Frankreich

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Kroatien

Frankreich - Kroatien im Liveticker

Ooooooh, Deschamps-Elysées!

Frankreich ist Weltmeister! Dank butterweicher Tore, dem aktuell größten Fußballtalent und dem besten Energiesparplan seit der Leuchtstofflampe. Fühlt sich jetzt nur noch als Confed-Cup-Sieger: der Ticker. 

16:10 Uhr

Freunde, herzlich willkommen zum Final-Ticker. Frankreich gegen Kroatien, Griezman gegen Modric, Welke gegen Kahn, Ahrens und ich gegen die Rechtschreibung: Heute wird Geschichte geschrieben. Möglicherweise falsch, aber naja.

16:14 Uhr

Welke und Kahn im Studio. Muss sagen, dass ich Christoph Kramer schon vermisse. War eine gute Mischung, erst ein müder Welke-Gag, dann der obligatorische Permanenter-Druck-Sermon von Kahn, dann Christoph Kramer, der einem mit einer gehaltvollen Aussage dafür gesorgt hat, dass man den Schraubenzieher, den man sich gerade in den Gehörgang rammen wollte, um diesen Schwachsinn nicht länger ertragen zu müssen, wieder fallenließ.

16:17 Uhr

Der neue Christoph Kramer ist übrigens Gernot Rohr, der so gemächlich, ruhig und langsam redet, dass ich euch alle dazu anhalten möchte, eure Haustiere aus dem Raum zu bringen, weil Rohr sie sonst aus Versehen einschläfert.

16:20 Uhr

Ivan Perisic im Bild. Vor ein paar Tagen erfahren, dass der mit 20 ein Probetraining bei der Hertha absolviert hat, inklusive Testspiel, in dem er zweimal netzte. Die Hertha hat ihn trotzdem nicht genommen, weil Favre ihn nicht wollte. Den anderen Testspieler damals, Andrew Ayew, übrigens auch nicht. Was die Frage aufwirft, ob die Hertha vielleicht auch einfach nicht erfolgreich sein will?

16:25 Uhr

Unglaublich, das ZDF fährt hier jeden Laster auf, den sie noch in irgendeinem Schuppen auf dem Lerchberg finden konnten. In diesem Fall: Theo Koll, der uns von den Parallelen zwischen der französischen Nationalmannschaft und Politik berichtet. Wenn das so weitergeht, testet Andrea Kiewel gleich den Rasen und Lafer und Lichter bereiten das VIP-Essen zu. Na, is das was?! 

16:28 Uhr

Welke erinnert Kahn beiläufig an das verlorene Finale 2002.
»Jetzt habe ich deine Gefühle verletzt, entschuldige!« Welke fasst Kahn vorsichtig an den Arm, vielleicht nur, um ihn auf Abstand zu halten. Kahn (lacht): »Passt schon.« Schon jetzt das fairste WM-Finale aller Zeiten.

16:33 Uhr

Die Finalshow trademarked by Fifa sponsored by Alter!Was!zur!Hölle?! beginnt. Auf der anderen Seite: So steht schon vor der Verlängerung fest, welche Belastung ein menschlicher Körper auszuhalten vermag.

16:34 Uhr

+++ EIL: Auch Neymar im Finale! +++

16:38 Uhr

Und auch der unsägliche WM-Song muss natürlich noch gespielt werden. Mit einer Playbackshow, für die sich SuperRTL schämen würden. »One life, you don't get it twice.« In diesem Moment mehr Versprechen denn Mahnung.

16:42 Uhr

Habe das Gefühl, dass ich mir das Gehirn aus der Nase rausschnäuzen kann, wenn ich noch eine einzige Minute länger diese fürchterliche WM-Show angucken muss.

16:43 Uhr

Und irgendwo in Deutschland sitzt Reinhard Grindel in einem staubigen Ohrensessel, guckt sich die Show an, summt ein paar Takte Helene Fischer und denk: »Toll«.

16:45 Uhr

Leute, ich nehme alles zurück, das ist eine absolute Top-Show, denn gerade spielt Ronaldinho den Takt von »Kalinka« auf der Bongo-Trommel. Wenn gleich noch Denis Bergkamp kommt und den WM-Pokal auf seinen Sockel lupft, dann bin ich mit dieser WM versöhnt.

