Frankreich

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Argentinien

Im Liveticker: Frankreich gegen Argentinien

Mbappé zu, Argentinien tot

Für einen kurzen Moment schien der Titelfavorit ausgeschieden, dann fand Frankreich den Schaltknüppel und schaltete: nach vorne. Mit einem überragenden Kylian Mbappé, einem verrückten Spielverlauf und einem Ticker, der nur hinterherlief. 

15:45 Uhr

Es gibt keine Sicherheiten mehr! Deutschland ist in der Vorrunde ausgeschieden, CDU und CSU streiten sich. Wenn jetzt noch Jürgen von der Lippe einen schlechten Gag macht, können wir uns nur noch am Sitzkissen klammern. Bis dahin aber: Frankreich gegen Argentinien, das Duell der Unverlässlichen. Na dann. Tickert für euch: Tobias »50:50« Ahrens.

15:50 Uhr

Und Matthias Opdenhövel, der so aussieht wie sich unsere Oma ihre Schwiegersöhne immer vorgestellt hat, droht: »Es könnte das letzte WM-Spiel für Lionel Messi sein.« Aber nun gut, auch »Opdi« hat seine Karriere bei VIVA begonnen. Die Fixer-Vergangenheit unter den Moderationslebensläufen. Sollen wir dem jetzt vertrauen? Oma räumt schon das Tafelsilber ein.

15:55 Uhr

Die französische Hymne ertönt. Die »Marseillaise«, was ein komischer Name für diese Mannschaft ist, wo doch alle bei Paris spielen. Nun gut, die »Parisien« war schon von Durex eingekauft.

15:57 Uhr

Die Argentinier lachen alle während der Hymne, können selbst nicht glauben, dass sie im Achtelfinale stehen. Wenn sie heute weiterkommen, kann die russische Regierung die Kabinenluft als Lachgas verwenden.

15:59 Uhr

Die Argentinier hätten lieber gegen die Schweizer antreten sollen. Welches Land hat die bessere Bank? Wir bleiben neutral.

1.

Anstoß. Bis hierhin das beste Achtelfinale bei dieser WM.

2.

Pünktlich zum Beginn möchten wir auch die 23 Deutschen grüßen, die sich die WM fortan von der heimischen Couch anschauen möchten.

4.

Geht schon kräftig los. Spieler werden umgetreten, Freistöße, Flanken, sogar Halbchancen. Ist das endlich die WM, die uns allen versprochen und für die Russland das ganze Geld bezahlt hat?

6.

Mbappe, der sein ganzes Geld, das er bei dieser WM einnimmt, einem guten Zweck zukommen lassen will, wird von Mascherano eiskalt umgetreten. Der Argentinier, ganz den Regeln des modernen Fußballs konform, bedeckt danach den Mund beim Reden, aber ich bin mir sicher den Begriff »linksversiffter Gutmensch« gelesen zu haben.

8.

Und Griezmann tritt an, der Ball segelt die Mauer, scheint perfekt zu sei - Dong! Nur ans Aluminium. Das letzte Mal, dass ich so eine gewaltige Latte gesehen habe, war ein DFB-Spieler im Sommerurlaub.

10.

Und jetzt: Elfmeter für Frankreich! Weil Kylian Mbappe die letzten Monate in einem TGV-Stellwerk verbracht haben muss. Zündet noch vor der Mittellinie den Turbo, sprintet so schnell an Mascherano vorbei, dass sich dieser noch im Laufen einen Rollator bestellt, und wird dann im Strafraum umgerissen. Ein Spielzug, bei dem jeder BVG-Beamter tränende Augen bekommt. Also ruhig nochmal aufs Klo: In Berlin hat dieser Strafstoß fünf Minuten Verspätung.

12.

TOOOOR für Frankreich. Weil Griezmann antritt und dabei derart cool bleibt, dass mit ihm Napoleon Bonaparte in Moskaus Winter eine echte Chance gehabt hätte.

15.

Und Argentiniens Reaktion? Fällt eher ruhig aus. Weiterhin muss Lionel Messi jegliche Verantwortung tragen, seine Mitspieler suchen ihn derart penetrant, dass sich in Deutschland längst Datenschützer erhoben hätten.

18.

