer »Rus« sagt, muss auch »Ski« sagen. In diesem Sinne: Wiederanpfiff.

47.

Aus unserer beliebten Serie »Phrasen, die so schön sind, dass ich ganz richtig traurig bin, sie nicht im Alltag verwenden zu können«: »Beide Teams unverändert zurück«. Ende der Serie.

49.

Kramaric bekommt den Ball nach einer verunglückten Flanke. Tänzelt dann hin und her, hat irgendwie Krach mit dem Ball. Das letzte Mal, dass ich jemanden derart die Kontrolle verloren gesehen habe, kippte die Person nur Augenblicke später mitsamt Stehtisch um.

51.

Aber Kramaric will gleich beweisen, dass er die Orientierung noch nicht verloren hat. Wie ein Betrunkener, der aus der Gaststätte stürzt und schon aus Prinzip mit dem Fahrrad heimfahren wird, ehe er dann merkt, dass er seit einer halben Stunde auf dem Fahrradständer sitzt. In jedem Fall: Kramaric mit Fallrückzieher. Der zwar leider nichts knapp einbringt, aber schön zu sehen, wie der Mann seiner Chance hinterherschaut wie einem Toto-Lotto-Tippschein bei der er jede Zahl um eins verpasst hat.

53.

Blöd: Russlands Granat noch immer nicht auf dem Platz. Gut: Der Mann hat heute genauso viele Pässe an seine Mitspieler gebracht wie im Achtelfinale.

55.

Frage: Wenn Russlands Stürmer heute noch ein Tor schießt, ist er dann der neue Dzyubastar?

57.

Akinfeev guckt mittlerweile so wehleidig, als würde er mit sich und der Welt und überhaupt hadern. Ein Fatalist, allein unter Kämpfern. Sieht vor seinem inneren Auge schon wieder die Elfer auf sich zu fliegen. Es wird auch alles immer nur noch schlimmer.

60.

Dinge, die genauso viel Druck haben wie ein kroatischer Angriff:

- ein leeres Bierfass
- ein weißes T-Shirt
- Menschen nach dem Toilettengang

61.

Ach, was rede ich hier, ich Nichtswisser: Irgendwie geht es ja immer. Kroatien sich dann doch in den russischen Strafraum gemogelt, aber: Aufgeflogen. Drei russische Verteidiger stürmen auf den Ball zu, als wollten sie ihn zerbeißen oder zumindest anzünden, es muss schnell gehen, gleich explodiert's. Perisic fasst sich einen ordentlich Fuß und pöllert das Ding drauf. Innenpfosten. Das Benching der Fußball-Liebe.

63.

Und immerhin: Rebic. Kommt, warum auch immer, über links und das gefährlicher als einst die Kommunisten. Geht einfach durch und passt den Ball wunderbar hinein, wo Kramaric lauert. Für das Ende der Szene bitte runterscrollen. Weiterhin: 1:1.

65.

»Sieht ja echt wieder so aus, als gibt das wieder ne Verlängerung«, sagt mein Vater, mit dem ich heute ausnahmsweise zusammenschaue, weil ich keinen eigenen Fernseher besitze und gestern die Couch meines Mitbewohners mit Jogurt versaut habe (sorry, nochmal!). Also Verlängerung, hm, schwierig. Vater ascht die Kippe ab, schaut kurz nachdenklich in den Garten als würde er gleich freiwillig zur Folter antreten. Und auch ich habe Angst, dass bei einer Verlängerung irgendwas schlimmes passieren muss, ich weiß nur noch nicht was. Zumindest, das ist klar, noch mehr russische Spielminuten bei dieser WM. Und das ist ja schon schlimm genug.

67.

Torschütze Cheryshev geht, muss noch eine Autogrammstunde geben, ein Einkaufszentrum eröffnen und Neugeborene segnen. Es kommt: Smolov. Von mir aus.

70.

»Sie kommen einfach nicht«, sagt Gottlob über die Kroaten. Und man muss sagen: Zum Glück. Denn einen Domagoij Vida will ich dabei wirklich nicht sehen.