16:46 Uhr

Memo an mich: Im Testament verankern, dass ich mir für meine Beerdigung ausschließlich Bongo-Hits gespielt von Ronaldinho wünsche.

16:48 Uhr

Hier noch ein kleiner taktischer Tipp unsererseits an den kroatischen Nationaltrainer. Gern geschehen...

16:50 Uhr

Ante Rebic im Spielertunnel. Mein Gott, wie albern ich bin. Da bin ich 34 Jahre alt, mache meinen Job seit mittlerweile sechs Jahren, und dann sehe ich einen Spieler der Eintracht vorm WM-Finale im Spielertunnel und bin so lächerlich stolz plötzlich, dass ich mich fast ein bisschen schäme. Aber nur fast. Und in diesem Sinne: ANTEEEEEEEE!!!!!!! Mach es, Junge!

16:53 Uhr

Philipp Lahm bringt den Pokal ins Stadion. Stolz wie ein Papa, der sein Neugeborenes das erste Mal den frisch gebackenen Großeltern präsentiert. Hat feuchte, glänzende Augen und grinst über das ganze Gesicht. Ahrens und ich sind kurz davor, ihm ein Babypinkeln zu organisieren.

16:55 Uhr

Die Marseillaise. Und Özil singt nicht mit. Typisch.

16:57 Uhr

Didier Deschamps in Großaufnahme. Find ich toll, dass er sogar während des Finals noch Zeit findet, für seine Stiftung zu werben, die Kindern die Wichtigkeit des Zähneputzens vermitteln soll. Super.

16:58 Uhr

So, gleich geht's los, Leute. Genießt dieses Finale, liebe Leser. Zum nächsten gibt es nämlich Glühwein, »Last Christmas«, Familienstreits und Schneeballschlachten.

16:59 Uhr

Deschamps wurde gerade eine kroatische Geschenktüte überreicht. So eine, die man bei Edeka kauft, wenn man den Geburtstag eines Halbfreundes vergessen hat, auf dessen Party man aber nun zum Lagerleertrinken eingeladen wurde. Vielleicht singt diese Tüte gleich auch den französischen Klassiker, wenn Deschamps sie öffnet. »Ooooh Deschamps-Elysee!!«

1.

Die Fifa-Show geht immer weiter. Sicher einstudiert: der Anstoß.

2.

Sieht Vida gut aus: die kroatische Innenverteidigung.

3.

Und gleich in den ersten Minuten steigen die Kroaten den Franzosen so richtig auf die Schuhe. Modric schon mit zwei Fouls seit Spielbeginn. Wenn das so weitergeht, muss ein französischer Betreuer schon in der Halbzeit zum Schuster.

5.

Starke Idee von Vida: Schlägt den Ball einfach mal lang zu Rebic. Und irgendwo in Sassuolo sitzt Kevin-Prince Boateng und nickt lächelnd, gleich gibt's Essen. Seine Frau hat Bratan gemacht.

7.

Starke Leistung bis hierhin von Schiedsrichter Pitana, zeigt energisch auf Foulsituationen und Freistoßpunkte. Aber nun gut, das ist eben Berufserfahrung. 


8.

Mbappe muss im eigenen Sechzehner gegen Strinic klären, der einfach mal mit nach vorne gelaufen ist. Das selbstmörderischste Rollenverständnis seit Alden Ehrenreich.

9.

Die Kroaten bisher wie elf fleißige Umzugshelfer: packen bei jeder Gelegenheit zu.

10.

Klarer Favorit bis hierhin auf den »Man of the Match«: Ronaldinho.

12.

Natürlich, einige haben bereits das Schicksal des kroatischen Stürmers Nikola Kalinic angesprochen, der schon nach Hause geschickt wurde. Woraufhin sich viele fragten, für wen der arme Mann heute Abend sein wird. Für sein Land, Kroatien, die ihn unehrenhaft entlassen haben? Oder sitzt er mit Equipe-Trikot vor dem Fernseher? Berechtigte Fragen. Aber hat schonmal jemand an die französische Schachspielervereinigung gedacht?