Was ist denn hier los?! Wieder ein langer Ball auf Mbappe, weil Pogba super schnell reagierte und einen Freistoß sofort ausführte. Aber was heißt schon superschnell, in einer Zeit, in der Kylian Mbappe lebt? So eher eine »doppelte Mbappe« Reaktionszeit, während der Stümer in einer »hundertstel Mbappe« über den Platz gespurtet ist und sich am Strafraumeck foulen lässt. Die Franzosen erfinden hier gerade eine neue Sportart, und die Toten Hosen singen bald vom »Blitzkrieg Pog«.

20.

Gemein: Die Franzosen haben nach Auswertung der Fernsehbilder zwei weitere Pogbas in der Hinterhand. Würde mich nach zwanzig Minuten nicht wundern, wenn Hajo Seppelt bald ein geheimes Fußballlabor in der Normandie entdeckt.

27.

Aber auch Argentinien mal mit einem Angriff, nun ja, einer missglückten Schussflanke, die plötzlich doch gefährlich wird. Und Mercado mit dem »Das ist 'ne Karte«-Move des 21. Jahrhunderts: fordert den Videobeweis, weil irgendeine Hand im Spiel gewesen sein soll. 

28.

Was ich von Mercado halte? Ich sag mal so: Ottensen hat schönere Ecken. 

31.

Eine noch schlimmere Entwicklungen dieser Tage sind übrigens Tippspiel-Experten-Seiten bei Facebook. Irgendwelche 16-jährigen Kiddies, die laut EU-Recht eigentlich noch gar nicht wetten dürften, aber ständig irgendwelche Fantasiescheine in die Höhe halten. Sieg für Rennes, Kazantip und Algiers FC. Zehner drauf und Abfahrt. Das dreißig andere Tipps für die Tonne waren, wird nicht natürlich nicht erwähnt. Ab morgen dann: Tippscheine, dass Frankreich einen zweiten Elfmeter erhalten wird. Mit Sensationsquote: Du zahlst noch oben drauf.

35.

Hier wird gerade derart viel gehackt, der Chaos Computer Club geht noch in der Halbzeitpause auf Mitgliederwerbung.

38.

Pavard und Griezmann nehmen im Alleingang die argentinische Defensivstruktur auseinander. Ein-zwei Doppelpässe und es entstehen Räume, größer als die Milchstraße. Und irgendwo in Bremen-Vegesack sitzt Jürgen Trittin und denkt beim Anblick dieser Abwehrspieler stolz an die Einführung des Flaschenpfands.

40.

VERGESST ALLES! Gerade noch wirkte Argentinien so, als würden die Mannschaft schon in der Halbzeitpause die Koffer packen und aus dem Stadion schleichen, und dann schießt Angel di Maria das Traumtor dieses Turniers. Mit einer Ankündigung, so groß wie sein Anlauf: gleich Null.

42.

Und jetzt sind sie alle da. Die Fans, die Spieler, Diego Maradona! Und vor allem: der argentinische Kampfgeist. Erst tritt Messi nach Varane, dann setzt Javier Mascherano zur Grätsche an. Derart übermotiviert habe ich zuletzt meinen kleinen Bruder gesehen, als er das erste Mal alleine Auto fahren durfte. Er konnte, im Gegensatz zu Mascherano, den Crash noch vermeiden. Hier müssen derweil die Opferzahlen noch geschätzt werden.

44.

Ist jetzt einer dieser Momente, in denen man dem Schiedsrichter die Pfeife wegnehmen möchte. Damit beide Mannschaften zum Celebrity Deathmatch antreten können. Und damit es auf gar keinen Fall eine abkühlende Halbzeitpause gibt.

45.

Griezmann auf Außen, versucht ins Dribbling zu gehen, aber wird gestoppt. Mascherano hilft ihm auf, streichelt ihm über dem Kopf, Griezmann - überrascht von so viel Herzlichkeit - lächelt ihn an. Auf seinem Rücken nur ein kleiner Post-It: »Kick me!«.

45.+1

Schiedsrichter Faghani mit dem Halbzeitpfiff. Die schlechteste Entscheidung bis hierhin, finde ich.

