England

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Belgien

England-Belgien im Liveticker

BATSCH-uayi!

Lange ein Spiel wie Fertigravioli, die auf niedrigster Stufe auf der Herdplatte blubbern. Dann bolzt sich der arme Michy beim Torjubel selbst ins Gesicht. Die verdiente Strafe: der Gruppensieg für Belgien!

19:45 Uhr

Ahoi, ihr Leichtwassermatrosen! Eingelullt von den wie immer fachkundigen Analysen der alten Säge Stefan Kuntz, bereiten wir uns seelisch auf ein richtig gutes Spiel vor. England gegen Belgien, das klingt bei dieser WM wie Sampras gegen Becker bei der ATP-WM 1996 in Hannover. 96, war da was? Kuntz und Bierhoff, England mit Gazza, Deutschland im Finale, Koubaaaaaaaa, Golden Goal, es war so schön. Wie Boris Becker.

19:48 Uhr

Vielleicht liegt es ja auch an diesem wahnsinnig beschissenen WM-Song, für die wir die Fantastischen 4 endgültig auf den Müllhaufen der deutschen Musikgeschichte werfen möchten. Wo schon Campino wartet und nur mit seiner Selbstgerechtigkeit Plastik von Bio-Abfall trennt. 2020 dann bitte Afrob feat. Peter Maffay.

19:49 Uhr

Ist das so eine gute Idee, liebe Verantwortliche von Schüco, einen Tag nach dem Desaster den Bundesjogi in einem flauschigen Bademantel Essen zubereiten zu lassen? Jetzt, da die deutsche Volksseele kocht und alles noch geifert und mault und die vergangenen zwölf Jahre bereits vergessen hat? Jogi, vor vier Jahren logischer Kanzler-Kandidat, auf einmal auf dem Sympathie-Level von Kollegah. Frage: Kann Farid Bang eigentlich coachen?

19:53 Uhr

Schon irgendwie schade, dass England offenbar seine Hools zu Hause gelassen hat. Vermisse die selbstgestochenen Tattoos schwer übergewichtiger Anhanger der Wolverhampton Wanderers oder Leeds United. Stattdessen wurde "friedlich gemeinsam gefeiert". Das ist nicht mehr mein Fußball.

19:55 Uhr

Englands Torjäger Nummer 1 nur auf der Bank. Sitzt da, weltgewandt, ganz Kosmopolit: Citizen Kane.

19:57 Uhr

England also mit einer jungen und hoffnungsvollen Mannschaft, die in zwei Spielen sechs Punkte und 8:2 Buden eingefahren hat. Während die deutsche Nationalmannschaft bereits in der Heimat ist. Ich versteh das immer noch nicht. Immerhin: die englische Nationalhmyne war auch mal die Deutsche. Schön, dass man uns noch nicht komplett vergessen hat.

19:59 Uhr

Müsste man eigentlich mal ausrechnen. Wie viele Nationalhymen man sich während so einer WM reingeben muss. Männer, die Hymnen schmettern. Muss man hierzulande schon dem Feuerwehr-Chor beitreten. Der Kollege Seydack würde ja gerne, steht aber seit Jahren auf dem Schlauch.

1.

Anpfiff! England-Trainer und Ex-Abwehrkante Gareth Southgate nickt zufrieden: Die Null steht.

2.

Einen Torhüter für seine »besonders präzisen Abstöße« zu loben, ist im Zeitalter eines Manuel Neuer, der locker als Spielmacher spielen könnten, eine schlimmere Beleidigung als pro Spiel sechs Buden zu kassieren. Meine Meinung.

4.

Verstehe ich nicht: Belgiens Trainer Martinez spricht weder Englisch noch Flämisch.

6.

Youri Tielemans muss zur Halbzeit raus. Sein gestrenger Vater rastet aus, wenn der optisch circa 12-Jährige nach 21 Uhr noch wach ist. Deshalb holt Tielemans gerade das Lineal raus und zieht ne amtliche Linie Richtung Jordan Pickford. Doch der schüttelt den Kopf wie ein Supermarkt-Verkäufer, den ein gefälschter Schülerausweis beim Bier kaufen ganz und gar nicht überzeugt.