14.

Und für die Franzosen wäre es heute das zweite große Finale, das sie verlieren könnten. Was, wie ich seit unserem Französisch-Austausch gar nicht für das Naturell der Franzosen hielt, so viele Chancen auszulassen.

17.

Irgendwie scheint mir das falsch, dass Ronaldinho im Stadion ist, aber nicht spielt. Als würde man bei einer offenen Jamsession in der Kulturkneipe sitzen, und Steve Vai sitzt gelangweilt an der Bar und isst Nüsse, während irgendwelche Amateure ihre Gitarrensaiten reißen.

19.

Eieieiei, Griezman mit einem geschundenen Freistoß, den er in den Sechzehner hebt, wo dann Mandzukic den Ball ins eigene Netz verlängert. Das ist so bitter, Schweppes sollte mit diesem Tor Werbung machen.

23.

Auf der anderen Seite Domagoj Vida, der einen Freistoß von Modric aber aber über die Latte köpft. Schade, Vida nichts.

25.

Bin sowieso Fan von Domagoj Vida. Sieht mit seiner Frise aus, als würde er auf dem ersten Date von seiner Katana-Sammlung erzählen und dass es quasi eine Kunst ist, einen Menschen auf altertümliche Samurai-Art umzubringen. Wundert sich dann, warum sie sich nicht mehr meldet und beleidigt dann andere Leute beim Online-Call-of-Duty-Zocken.

28.

Eigenartige Stimmung im Stadion, sehr ruhig, es wird kaum gesungen. Als wären wir hier beim Testspiel des VfL Wolfsburg gegen den TSV Gifhorn. Wann bringt Labbadia endlich Wout Weghorst?

31.

Und dann TOOOOOOOOOOR für Kroatien, und verdammt noch mal: Was für eins. Ivan Perisic nach einem Freistoß, nimmt den Ball weltklasse an, schließt weltklasse ab. Ich will dieses Tor immer wieder und wieder sehen, ich will mit diesem Tor nach Paris fahren und ihm dort meine Liebe gestehen, ich will das Tor heiraten, viele Kinder zeugen und gemeinsam mit diesem Tor alt werden, zufrieden und alt im Garten sitzen und auf ein glückliches Leben zurückblicken. 1:1. Bäm.

32.

Würde mich überhaupt nicht wundern, wenn pornhub und Co. heute Abend massive Serverschwierigkeiten bekommen, weil terabyteweise das Perisic-Tor hochgeladen wird. 

33.

Und jetzt auch die Franzosen, die den Bus beim eigenen Eckball parken und sich der Reihe nach aufstellen. Fehlt nicht viel und die Mannschaft hat aber morgen einen halblustigen Social-Media-Kanal hat und kommt zu jedem Spiel fünf Minuten zu spät.

34.

Oh Leute, darf das VAR sein?! Ivan Perisic, dieser großartige Fußballer seit, nun ja, spätestens seit dieser WM, hat den Ball an die Hand bekommen. Und Pitana schaut sich die Szene drei-vier Mal an, zeigt dann auf den Punkt. Elfmeter! Für mich der mieseste Videobeweis seit Einführung des Videobeweises.

36.

Aktuellen Hochrechnungen zufolge geht dieses Spiel 7:8 aus. Die AfD steht bei -2 Prozent.

37.

Apropos AfD. Griezmann verlädt Subasic, trifft und macht danach seinen Gartenzwergjubel mit dem Looser-Zeichen. 2:1 - die Methode Provokation.

39.

Schwierige Aufgabe für die Kroaten jetzt, müssen erneut einen Rückstand aufholen. Und dass, wo doch bei ihnen augenscheinlich nur schöne Tore zählen.

42.

Um diese erste Halbzeit grob zusammenzufassen: Das erste Tor von Frankreich fällt wegen eines zweifelhaften Freistoßes, bei dem der Videoschiedsrichter aus nicht näher definierten Gründen nicht eingreifen durfte. Und der zweite Treffer fällt, weil der VAR signalisiert, dass sich der Schiedsrichter eine 50:50-Entscheidung besser noch siebenmal im TV ansehen sollte, um dann seine Entscheidung zu revidieren. Fußball von einer Generation, die ihre Vorfahren auslachte, weil sie Fußballspiele durch Münzwürfe entschied.