72.

Die Russen mit einem Offensivakzent. Kennt man ja, zum Beispiel aus Gesprächen, die Kneipenschlägereien vorausgehen. Auch Golovin kennt das, baut sich mutig im kroatischen Strafraum auf. »Komm her, komm her!«, bellt er die Gegner an. Es kommt aber nur der Ball bei ihm an. Aber damit kann er ja nichts anfangen. Vorbei, alles vorbei.

75.

Was die Kameras nicht zeigen: Auf der Tribüne machen Putin und Infantino zusammen ein »Powernap«. Auf einer vergoldeten Matratze. Aus Geldscheinen.

77.

»Keine Verlängerung, alter«.

79.

Gazinsky wird für Dzyuba, meinen absoluten Lieblingsspieler in dieser russischen Mannschaft, eingewechselt. Aber ich weiß nicht, was die Jungs dort treiben, auch Gazinsky schnüffelt wieder an seinen Fingern. Vielleicht ist es Ammoniak, vielleicht ist es aber noch viel schlimmer...


83.

Was die Auswechslung von Dzyuba aber auch zeigt: Gedanklich sind die Russen schon beim Elfmeterschießen. Würde mich nicht mehr verwundern, wenn Tschertschessow gleich noch einen zweiten Torwart einwechselt. 

84.

Die kroatischen Offensivbemühungen bis hierhin eher so zähic. 

88.

Auf der anderen Seite wirft man den Russen vor, dass sie viel zu viele Kosten auf sich genommen hätten für diese WM. Aber wenn es schon wieder in die Verlängerung gehen würde, die Russen also noch mehr WM hätten... Ich meine, das muss man doch mal auf die Minuten umlegen! Ist das vielleicht alles ein perfider Plan? Würden die Russen eigentlich, wenn sie dürften, nach 90 Minuten den Sack zumachen. Aber sie müssen einfach immer weiterspielen per Dekret des Finanzministers.

89.

Oh nein! Subasic verletzt sich bei einer Rettungstat, scheint sich den Oberschenkel gezerrt zu haben. Das Kuriose: Jetzt, weil Kroatien schon dreimal gewechselt hat, müsste ein Feldspieler ins Tor. Kroatien nur noch zu Zehnt. Aber in zwei Minuten dürften sie wieder wechseln. Subasic muss durchhalten. Ich, ganz Stratege, sag es mal so: Schießt, ihr nichtsnutzigen Russen, schießt!

90.

Intelligent, die Kroaten, lassen den Ball jetzt einfach an der gegnerischen Eckfahne laufen. Das offensichtlichste Zeitschinden seit der Privatisierung der Deutschen Bahn.

90.+3

Und jetzt: Die dicke Chance für Russland. Die natürlich wissen, dass Kroatiens Keeper angeschlagen ist. Smolov probiert es aus dem spitzesten Winkel seit dem Flatiron Building. Und Subasic ist völlig überrascht, kann aber prallen lassen. »Frrrrech, das Ding«, sagt Gottlob. »Frrrrrrech, der Frrrranzose«, sagt Fritz von Thurn und Taxis.

90.+5

Freunde, was soll ich sagen, es hilft ja nichts. Wir kommen nicht drum herum: Es gibt noch mehr Fußball.

21:56 Uhr

Es wird noch kurz Subasic' Allerwertester massiert. »Nicht so fest«, hört man ihn kichern. Ist das schon dieses Tantra?

21:58 Uhr

Noch kurz Teamkreis aka Motivationsreden-Geschwurbel bei Kroatien. Auf der anderen Seite: Tschertschessow, allein vor der Tribüne, mit gelangweiltem Blick. Hat seinen Spielern die Motivation vor dem Spiel einfach schon in die Trinkflasche gerührt. Clever.

91.

Hält das Niveau niedrig: der Wiederanpfiff.

92.