9.

Da spielen sie Flipper im englischen Strafraum, Batshuayi spekuliert aufs Freispiel, grätscht die Kugel aufs Tor, aber Stones kriegt im letzten Moment den Arm dazwischen. Beziehungsweise das Bein. Ihr wisst schon. Batshuayi klimpert mit dem Kleingeld. Da geht noch was.

12.

Soso, die Fairplay-Wertung entscheidet heute bei Unentschieden. Der sicherste Weg zum Nicht-Gruppensieg bestünde also aus eingesprungen Blutgrätschen und liebevollen Pferdeküssen. Wir legen uns fest: Wer bei diesem Spiel mit 11 Spielern vom Feld geht, hat den Fußball nie geliebt.

14.

Ich überweise jedem 50 Euro, der seinen Erstgeborenen auf den Kampfnamen »James Vardy, der Gefürchtete« tauft.

17.

Wäre ich Heribert Fassbender (und manchmal wünsche ich mir, es wäre so), würde ich jetzt ins Mikro flöten: "Ein munterer Auftakt!" Nur um mich dann mit meinem Experten Karl-Heinz Feldkamp zu besaufen. Mit Eierlikör. Später dann Schnaps und Essiggurken an der Hotelbar. Bisherige Erkenntnis dieses Spiels: Ich MUSS meinen Erstgeborenen Heribert nennen, führt kein Weg dran vorbei.

19.

Alexander-Arnold. Aus unserer Serie: Namen von Seifenoper-Ärzten auf Fußball-Trikots. Dr. Alexander-Arnold, bitte auf Station 15! Nachher dann Rudern gehen mit dem verhassten Gynäkologen aus der 14.

21.

Was haben die Engländer nur mit ihren Problemfans gemacht? Die Kameras zeigen fröhliche und offensichtlich nur leicht angetrunkene Spaßmacher mit Instrumenten. Tubas statt totale Kaputte. Wenn gleich Paul Gascoigne auftaucht, um in einer Talkshow 80 Minuten lang über das Waldsterben in West-Kirgisien zu dozieren, bin ich raus und verbringe des Rest des Abends mit Youtube-Schlägereien aus den frühen Neunzigern.

24.

Englands Keeper Pickford am Ball. Angeblich der neue Wundermann zwischen dem Gestänge. Kann den Ball aus der Hand über 70 Meter weit in den Fuß seiner Mitspieler kloppen. Und ich denke wehmütig an ebenso hohe, wie sinnlose Abschläge von Claus Reitmeier oder Pascal Borel.

25.

Guter alter Tom Bartels. Will man ein bisschen funkig sein und auf das Granaten-Angebot von sportschau.de hinzuweisen und benutzt dabei das Jugendwort des Jahres 1963: hey. Öffentlich-rechtlich for life, Digger!

27.

"John Stones. Der Name ist Programm. 1,88, wiegt über 90 Kilo", raunt Bartels, wirft sich danach auf den Boden der Pressetribüne und macht 150 Liegestütze. Nennt sich dann um in Jörg Aut. Weil der Name Programm ist.

30.

Und auf der Trainerbank schaut Gareth Southgate auf seinem Handy alte Uwe Seeler-Fotos. "Tore des Nordens", murmelt Southgate und schwelgt, "Tore des Nordens."

32.

Belgien ist dem 0:0 näher als England dem, nunja, 0:0.

33.

Mal ehrlich: So zuneigt wie sich die Mannschaften hier begegnen, um in Richtung Sonnenuntergang (ergo: Achtelfinale) zu flanieren, würde es niemanden wundern, wenn sie gleich Händchen halten, selfies-knipsend süße Stirnküsse austauschen und sich gegenseitig Kuscheltiere auf dem Rummel schießen.

34.

Und Tom Bartels schmollt derweil sich derweil auf dem Parkplatz und weigert sich, zum Tor bei Tunesien gegen Panama umzuschalten!