45+1.

»Hallo, mein Name ist Umtiti, und ich bin hier, um schon vor der Halbzeit Zeit zu schinden.« - »Um was?« - »Umtiti.«

45+3.

Unberechtigter Freistoß vor dem 1:0, unberechtigter Elfer zum 2:1. Frankreich hier mit derart viel Dusel, es würde mich nicht wundern, wenn Patrick Andersson nachher noch einen indirekten Freistoß reinhaut.

17:50 Uhr

Halbzeit. Man of the Match für mich bislang Schiedsrichter Nestoire Pitanaux.

17:54 Uhr

Dann die Tagesthemen. Trump. Putin. Hamas. Raketenangriffe. Dass ich es tatsächlich noch schaffe, mich über den VAR aufzuregen, enttäuscht mich von mir selbst.

17:57 Uhr

Übrigens: Das hier wäre der richtige Moment gewesen, das Spiel abzupfeifen. Meine Meinung.

18:00 Uhr

Glaube, Zlatko Dalic hätte nicht auf Kevin-Prince Boateng und Danny da Costa verzichten dürfen. Schade.

18:02 Uhr

Übrigens, falls ihr euch fragt, wer der größte Sadist der Welt ist: Er arbeitet beim Estnischen Verband und setzt die Pokalpartien an.

18:03 Uhr

Auch die zweite Halbzeit verspricht im VAR-Room spannend zu werden:

46.

Wiederanpfiff. Frankreich damit mit mehr Anstößen (2) als Torschüssen (1).

48.

Ante! - Was für eine göttliche Komödie wäre es gewesen, wenn er, ausgerechnet er, das 2:2 geschossen hätte. Kommt vor Lloris zum Schuss, zuvor etwas in Rücklage geraten und deshalb sehr hoch. Die Franzosen erleichtert, aber Rebic weiß: »Der Fußball bewegt die Sonn' und andre Sterne.«

49.

Und die nächste Chance! Kroatien macht jetzt derart viel Dampf, dass es mich nicht wundern würde, wenn James Watt Wurzeln im Balkan gehabt hätte.

51.

WM-Finale oder ostdeutscher Groschenroman? »Auf russischem Gebiet versuchen elf Franzosen ihre Zone zu verteidigen. Doch mit dem Kampfesmut der kroatischen Partisanen haben sie nicht gerechnet. Kann der blonde Langhaar den Konflikt entschärfen?«

53.

Flitzer auf dem Platz. Hitradio Antenne hatte nicht vorgewarnt.

55.

Deschamps überlegt zu wechseln, will den verwarnten Kanté runternehmen. Jetzt bespricht er sich mit seinem Co, welche Optionen er hat:
»Tolisso vielleicht, Didier. Oder du bringst Fekir. Dembele.«
»Hm, und N'zonzi?«
»... und sonst hätten wir noch einige andere.«
»Was?«
»Was?«

56.

Ist aber auch unfair, dieses Finale. Während Kroatien schon dreimal in die Verlängerung musste und zudem einen Ruhetag weniger erhielt, hat Frankreich erst fünf Spiele in den Beinen.

57.

Infantino nutzt die Zeit und schreibt Autogramme auf einen Ball. Mit der Zunge im Mundwinkel: »L'état, c'est moi«.

58.

Et boum, c'est le Pog! 3:1 für Frankreich, ausgerechnet durch Paul Pogba, den sie in der Heimat immer wieder kritisierten, mit dem butterweichsten Fernschuss seit Erfindung der Margarine. Das schmeckt mir.

63.

Tja, damit dürfte das Aus der Franzosen in der Vorrunde 2022 beschlossene Sache sein.

65.

Trotzdem bester Mann auf dem Platz: Luka Modric. Habe vor ein paar Tagen mal wieder Good Will Hunting gesehen, und Matt Damon als Mathegenie Will Hunting findet nicht halb so souverän Lösungen wie Modric auf dem Fußballfeld. Ob er sich nach dem Spiel in seine Rostlaube setzt, Elliott Smith ins Kassettendeck einlegt und Minnie Driver hinterherfährt?