Der ganze Bums beginnt nach kurzem Kennenlernen mit einer Ecke Russlands. Schön ist die aber nicht. Wann endlich schenkt jemand diesen Leuten vor Standards einen Lonely Planet?

93.

Immerhin: Subasic spielt weiter. Kann ich aber auch verstehen, dieses Spiel ist ja eine einzige Verletzung. Und zwar am guten Geschmack.

94.

Vrsaljko zeigt dafür an, dass er raus muss. Hat einen akuten Fall von Vokalfehlolitis.

96.

Jedes Spiel, das bei dieser WM bisher in die Verlängerung ging, ging auch ins Elfmeterschießen. Oder um es auf »gut« bis »besser« deutsch zu sagen: Scheiße.

98.

Hier eine kurze Zusammenfassung der bisherigen Chancen beider Teams:

100.

Schreck lass nach! Smolov kann noch rennen (also locker joggen, was bei Tempolevel »Renter beim Nordic-Walking« aber reicht) und fällt im Strafraum. Schiedsrichter Ricci aber lächelt nur, schüttelt den Kopf und lässt weiterlaufen. Sadist!

101.

Danke, danke Gott! Vida bekommt den Ball wie direkt aus dem Himmel entsendet nach einer Ecke auf sein Ohr oder seinen Pferdeschwanz oder seine Geheimsratsecke, scheißegal, das Ding prallt an seiner Hochglanzbirne ab und kugelt wie ein verschlafener Igel nach einem langen Sommertag langsam in Richtung Ende. Was auch immer Akinfeev da macht, es bringt nichts, nichts bringt noch was, zum Glück. Ball im Netz. Gemeinhin als »Tor« bekannt. 2:1.

102.

Kann bitte irgendwer irgendjemanden schmieren, damit spontan wieder das »Golden Goal« eingeführt wird? Frage für meine Nerven.

105.+1

»Nachspielzeit der ersten Hälfte der Verlängerung« ist übrigens Russisch für Albtraum.

105.+2

Wie der Ticker aussehen würde, wenn wir die gleiche Motivation hätten wie beide Teams: ungefer so denjke iivch.

22:19 Uhr

Vida löst damit vorerst die drängendsten Probleme. Wird von der CDU sofort zwangseingegliedert.

22:20 Uhr

Also wenn ich Stadion-DJ in Sotschi wäre (gut, das führt jetzt zu weit, aber egal), dann wüsste ich aber, was ich auflegen würde: 

106.

Die guten Nachrichten: Es ist der letzte Wiederanpfiff.

107.

Was die Kameras nicht einfangen: Wie zwei russische Mediziner an einem großen Bottich Ammoniak rühren. »Sollen wir das noch alles wegschnüffeln?«, fragt Tschertschessow besorgt. »Ja, klar«, sagt einer, während er darunter schon das Feuer entfacht. »Entschuldigung, kennen wir uns?«

109.

Sitze hier gerade in Moabit und wundere mich, dass ich Gottlob kaum noch verstehe. Nein, nicht logisch, sondern akustisch. Bis mir auffällt, dass rundherum geböllert wird wie bei einer Silvesterparty für Vierzehnjährige. Berlin, das kroatische Sommerwunderland.

110.

Was Daniel Subasic heute auch noch sichert:

- Reinhold Messner am K2
- die amerikanisch-mexikanische Grenze
- drei Geldtransporter vor Xatar.

113.

Pivaric mit dem Handspiel am Sechzehner. Will es nicht gewesen sein, reklamiert, doch die Bilder zeigen: Eine Entscheidung, so klar, dass nichtmal Rolf Bossi die Verteidigung angenommen hätte.

114.

Und jetzt: TOOOOOOOR für Russland! Ein Tor, für das das Wort »ausgerechnet« erfunden wurde. Denn ausgerechnet Mario Fernandes trifft. Ausgerechnet der, der gar kein Russisch spricht. Der, so wie sein Trainer sagt, »die Antwort auf dem Platz gibt«. Und genau das tut er. Der Mann, der nicht weiß was »Antwort« auf Russisch heißt. Aber es ist sicher etwas krachendes, brachiales, so anstrengend auszusprechen, dass man nickt und springt gleichzeitig. 2:2.

