BVB

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Schalke 04

Im Liveticker: Dortmund gegen Schalke

Rot, rot, reus sind alle meine Karten

Grätschen, Tore, Sensationen. Huub Stevens und seine Schalker ziehen den ewigen Rivalen am Nasenring durch die Manege. Muss den ganzen Mist wieder aufräumen: der Ticker.

imago

15:00 Uhr

Schönen guten Tag aus dem Korrespondenten-Büro »München Giesing« mit Raphael »Blau-«Weiss und Niclas »am Borsigplatz geboren«-Seydack. Aus dem offenen Fenster hören wir die Leidensschreie der Sechzig-Anhänger während uns die ARD mit zwei Sekunden Verzögerung den Grund dafür zeigt. 1860 gegen Karlsruhe - ein Drittligaspiel zum Warm-up. Ein netter Service von der ARD, damit sich die Zuschauer schon allmählich auf das Niveau der Schalker einstellen können.

15:08 Uhr

TOOOOOOOOOOOR gegen Blau-Weiß! KSC führt mit 2:0. Den Text speichern wir schon mal für später, hoffentlich vergessen wir nicht, KSC durch BVB zu ersetzen.

15:17 Uhr

Kollege Seydack singt seit seiner Ankunft alle paar Minuten »Wer wird Deutscher Meister? BVB Borussia. Wer wird Deutscher Meister? Borussia BVB« vor sich hin. Komischerweise vergisst er immer die zweite Strophe »Hahahaha, hahahahahahahaaa! Hahahaha, hahahahahahahaaa!«

15:20 Uhr

Huub Stevens lässt die Fragen von Ecki Heuser ins Leere laufen, wie es einst Olaf Thon mit hüftsteifen Verteidigern tat. Sehr Huubsch.

1.

Anstoß! Dortmund in der Blitztabelle wieder punktgleich mit dem FC Bayern. In München greift Robert Kovac tief in die Gel-Tube der eigenen Unsicherheit. Uli Hoeneß pflügt mit einem Luftkissenboot über den Starnberger See, angetrieben von seinem Sinn für Selbstzufriedenheit. Brazzo, der Arme, schwitzt im Keller. Nicht mal die Bundesligakonferenz auf »Bayern1« darf er im Radio hören. Dafür muss er Ulis hölzerne Schatzkiste (bayerisch: »Festgeldkonto«, prall gefüllt) polieren. Für den der Alte den Schlüssel nicht rausrückt.

3.

Aha, offenbar befinden sich mehrere Hardcore-Vaper im Schalke-Block und verdampfen tonnenweise Blue-Curaçao-Liquid. Ob Yves Eigenrauch dabei ist?

8.

Die Teams belauern sich schüchtern. Als würde im Westfalenstadion der Abschlussball der Kevin-Großkreuz-Gesamtschule ausgetragen: Keiner traut sich, den anderen zum Tanz aufzufordern. Jadon Sancho fleht bei Lucien Favre um die Unterschrift auf dem Mutti-Zettel, damit er sich auch nach 16:00 Uhr noch im gegnerischen Strafraum aufhalten darf. Weston McKinney, der Mann mit dem Name eines 400.000-Abonnenten-YouTube-Prankster, gießt Wodka in die Bowle. Guido Burgstaller ist erstmal draußen: eine rauchen.

10.

Vor einem Jahr am 30. Spieltag war Schalke 04 übrigens auf dem besten Weg, Vizemeister zu werden. Damals mit einem Trainer, so alt, dass er beim greisen FC Bayern noch als Perspektivspieler durchgegangen wäre. Heute: Tabellenplatz 15. Ein Wertverfall wie Schokohasen nach Ostern. Dementsprechend träge hoppelt Breel Embolo am Mittelkreis herum, während er sich den ersten BVB-Schuss aufs Tor sieht.

13.

400 Kilometer südlich von Dortmund, auf dem Platz vom VfR Aalen vibriert es im Schienbeinschoner von Kevin Großkreutz. Der »Weltmeister von 2014« greift in seinen Stutzen, holt das Nokia 3310 raus und fängt an zu jubeln. Tor für Dortmund! Sancho auf Götze, der in die Maschen köpft.

15.

Seit der Wiederholung des Tors weiß ich, was ich in meinem Leben noch erleben will: Einmal so gestreichelt werden wie der Ball beim Vorlagen-Chip von Jadon Sancho.

16.

VAR-NSINN!!! Felix Zwayer schaut sich minutenlang eine Wiederholung an und entscheidet auf Elfmeter für Schalke!

18.

Daniel Caligiuri verwandelt zum 1:1, trockener als Prosa von Theodor Fontane.

21.