66.

Tja, und dann Mbappé mit einem blitzsauberen Fernschuss zum 4:1. Autsch. Oder wie der Kroate sagt: Auc.

68.

Kylian Mbappe jetzt der jüngste Finaltorschütze seit Ronaldo. Aber ich sag mal, das wars dann auch mit den Parallelen. Hust.

71.

Moment mal, was? Riesen-Bock von Lloris und es steht nur noch 4:2. Dieses Finale ist so aufregend, dass ich mir erstmal einen großen Schluck Doppelherz genehmige, um klarzukommen. Und mit Doppelherz meine ich Pilsator.

72.

Ante Rebic nicht mehr auf dem Platz, das halte ich für einen großen Fehler. Vielleicht, weil ich ein absoluter Fanboy bin. Das letzte Mal, dass ich so für einen Star geschwärmt habe wie jetzt für Rebic, war etwa 1993 und Blümchen hing als Poster über meinem Bett. Was die Frage aufwirft: Wann kommt endlich der Rebic-Starschnitt in der Bravo? Und werden Zweikampfgeräusche von ihm auf der nächsten Bravo-Hits sein? Ich würde die 34 Mark und 99 Pfennig sehr gerne zahlen.

73.

Immerhin: Jetzt kann auch Mats Hummels den Fernseher einschalten, ohne Angst haben zu müssen.

74.

Echt schade, dass Rebic runter ist. Immer wenn ich den so übers Feld büffeln sehe, frage ich mich, wie er abseits des Platzes so seinen Tag gestaltet. Wahrscheinlich steht der morgens schon per Vollsprint aus dem Bett auf, isst schreiend eine Schale Müsli, mäht auf dem Weg zum Training ein paar Passanten um, gewinnt ein paar kernige Zweikämpfe mit Litfaßsäulen oder LKWs, die er mit der Schulter zur Seite schiebt und wenn er dann abends nach Hause kommt, zerbeißt er noch ein paar Backsteine zum Runterkommen oder tritt zur Entspannung ein paarmal barfuß gegen die Türschwelle.

77.

Wer mir bei Kroatien gut gefällt heute ist dieser Strinic. Obwohl ich den prinzipiell eher unsympathisch finde. Liegt wohl daran, dass der original so aussieht wie die Jungs früher aus dem Tennisverein, die Ferdinand oder Jost hießen, zwei, drei Jahre älter waren und immer einen dieser eklig teuren Markenpullis um die Schultern gelegt hatten. Und die, wenn sie nicht gerade Urlaub auf Sylt machten oder mit dem Mercedes-Cabrio, den sie von ihren Eltern zum Geburtsag geschenkt bekommen hatten, dafür sorgten, dass man selber keine Chance bei den Mädchen aus seiner Klasse hatte. Weil die nach Schulschluss zu Ferdi oder Jost in den Cabrio sprangen und zu einer Privatparty brausten, irgendwo in einem riesenhaften Haus, das dem Vater von Ferdi oder Jost gehörte, zu der man selbst niemals eingeladen werden würde. Arschgeigen.

79.

»Will nicht wissen», sagt Rethy, ist dann aber doch neugierig, »was hier passiert, wenn Kroatien das 4:3 macht.« Nun ja, wenn wir das Konzept dieser Weltmeisterschaft richtig verstanden haben, dann dürften spätestens ab diesem Zeitpunkt elf Spieler dauernd auf dem Boden liegen, nicht mitbekommen, dass sie ausgewechselt werden und mehr Schwalben provozieren als ein Ornithologe mit Tourette.

80.

Gute Nachrichten für alle Verletzungsvortäusch-Hasser: Fekir ist drin, der kennt keinen Schmerz.

82.

Oh Mann! Kramaric macht alles richtig, eigentlich, schickt den kroatischen Superstürmer vorne lang. Aber da steht gar nicht mehr Rebic, da steht nur Pjaca. Und der kommt nicht an den Ball. Bezeichnend.