16:58 Uhr

Während wir in der Pause weilen, macht Deutschlands großer Telekommunikationsanbieter Werbung für Livestreams und Adel Tawil. Habe ich auch ausprobiert, 30 Sekunden lang, jetzt bewege ich mich im Internet langsamer als Javier Mascherano bei Frankreichs Kontern. 

46.

Und Anstoß. Mascherano kickt den Ball per Fluggrätsche weg. Oder wie die Johannes-Gutenberg-Ultras unter uns sagen: Zeichen gesetzt.

48.

Und jetzt? TOOOOOOOOOOOOR für Argentinien! Bei einem Freistoß aus dem Halbfeld kommt irgendwie, warum auch immer Messi an den Ball. Schießt aufs Tor und, wahrscheinlich hat ihn Messi vorher dort abgesetzt, Mercado stellt sich in den Weg, fälscht den Ball perfekt ab. 2:1 für Argentinien.

53.

Das Problem der Franzosen: Messi hat noch gar nicht getroffen. 

55.

Fazio ein Tor! Argentinies Verteidiger stupst den Ball am herausstürmenden Armani vorbei, sodass Griezmann dazwischen spurten kann. Die größte Chance für Frankreich seit Sexion d'Assaut.

57.

TOOOOOR für Frankreich! Durch einen Spieler, der Parvard heißt und für Stuttgart spielt. Der nach diesem Tor aber Parvars heißen und nie wieder Stuttgarts Trikot tragen wird. So unfassbar schön und toll und wuchtig ist das 2:2. Volley unter den Ball geschlenzt. In einem Strahl, den wir auch nach sieben Litern Bier nicht zur Stande bringen würden. Aber Parvard, bzw. Parvars, kann es. 2:2. Für »Rien ne va plus« müssen Sie schon ins Casino.

60.

Und Michael Reschke so... 

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64.

3:2 für Frankreich!! Dieses Spiel ist so geil, es würde in einer Videothek im FSK-18-Bereich zu kaufen sein. Kylian Mbappe wie wir bei einem Kerzen-Selbstmach-Kurs: Probiert es einfach mal. Und nochmal. Und nochmal. Und dann ist der Ball drin. So unnachahmlich wie, nun ja, wie unsere blöden Kerzen nach einem Kerzen-Selbstmach-Kurs. Die wir jetzt anzünden, in der Hoffnung, dass dieses Spiel niemals enden wird.

68.

Mein Gott, was ist denn hier los? Beziehungsweise: Wer hat Mbappe die Ketten abgenommen? Am eigenen Sechzehner startet Frankreich den Spielzug, so einfach und schön wie ein schwarzer Hugo-Boss-Anzug. Ein Anzug, der Mbappe bestens passt. Bindet sich noch die Krawatte, läuft dann weiter, schießt den Ball nebenher ins Tor und rennt immer und immer weiter. Frankreich im größten Rausch, seit Hemingways »Fiesta«. Nur gehen noch mehr Menschen zu Grunde. 

70.

Das Spiel ist in Einfachheit und Komplexität so schön, dass ich mir wünsche, Frank Buschmann würde kommentieren. Ein einfaches »Ratatatatata!«, um mich mal wieder auf den Boden der Achtelfinal-Tatsachen zurückzuholen.

73.

Auf der anderen Seite besteht so auch Hoffnung für Diego Maradona. Könnte von nun an abstinent leben, sich nur an diesem Spiel ergötzen.

76.

Und Deschamps lächelt listig in die Kamera, weiß er doch, dass er noch bessere Spieler auf der Bank hat. Besser als einen Stuttgarter Linksverteidiger. Die Lemars, Dembeles und Fekirs dieser Welt. »Hah, lächerlich!«, brüllt Sampaoli von der Gegenseite und zeigt seine Optionen, die er allesamt nicht nutzen wird.

79.

Frankreich so schön und simpel zugleich, wie ein Vanillieeis, das man einem Dreijährigen schenkt. Einem, der noch keinen Sinn entwickelt hat für Balsamico-Banane, Curry-Ketchup oder eine andere Prenzlauer-Berg-Sorte (Prenzlauer Berg in diesem Fall als Ort, nicht als Inhaltsstoff gemeint), und trotzdem lacht. Glücklich über das, was zählt: das Glücklichsein.