Auch wenn das sicher wieder einen Shitstorm gibt, aber welche Tabelle soll denn dieser Spielstand bitte abbilden?

24.

Im Schalker Strafraum liegen Akanji und Sané verletzt auf dem Boden. Sané verprügelt den Boden, um den Schmerz zu vertreiben. Steffen Simon versucht einzuschätzen, wen es schlimmer getroffen hat, entscheidet sich für Sané, rudert wieder zurück. Hoffentlich wird der VAR das Ganze aufklären.

26.

ZACK! Und da ist es! Das 2:1 für Schalke! Und wer macht's? Salif Sané. Per Kopf. Nach der Ecke. Und damit steht auch endlich fest: Akanji hatte es vorher schlimmer getroffen.

30.

Dortmund mit 79 Prozent Ballbesitz. Schalke führt 2:1. José Mourinho gibt eine Todesanzeige für den Ballbesitzfußball auf, in seinen Augen schimmern die Freudentränen.

34.

Spielerisch nix, nada, niente gebacken kriegen und zweimal einnetzen nach ruhendem Ball – oder wie St. Pauli-Edelfan GZUZ sagen würde: »STANDARD«. Was soll das denn, liebe Schalker? Wenn die Saison schon scheiße läuft, dann wenigstens dem BVB die Meisterschaft kaputt treten?

36.

Königsblau, lerne ich gerade, ist laut din-genormter Farbenlehre (also Wikipedia...) ein »ins Rot gehender Blauton«. Hörst du das, Felix Zwayer, siehst du Serdars seitwärts eingesprungene Fluggrätsche an der Mittellinie?

39.

Jadon Sancho mit einer Bewerbung zur harmlosesten Ecke der Fußballgeschichte. Apropos harmlos: Marius Wolf gewohnt zahnlos auf der Außenbahn. Mhhpfff.

44.

»Schalke dreht das DAS DERBY«, vermeldet bild.de gerade. Mit Jan Josef Liefers als Dortmunder Titelträume, Thomas »Jumbo« Schreiner als Schalker Abwehrbollwerk, einer 200t-Abrissbirne als Salif Sanés Kopfballtor – und Veronica Ferres als Spielverlauf mit EMOTIONEN EMOTIONEN EMOTIONEN.

45. +1

Ufff....Das war knapp. Nübel verschätzt sich schlimmer als tausende Dortmunder, die im Jahre 2000 in die BVB-Aktie investierten. Doch auch diesmal gibt es für die Dortmund-Fans keinen Grund zu jubeln.

16:21 Uhr

Die Check24-Familie hat mich radikalisiert.

16:25 Uhr

»Doping für die Haare« verkündet die Alpecin-Werbung seit gefühlten 50 Jahren - Bayern-Doc Müller-Wohlfahrt will davon noch nie was gehört haben...

16:33 Uhr

»Brutal zugemauert«, analysiert Christoph Metzelder wie der äußerst beliebte Aushilfslehrer in der Berufsschule für Maurer.

46.

Keine Wechsel. Dabei würde ein Ebi Smolarek würde dem Dortmunder Spiel gut tun.

46.

Oder der nackte Hintern von Friedel Rausch.

49.

Hat eigentlich schon Mal jemand Guido Burgstaller und Raúl Meireles gleichzeitig an einem Ort gesehen?

51.

Jetzt gibt die ARD nur noch an, demonstriert all ihre Fähigkeiten. »1,2,3,4,5,6,7,8,9,10 - 1,2,3,4,5,6,7,8,9,10 - 1,2,3,4,5,6,7,8,9,10« säuselt eine unbekannte Stimme in das Mikro. Wahnsinn, so eine Zählsicherheit habe ich bei den Kollegen von Sky noch nicht gesehen. Bestimmt war das einer dieser Datenjournalisten, von denen in letzter Zeit immer häufiger die Rede ist.

54.

Raphael Guerreiro versucht es aus der Distanz, bleibt aber ungefährlich. Bei dem Zweikampfverhalten der Schalker heute hätte Namensvetter Eddie den Dortmundern deutlich besser getan.

57.

Paco Alcácer, angeblich 25 Jahre alt, aber mit den traurigen Augen eines hundertjährigen, schwer erkrankten spanischen Lyrikers auf seiner letzter Reise ins Ruhrgebiet, der nur noch »gol gol gol« aufs Papier kriegt. Schauen wir mal.

59.

Da will die Bundesliga sich mit diesem Spiel auf dem »asiatischen Markt positionieren« und auf den Banden Werbung für Sicherheitsschuhe, Rasenmäher, Sommerreifen und »Wilo – Pumpenhersteller in Ihrer Nähe seit 1872«. Spontaner Gedanke: Bloß weg aus dem modernen Fußballzirkus. Dazu, die Werbung von »eurowings«. Wie passend.