38.

Habe vor lauter Trommeln mit den Fingerspitzen die Tischplatte zerlegt. Tickere jetzt zwischen den Trümmern vom Redaktionsboden weiter und ziehe mir schreiend Holzsplitter aus den Händen. Stimmt natürlich nicht. Aber dieses Spiel zwingt einen ja in die Tagträume, um wenigstens irgendwas zu fühlen!

40.

Thorgan Hazard gerade mit einem Volleyschuss von der Grenze des Fünfmeterraums. Der Ball wird länger und länger. Und landet im Seitenaus. Der Arena in Moskau. Gut 1.200 Kilometer entfernt. Ja wirklich, so weit weg war dieser Abschluss von einer gefährlichen Torchance.

43.

Moussa dieu! Jetzt nervt Dembéle sogar, wenn Frankreich gar nicht spielt. 


45.

Früher, auf langen Autofahren mit meinen Eltern, habe ich mir vor Langeweile immer Biografien zu den Menschen ausgemalt, die wir überholten. Warum ich daran denke? Weil Gareth Southgate mit seiner Weste aussieht, als wäre er ein neokoloniale Earl of Irgendwas aus, der in Ascot über der Koks-Platte hängt und frotzelt: »Ne klare Linie ist ja immer gut, nä???«

20:46 Uhr

Endlich Halbzeit! Bei diesem Spiel, das mich an den Speiseplan während meiner letzten Magen-Darm-Grippe erinnert: Schonkost.

20:59 Uhr

Turnierbaum – aber als bedrohte Pflanzenart, verteidigt von militanten Naturschützern im Thüringer Wald. Schöne Vorstellung.

21:02 Uhr

Englands hinterster Bankwärmer heißt Drinkwater. Der Säulenheilige des DDR-Fußballs heißt Sparwasser. Kein Wunder also, dass Hedonismus in Deutschland ein Fremdwort ist. Hat die Hoffnung auf ein wenig Spielfreude in der 2. Halbzeit noch nicht aufgegeben: der Ticker.

46.

Es geht weiter. Frage eben noch an Stefan Kuntz: "Was macht uns Hoffnung, dass das Spiel besser wird?" Antwort: "Nichts." Ok.

48.

Chanchen für Rashford, aber der gute alte Schnibbler klappt nicht so ganz, Ball fliegt stumpf am Tor vorbei. David Beckham schneidet sich vor Wut selbst an.

49.

Rose, Delph, Vardy - früher besetzte man mit solchen Namen McGyver-Folgen.

50.

TOOOOOORR!!!! 1:0 für Belgien! Januzaj macht Rose frisch und schmirgelt den Ball mit links ins lange Eck. Trainer Martinez reagiert mit dem "Leck mich fett"-Handwedler, lässig. Und endlich dürfen wir hier gepflegt der Fairplay-Wertung einen Tritt in die Eier geben. Natürlich nur, wenn der Schiri nicht guckt.

53.

Freistoß England. (Dr.) Alexander-Arnold steht bereit, Halbgott in weiß. Haut den Ball dann sehr menschlich in die belgische Mauer. Vor seinem Bildschirm im Kraftraum durchzuckt es Daniel van Buyten sehnsüchtig, in solche Bäller hielt er früher seine Hoden. Nur zum Spaß. Seelige Zeiten. Legt sich dann zu Bett mit einem astreinen Choke-Slam.

56.

Neu im Spiel übrigens für England: Harry Maguire. Der stand, so war es heute auf 11freunde.de zu lesen, 2016 noch mit seinen Jungs auf der Tribüne, heute ist er Nationalspieler. Es gibt also noch Hoffnung für solche unentdeckten Jahrhundert-Talente wie Seydack und mich. Vielleicht gerade jetzt, in Jogis Neuaufbau. Ich eigne mich hervorragend als Maulwurf.

58.