115.

Und neben mir explodiert ein letzter kroatischer Böller. Der Trotz des kleinen, kroatischen Mannes.

117.

Tschertschessow, der Dirigent an der Seitenlinie, muss jetzt wieder das Publikum beruhigen. Wendet sich zu seinem Co, ihm geht die Jubelei total auf die Nerven: »Können die nicht endlich die Schnauze halten?«

118.

»Gut möglich, dass uns das größte Drama noch bevorsteht«, meint Gottlob. Mich erinnert das ja alles an deutsche Fernsehkomödien - 120 Minuten Krampf für einen einzigen Lacher.

120.

Kroatien und Russland - gefangen in einer Parallelwelt. Die Russen jubeln schon bevor das Elfmeterschießen beginnt, weil sie wissen, sie hätten es nicht verdient. Und Kroatien, erneut einen sicheren Sieg verschenkt.

22:41 Uhr

Kroatien gewinnt den Münzwurf. Modric fragt bei den seinen nach: »Wollen wir gewinnen oder verlieren? Okay, alles klar. Alles auf die 6.«

0:0 (immer noch)

Smolov, der unzehnigste Zehner, den ich je gesehen habe, tritt an und... trifft nicht. Mit dem unpanenkigsten Panenka aller Zeiten. Ach was, Panenka, er würde sich im Grab umdrehen, wäre er schon tot. 

0:1

Brozović ballert das Ding rechts rein, dass die Tauben in Moskau noch aufschrecken. Kroatien, meine Freunde, führt.

1:1 (immer noch)

Kovacic entdeckt seinen Innenrist. Blöde Idee, luschiger Schuss, Akinfeev klatscht das Ding weg, als wäre es eine Kneipenschlägerei.

1:1

Dzagoev weist erst den Subasic zurecht und trifft. 1:1.

1:1 (immer noch, wirklich)

Und jetzt Fernandes. Hat den Vorteil, dass er gar kein Russisch spricht. Kann sich also gar nicht verwirren lassen ... und verschießt! Sein ganzes Selbstbewusstsein in diesem Schuss, links vorbei. Mist.

1:2 (na also)

Modric schießt (mal wieder) schlecht, Akinfeev hält, aber der Ball möchte einfach ins Tor, zur Not auch über den Pfosten. Nun gut.

2:2

Ignazevisch. Ein Mann, der aussieht, als hätte er Erfahrung im Russisch Roulette. Trifft. 2:2.

2:3

Immer Vida Samstags pferdeschwanzt er das Ding rein. Schön.

3:3

Kuzyaev, mit mehr Druck als Han Solo und Luke Skywalker im ersten StarWars als sie.. ach egal.. Kuzyaev, er trifft. Der C3PO der Russen.

3:4

Irgendwie, irgendwo, Ivan! Trifft, unspektakulär, gar langweilig, aber er trifft. Kroatien ist weiter, Russland in der Sommerdepression. Bleibt nach diesem Krampf nur noch zu sagen: Na endlich!

22:55 Uhr

Wenn alle von der Partie reden und du nicht eingeladen bist. 

22:59 Uhr

Russland, ein Gastgeber, dem man natürlich immer mit gemischten Gefühlen begegnet ist, ist raus. Aufgrund kleinen Fußballs, trotz großem Kampf. Und irgendwie macht es dann doch traurig. Wenn man Akinfeev auf dem Rasen sieht. Das beschissenste Sommermärchen seit Deutschland gegen Portugal. 

23:05 Uhr

Womit auch klar ist: Palina macht sicher einen großartigen Job als Außenreporterin. Als spontane Analystin der sportlichen Niederlage aber nicht besser zu gebrauchen als jeder andere Public-Viewing-Besucher. Hoffnung, Herz, Fix und Fertig. Und das ist ja irgendwie auch alles, was man wissen muss. 

23:07 Uhr

Symbolbild.