83.

Und noch einmal versucht es Lionel Messi, mit aller Wut, die er in seinem kleinen Bauch finden kann. Dribbelt sich durch alle Franzosen hindurch, verliert dann das Gleichgewicht, sodass sein Schuss keine Gefahr birgt. Was wäre das für ein tolles Spiel, wenn Argentinien auch mit elf Mann angetreten wäre.

84.

Ernsthaft: Messi. Ein Spieler, den ich, 13 Jahre jung (also ich, nicht Messi), bei seiner ersten Weltmeisterschaft sehen durfte. Er wurde eingewechselt beim 6:0 gegen Serbien&Montenegro, schoss das letzte Tor selbst, und oben auf der Tribüne jubelte ein wilder Maradona. Und wenige Tage später schied Argentinien gegen die Deutschen aus. Genauso wie 2010. Und 2014. Und jetzt wird dieser Weltfußballer vielleicht seine WM-Karriere gleich beenden, ohne WM-Titel. Während Maradona auf der Tribüne wild jubelt. So schließt sich ein Kreis. Ein ziemlich beschissener Kreis.

86.

Blöde Sache: Portugal oder Uruguay müssen vor dem Viertelfinale noch mehrere 100-Meter-Sprinter nachnominieren, um Mbappe aufzuhalten. Was mich zu der Frage führt: Wie geht es eigentlich Tobias Unger?

90.

Argentinien riskiert jetzt alles: lässt den Ball in der eigenen Dreierkette laufen.

90.+1

Und Argentinien verabschiedet sich langsam. Die Fans singen wunderschöne Lieder, wedeln mit den Shirts und weißen Tüchern. Aber was sollen wir Deutsche uns lustig machen? Wir würden wahrscheinlich »So gehen die Deutschen, die Deutschen...« singen und den Platz stürmen und am Ende Mesut Özil die Schuld geben.

90+2

Wow: Falls es so kommt, dann ist es die schönste Verabschiedung aller Verabschiedungsgesten. Aguero mit dem 4:3.

90.+3

Argentiniens Mercado säbelt Giroud um, will unbedingt als Erster unter die Dusche. Schiedsrichter Faghani fällt nicht drauf rein, Mercado muss weiterspielen. Baut wahrscheinlich gleich die Gardena im Sechszehner auf.

90.+4

Und Argentinien will es ein letztes Mal wissen, ein letzter Angriff. Messi, immer wieder Messi, schlägt den Ball nach außen, dann Flanke, dann Mascherano - aber zu spät. Argentinien verpasst. Und Faghani pfeift ab. Argentinien wird schon wieder nicht Weltmeister. Messi wird wieder nicht Weltmeister. Vielleicht die größte Ungerechtigkeit der Fußballgeschichte seit der Nicht-Nominierung 2010 von Christian Träsch.

17:58 Uhr

Frankreichs Spieler gehen zu den Fans, klatschen und dann ziehen Pogba, Hernandez und Umtiti eine wilde Show ab. Schlagen sich gegenseitig auf die Brust. Als Beweis, wie toll sie doch sind. Wie stark und fähig und groß. Ziemlich miese Nummer, wenn man gerade ein 11:1 gewonnen hat.

18:01 Uhr

Was die Kameras nicht zeigen: Wie sich Torsten Frings eine wilde Beulerei mit der argentinischen Bank liefert. Er, wahrscheinlich, im nächsten Spiel gesperrt.

18:03 Uhr

Auch eine undankbare Aufgabe für Hannes Wolf, der jetzt erklären soll, wie Benjamin Pavard so ein Tor erzielen konnte. Seine Antwort (sinngemäß): »Keine Ahnung, habe ich so auch noch nicht von ihm gesehen.« Stuttgart, eine Mannschaft, die gegen ihren Trainer spielte. Jetzt bestätigt.

18:04 Uhr

Mbappe soll im Field-Interview noch irgendwas sagen, als gäbe es noch etwas Sinnvolleres als zweieinhalb Tore im WM-Achtelfinale zu schießen. Deshalb etwas Hilfe von Griezmann, der ins Mikrofon brülle: »Vive le France! Vive la Republique!« Was so viel heißt wie: »Saufen!« In diesem Sinne: bis später.