Vermaelen bekommt von Vardy ohne Absicht auf die Zwölf, schüttelt sich, kühlt die Rübe und macht weiter. Der Typ arbeitet in seiner Freizeit als Prellbock in Sackbahnhöfen.

62.

Phil Jones in der gegnerischen Hälfte, versucht es gar mal mit einem Schuss. Acht Meter drüber. Der Ochse klöppelt normalerweise gegnerische Stürmer über die Bande, als Offensivmann so gut zu gebrauchen wie ein Kampfhund im Streichelzoo.

65.

Plötzlich drängt England auf den Ausgleich, vielleicht sogar den Gruppensieg. Aber Vorsicht: Das letzte Mal, als England so richtig Bock hatte auf etwas, was sie eigentlich nie wollten, zählte die EU danach ein Mitglied weniger.

66.

UHHH! Marcus Rushford umkurvt die komplette belgische Abwehr wie ein Betrunkener den Gehweg, kriegt am Ende aber den Schlüssel nicht in Schloss. Beziehungsweise den Ball ins Tor. Weiter 1:0 für Belgien.

70.

Vorschlag für eine Dragonball-Z-mäßige Genkidama a la Son Goku bzw. Three-Lions-mäßig für Son Vardy: Alle England-Fans, die behaupten, Tore fielen ECHT IMMER, wenn sie gerade pinkeln sind, exxen drei Liter Pils und tapsen Richtung Toilette.

72.

Eric Dier mit einem Tackling so sauber wie ein künstlicher Darmausgang. Also vor dem ersten Einsatz.

75.

Kollege Raack schwenkt Bengalos, ich gucke direkt in die Flamme und bin blind. Raack bekommt wegen »Football’s Coming Home« in Dauerschleife auf 200 Dezibel einen Hörsturz. Ich bin seine Ohren, er ist meine Augen. Und die Leber teilen wir uns, flüstert Kollege Raack, als er den nächsten Genever eingießt. Stößchen, oder wie Tom Bartels gerade sagte: »Das ist Job-sharing.«

78.

Welbeck kommt für England, Kompany für Belgien. Die jeweils letzten Feldspieler, die zuvor noch keine Minute bei dieser WM gespielt haben. Und im Zentralhirn zwickts bei Ranga Yogeshwar. Eine solche Rotation könnte ein schwarzes Loch auslösen!!!!

81.

Ich schwöre: Der Wirt vom Pub gegenüber hat gerade bei einem ultraknapp-rübergezirkelten Freistoß von Rashford seine Außenbestuhlung zusammengetreten und knetet sich jetzt mit beiden Händen die Gesichtsbemalung. Für England ist es eben ein Spiel zum Abschminken.

84.

Gerade unwillkürlich an den jungen Mesut Özil gedacht und kurz geweint. Was ein Fußballer.

85.

Auf Englands Bank sitzt Harry Kane und macht ein langes Gesicht. Jens Todt versteht.

87.

Englische Flanke hinter das Tor. Und draußen steht Southgate, nestelt an seiner schicken Weste, kaut an einem Bleistift und trifft sich mit seinen Freunden aus dem Gentlemans Club, Zigarre paffen, Snooker spielen, die nächste Jagd planen, herrlich.

89.

Was wir nie vergessen sollten: wen Belgien als Co-Trainer auf der Bank sitzen hat. Thierry Henry. Bei uns: Thomas Schneider, 133 Spiele für den VfB Stuttgart, 8 für Hannover 96. Just saying.

90.

Schuss von Mertens, Pickford segelt durch die Luft und klatscht den Ball aus der Gefahrenzone. Air Jordan.

Abpfiff

Nett war´s. Wir haben viele englische und belgische Spieler gesehen, die wir bislang noch nicht kannten, durften zwei Turnier-Favoriten dabei zusehen, wie sie das taten, was Favoriten tun, nänmlich vor allem nicht den Kopf hängen lassen und in Lethargie versinken. Belgien Gruppenerster, England Zwoter, und endlich ist diese Gruppenphase vorbei. Wir sehen uns im Achtelfinale! Schönen Abend euch.