60.

Reus mit einer fiesen Grätsche von hinten gegen Serdar, trifft nur die Achillessehne des Schalkers. Reus will sofort nach der Grätsche wegsprinten, will fliehen, nur weg von Zwayer. Es hilft alles nichts. Rot für Reus.

62.

Daniel Caliguri legt sich den Ball, knapp 30 Meter vom Tor entfernt, zurecht, läuft an, holt mal kurz das Lineal raus und zieht ne gerade Linie ins Lattenkreuz, malt übers Rechteck und direkt ins Herz aller Dortmunder Titelträume. 3:1!

65.

Synchronspringen in Dortmund: Wolf hatte sich offensichtlich vorgenommen, Reus 1:1 zu ersetzen. Er macht seine Sache ein wenig zu gut, denn Serdar läuft vor ihm her und der Außenverteidiger imitiert perfekt seinen Kapitän: Er trifft mit offener Sohle die Achillessehne des Schalkers. Zwayer belohnt die Aktion mit einer roten Karten. 10/10.

67.

Man kann es auch so sehen: Borussia Dortmund will es richtig wissen und erschwert sich selbst die Bedingungen. Nicht, dass am Ende einer sagt, sie hätten es sich zu leicht gemacht.

70.

Gerald Asamoah jubelnd am Seitenrand mit einer so obszön-hässlichen Uhr voller sichtbaren Zahnrädern und Federn, wirklich diese Uhr ist so riesig, dass man darin das »Game of Thrones«-Intro nachdrehen könnte.

75.

Wollen wir eigentlich mal darüber reden, dass noch nie jemand Schalkes Benjamin Stambouli und Schauspieler Adam Driver in einem Raum gesehen hat?

72.

McKennie senst Axel Witsel mit einer Grätsche von den Beinen und schaut dabei so gelangweilt, wie ein pubertierender Teenager, der gerade sein Erdkunde-Referat zu »Fischfang in deutschen Binnengewässern« von seinen Notizen abliest.

77.

Diese ganz eigene Schönheit wütender Fans, wenn sie reflexhaft ihre Arme ausstrecken und unsichtbare rote Karten ins Stadion zeigen.

80.

Guido Burgstaller mit einem Gewaltschuss in die Wolken. Tja, wenn dein einziges Werkzeug ein Hammer ist, sehen alle Probleme aus wie Nägel. Und wenn du ne Kettensäge hast, sieht alles wie ein Baumstamm. Tippt mit zwei linken Händen und lauter Daumen in die Tasten: der Heimwerker-Ticker.

81.

Die Luft hat ein Loch, sagt Steffen »Ozon« Simon. Greta Thunberg setzt sich wutentbrannt in den Zug nach Dortmund.

83.

Arno Nübel: Deutschlands faulster Torhüter. Der Schalker Schlussmann in der zweiten Halbzeit komplett arbeitslos.

84.

Achtung, jetzt wird’s nerdig. Paco Alcacer wurde im heißen August 1993 in Torrent geboren. In Torrent! Wie schön wäre es, wenn er »derbywunder19.mpg« seeden würde. Axel »Emule« Witsel kurbelt am Modem und macht das 2:3!

86.

Breel! Ein Name wie ein Imperativ! Was auch immer es heißen mag, aber Embolo macht es! Er breelt den Ball aus der Distanz ins rechte Eck! 4:2 für Schalke.

89.

Paco Alcacer umschließt Mascarells Gesicht mit beiden Hände, es regnet schwer auf die beiden nieder, im Hintergrund streichen die Geigen eine kleine Melodie. Was folgt, ist leider nicht der schönste Kuss der Saison, sondern die fünfte gelbe Karte für Schalke.

86.

Breel! Ein Name wie ein Imperativ! Was auch immer es heißen mag, aber Embolo macht es! Er breelt den Ball aus der Distanz ins rechte Eck!

90.+2

Eines muss man den vorbildlich-fairen Dortmunder lassen: Sie haben keine einzige gelbe Karte kassiert.

90.+4.

Felix Zwayer pfeift, zweimal kurz, einmal lang. Er beendet ein Derby, das einen Strich zieht unter eine Dortmunder Saison, die nicht schöner hätte beginnen können: leicht und zuckersüß. In diesem Spiel wirkte es, als hätten die Dortmunder Karies von sich selbst kommen: Doppelrot, vier Gegentore. Sie brachen auseinander wie poröse Backenzähne. Und Schalke bohrte und bohrte sich zum verdienten Sieg. Glückwunsch nach Schalke. Ciao, tschüss und bis bald von Raphael »Stevia« Weiss und Niclas »Zuckerfrei« Seydack. Und dran denken: Immer schön Zähne putzen.