84.

Und es geht so langsam los. Nach einem Freistoß von Rakitic sind Pogba und Mandzukic im Zweikampf. Eigentlich ist nichts passiert, doch dann, dann muss Pogba, dieser Baum von Kerl, sich plötzlich hinlegen. Weil es ihn schmerzt, weil er Ruhe braucht, weil, ach, irgendeinen Grund wird er wohl finden. Und ich wünsche mir Lilian Thuram, Marcel Desailly oder Marius Tresor zurück. Die würden den Jungen jetzt anbrüllen: »Komm schon, so werden wir nicht Weltmeister. Steh einfach auf, wenn du deine beiden Beine noch hast!« Stattdessen: Schmerz. Vor allem in meinen Augen.

86.

Auf der anderen Seite würden die Franzosen dieses Finale auch verdient gewinnen. Die gesamte WM. Was irgendwie auch weh tut, denn ich habe in einem Monat nicht ein gutes Spiel von der L'equipe gesehen. Keine Magie eines Zidane. Nur kontrollierte Dynamik, im richtigen Moment. Gegen Argentinien, gegen Uruguay, gegen Belgien. Kurz angezogen, dann wieder im Energiesparmodus und trotzdem am Ziel: Weltmeister. Ein Titel für den Umweltschutz.

88.

Einzige Chance für Kroatien nun: Konsequent Mütter beleidigen.

89.

Schade auch, dass Pitana, der hochgelobte Pitana, das Spiel derart aus der Hand geglitten ist. Fehlentscheidungen, Pfiffe zum falschen Zeitpunkt usw. Das letzte Mal, dass ich jemandem etwas derart hab entgleiten sehen, war beim Wellenreiten (Anfängerkurs). Ich glaube, der Mann sitzt jetzt noch beim Zahnarzt, vielleicht ist es Dr. Markus Merk.

90.+2

Gleich ist es vorbei. Und Didier Deschamps öffnet seine Tüte, die er vor Anpfiff geschenkt bekommen hatte. Ganz vorsichtig schaut er hinein, da schallt es ihm schon blechern entgegen: »Ooooooh Deschamps Elysee!!« Der Sommerhit auf Frankreichs Straßen.

90.+4

Wenn ich Ante Rebic wäre, würde ich nachher den DFB-Pokal aus dem Koffer holen, kurz wehmütig anblicken. Dann bis obenhin mit bestem Wodka füllen, und reihum geben. Große Leistungen brauchen manchmal keinen Titel.

90.+5

Und jetzt?! Aus! Frankreich ist Weltmeister! Und auf dem Rasen freuen sich Didier Deschamps, der Architekt des Erfolg, und seine Arbeiter, die sich die Bauhelme vom Kopf nehmen. Sind wir etwas schon fertig? Stehen erstaunt vor ihrem Werk: L'etat, c'est fini.

18:57 Uhr

Didier Deschamps hat jetzt als Spieler und als Trainer die WM gewonnen. Wenn er jetzt noch eine kauft, kann man ihn mit Fug und Recht den Beckenbauer Frankreichs nennen.

19:00 Uhr

Was die Kameras nicht zeigen: Abseits des Geschehens steht Luka Modric und spielt auf einer Violine »My Name is Luka«, ein trauriger Song über einen kleinen, unscheinbaren Jungen, der einen Ball in eine Gasse spielt, die niemand außer ihm sieht.

19:02 Uhr

Ante Rebic mit Tränen in den Augen. Ich halt ja vieles aus, aber jetzt muss ich mich echt zusammenreißen.

19:04 Uhr

Jetzt kann sich Didier Deschamps seinem nächsten großen Projekt widmen. Einem Zahnarztbesuch.

19:05 Uhr

Geht es nur mir so? Oder liegt es daran, dass ich halt auch Deutscher bin? Aber diese Freude ist doch gerade nicht mit der WM 2014 zu vergleichen. Mit Schweinsteiger, der blutend und heulend auf dem Rasen lag. Mit Löw, der jubelte. Mit allen, die im Moment des Abpfiffs auf die Knie gingen. Da, jetzt gerade, unterhalten sich Deschamps und Varane, als wäre auch der WM-Titel nur Durchgangsstation. »Und im August?« »Gut, da spielen wir gegen Vallecano und Levante. Schwere Wochen. Müssen von Spiel zu Spiel denken.«

19:06 Uhr

Immerhin: Im ersten Pflichtspiel müssen die Franzosen gegen Deutschland spielen. Wegen meiner können sie da mal wie ein Weltmeister auftreten.

19:09 Uhr

Hach, und trotzdem, die Kroaten. Man muss sie einfach lieben. Als hätten Atletico Madrid, Uruguay und Eintracht Frankfurt ein Kind gezeugt. Und es dann schlecht erzogen.

19:10 Uhr

Klar ist aber auch: Wenn Frankreich in vier Jahren Katar zugelost wird, muss der Gastgeber nur noch eine weitere Mannschaft hinter sich lassen. 

19:13 Uhr

Ich finde, was die Fifa wirklich toll macht, ist so Triumphmomente im Stadion einfach mit billiger, spackiger Techno-Kirmesmucke für die Fans noch besser zu machen. Super.

19:16 Uhr

Man of the Match übrigens Antoine Griezman. Pointe reiche ich nach, wenn ich irgendwann aufhören kann, den Kopf zu schütteln.

19:17 Uhr

»Sie haben sogar Pogba, der immer nur Quatsch im Kopf hat«, sagt Rethy, »integriert.« Und nennt damit auch gleich den ersten Punkt, warum Frankreich Weltmeister ist und Deutschland, nun ja... 

19:18 Uhr

Die Pokalübergabe verzögert sich auf unbestimme Zeit. Erst muss das Tomorrowland-Festival beendet werden. 

19:19 Uhr

Philipp Lahm mit dem Pokal im Spielertunnel. Lauf, Junge. Lauf einfach los und halt erst in Deutschland wieder an.

19:24 Uhr

Vladimir Putin überreicht den Pokal für den besten Spieler des Turniers an Luka Modric. Der zwinkert lässig zurück und sagt dann leise: »Pass mal auf, Kollege, wenn du unser Land anfasst, dann komm ich mit Dejan und Domagoj persönlich vorbei.«

19:25 Uhr

Iiiiih, ich glaube Putin und Infantino haben gerade zeitgleich gelächelt, als sie Kylian Mbappe den Pokal für den besten jungen Spieler übergeben haben. So stelle ich mir das vor, wenn Gunther von Hagens in seiner Werkstatt eine seiner Leichen präpariert und dann denkt: Nee, zu eklig. Das mach ich nicht.

19:28 Uhr

Und es gießt aus Kübeln. Als hätten George Best, Fritz Walter und Johan Cruyff hinuntergeblickt und ihren Emotionen freien Lauf gelassen. 

19:30 Uhr

Frankreichs Mannschaft geht zur Siegerehrung. Bezeichnend: Der FC Bayern hat nicht gewartet.

19:31 Uhr

Das Wort »Schirmherr« muss ab morgen auch neu definiert werden.

19:34 Uhr

Infantino nimmt den Pokal, geht an Putin wortlos vorbei. Das Recht des größeren Diktators. Lässt ihn von Macron und Grabar-Kitarovic beküssen und dann: Ist Frankreich Weltmeister! Die Fifa schießt dem Wetter goldenes Lametta entgegen. Und für einen kurzen Augenblick scheint die Sonne über Frankreich. Die WM: Ein Turnier wider aller Gesetze.

19:35 Uhr

Herzlichen Glückwunsch! Oder wie man in Frankreich sagt: Bonne Chance - aber davon hat Giroud nun wahrlich genug vergeben.

19:36 Uhr

Und dann ist diese Weltmeisterschaft plötzlich: Geschichte. Wie aus einem Traum erwachen wir in der Realität. Dort, wo der FC Bayern immer wieder Meister wird. Dort, wo sich Innenminister die Ausreise von 69 Afghanen wünschen dürfen. Dort, wo Fußball noch im ganz Kleinen ganz groß sein kann. Also Leute, lasst uns noch ein Bier trinken und dann packen wir es an. Nur noch 1586 Tage.